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Namensforschung Und was ist mit Warschau?

Von Freienfurt über Niederlassung und Quellen nach Bruchzelle, über Dunkelfurt und Linden nach Sumpfstadt: Die Karten von Stephan Hormes und Silke Peust verraten die wahren Namen unserer Länder und Städte.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Willkommen in Sumpfstadt

Kürzlich führte mich mein Weg von Freienfurt über Niederlassung und Quellen nach Bruchzelle. In der Woche danach ging es über Dunkelfurt und Linden nach Sumpfstadt. Und alsbald steht gar ein Flug bevor, der mich ins Land der Dörfer bringen wird, in deren größtes übrigens, ein Viermillionenkaff, das den schön schlichten Namen Treffpunkt trägt.

Nun könnte man für diese seltsamen Bezeichnungen auch deren Klarnamen einsetzen: Frankfurt, Köln, Aachen, Brüssel, Erfurt, Leipzig, Berlin, Kanada und Toronto. Aber sollte man unter Klarnamen nicht vielmehr die korrekten Übersetzungen der doch meist unverständlichen Bezeichnungen aus dem Althochdeutschen, Lateinischen, Niederländischen, Slawischen, Altpolabischen, Algonkin und Huronischen verstehen? Doch wozu? Was für babylonisch-polyglotte Wesen sind wir doch, wenn wir auf eine Karte schauen! Nur äußerst selten verwenden wir statt der landesüblichen Bezeichnungen eigene Benennungen wie im Falle Mailands oder Venedigs, die aber eher noch älter sind als die italianisierten Namen Milano und Venezia, die auch nur sagen: Mittenwiesen und Freunden (weil der Stammesname der Veneter, nach dem Venedig benannt ist, „Freund“ bedeutet).

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Von Lissabon nach Istanbul

Der Blick auf eine Karte, die solche Rückübersetzungen ins ursprünglich Gemeinte statt der gewohnten Orts- und Landesnamen bietet, ist deshalb im höchsten Maße verwirrend - für den ersten Augenschein. Dann aber kommt man ins begeisterte Lesen, geht von Fröhliche Meeresbucht im äußersten Westen über Weiden und Die Gesunde, Blitzen und Frühlingen, über Knie und nochmals Weiden ins Land des Worte, dann nach Weisheit, um endlich in In die Stadt hinein anzugelangen, und hat damit eine Reise von Lissabon (phönizisch für Fröhliche Meeresbucht) nach Istanbul (griechisch für „In die Stadt hinein“) vollzogen, die eine Reihe recht prominenter Städte berührt hat, von denen nur so viel verraten sei, dass das oberpfälzische Weiden seine spanische Namensbase in Madrid hat und die italienische in Udine.

Wo es diese Karte gibt? In Ihrer Buchhandlung, und das gleich zweimal: einmal für Europa und einmal für die ganze Welt. Auf Letzterer ist etwa in Deutschland außer Sumpfstadt nur noch Winkelburg (Hamburg) aufgeführt, dafür aber begegnet man so schönen Landschaften wie dem Platz, an dem es nichts gibt (Namibia), dem Vaterland der Unbestechlichen (Burkina Faso) oder dem Land der fünf Flüsse, Reiter und Schildkröten (Pakistan, wobei man einschränken muss, dass dieser Name ein Kunstwort ist, der die jeweils ersten Buchstaben von Punjab, Afghanistan und Kaschmir mit istan, dem persischen Wort für Land, verbindet).

Rauchender Berg

Beim Studium der beiden Karten werden Namen tatsächlich Schall und Rauch, wobei Letzteres weitaus öfter vorkommt, etwa in Island (Reykjavík bedeutet Rauchbucht) und Mexiko (Popocatepetl heißt einfach Rauchender Berg - gut, was?), während der südostafrikanische Fluss Sambesi als Rauchender Donner beides ideal miteinander verbindet.

Die Welt wird einfacher zu durchschauen, wenn man sich klarmacht, dass der Name Sarajevo ein türkisch-serbisches Sprachgemisch für „Hier ist der Palast“ darstellt - natürlich musste man sich um so eine verlockende Stadt schlagen. Wenn man erfährt, welche Bedeutung der Name von Harare in der Bantu-Sprache hat, versteht man besser, wie Robert Mugabe seine Macht bewahrt: „Der niemals Schlafende“ heißt die Hauptstadt von Zimbabwe. Und dass im Land der Entflammten (Libyen) ein Hitzkopf namens Gaddafi regiert, wen mag das noch verwundern?

Witzig und lehrreich

Die Idee, die Stephan Hormes und Silke Peust mit ihren beiden etymologischen Karten hatten, ist also nicht nur witzig, sondern auch lehrreich - und sei es, um Klischees zu bestätigen (Land der Leute am hinteren Ende lautet die Herleitung des Namens der Halbinsel Kamtschatka) oder zu widerlegen (Algerien bedeutet Land der Inseln, verdankt diese Benennung aber der Stadt Algier, die vor ihrer Küste vier Inselchen aufzuweisen hat). Die Weltkarte bietet überdies einiges, was nicht von dieser Welt ist, nämlich die Entschlüsselung der Planetennamen und der Himmelsrichtungen. So weiß man nun auch, dass der Norden vom griechischen nerteros abgeleitet wird, also „unterirdisch“ bedeutet.

Auf der Rückseite der Karten sind die jeweiligen Namen ins Verständliche aufgelöst, werden also wieder auf die geläufigen Ortsnamen zurückgeführt. Dass dabei bisweilen Chaos herrscht, weil das Vaterland der Unbestechlichen rückseitig als „Land der Unbestechlichen“ ausgewiesen ist, während das Land des mächtigen Kämpfers (Amerika) nur unter „mächtiger Kämpfer“ zu entschlüsseln ist, sei nachgesehen. Heikler ist etwa im letzteren Fall die Rückführung der Etymologie über den eigentlichen Sinn hinaus. Denn natürlich ist Amerika zu Ehren des Entdeckungsreisenden Amerigo Vespucci so benannt, dessen Vorname aber wiederum auf die althochdeutschen Begriffe für „mächtigen Kampf“ zurückgeht.

Immerhin berichtet das Register diese ganze Geschichte. Dass jedoch Sankt Petersburg nach Peter dem Großen benannt wurde, muss man dann schon wissen, denn die Rückführung auf das lateinische Wort für Felsen hilft da nicht weiter. Ebenso wenig wie die Übersetzung Washingtons aus dem Altenglischen als Landgut der Familie des erfolgreichen Jägers. Und wieso ist sowohl bei Europa- wie Weltkarte der einzige nicht etymologisch abgeleitete Name Warschau? Heißt das nichts? Oder war da nichts herauszubekommen? Auch für diesen Anstoß sind die Karten gut.

Stephan Hormes, Silke Peust: „Atlas der Wahren Namen - Europa“/ „Atlas der Wahren Namen - Welt“. Etymologische Karten. Kalimedia, Lübeck 2008. Jeweils eine ausfaltbare Karte, 6,- Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
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