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Veröffentlicht: 05.07.2008, 12:00 Uhr

Nach Proust gibt es keinen Roman mehr

Fällt heute in einer Diskussion der Name Roland Barthes, dann meistens im Zusammenhang mit der von ihm lancierten These vom "Tod des Autors". Man könnte geradezu von einer Schrumpfung der Barthes-Rezeption in Deutschland auf dieses eine Schlagwort sprechen. Diese extreme Verkürzung eines hochkomplexen ...

Fällt heute in einer Diskussion der Name Roland Barthes, dann meistens im Zusammenhang mit der von ihm lancierten These vom "Tod des Autors". Man könnte geradezu von einer Schrumpfung der Barthes-Rezeption in Deutschland auf dieses eine Schlagwort sprechen. Diese extreme Verkürzung eines hochkomplexen und unvergleichlich innovativen Werkes stellt sich als die konsequente Fortsetzung der Probleme heraus, die man in Deutschland mit Roland Barthes von Anfang an hatte. Wenn Ottmar Ette 1998 in seiner "intellektuellen Biografie" des französischen Kritikers, Essayisten und Literaturwissenschaftlers festhält, Deutschland sei auf der Landkarte der internationalen Barthes-Rezeption ein weißer Fleck, so muss man zehn Jahre später sagen, dass sich daran so gut wie nichts geändert hat. Gerade der späte Barthes war in keines der gängigen Diskursmuster mehr einzuordnen. Dieser emphatische Erforscher des Schreibens und des literarischen Begehrens entzog sich zuletzt jeder fachspezifischen Klassifizierung und galt manchen seit seinem in den siebziger Jahren vollzogenen Schwenk weg vom systematischen Strukturalismus gar als zunehmend unwissenschaftlich.

Barthes, der seit den fünfziger Jahren mit seinen Studien zum Nullpunkt der Schreibweise, den Mythen des Alltags, zu Racine, Michelet und zu den Sprachen der Mode entscheidend dazu beigetragen hatte, der Literaturforschung eine genuin objektivierende Basis zu geben, entdeckte seit den frühen siebziger Jahren das Subjekt neu. Da dieses seine Existenz im Widerstreit mit dem System manifestierte, war die zuvor lange Zeit mit Aplomb behauptete strukturalistische Objektivität nicht mehr aufrechtzuerhalten. Barthes entwickelte aus diesem Kontrast heraus eine Schreibweise, die an essayistischer Radikalität alles in den Schatten stellte, was die internationale Literaturwissenschaft bis dahin hervorgebracht hatte. Mit ihr versenkte er sich in die Frage nach dem Schreiben als dem Urgrund des subjektiven Imaginären und entfaltete ein weites analytisch-assoziatives Feld. Nach Barthes Berufung an die Pariser Elitehochschule Collège de France im Januar 1977, wo er bis zu seinem Tod im Frühjahr 1980 wirkte, verfolgte er diese Fragen auch als akademischer Lehrer.

Die nun unter dem Titel "Die Vorbereitung des Romans" auf Deutsch erschienenen beiden letzten Vorlesungen, die Barthes zwischen Dezember 1978 und März 1979 sowie zwischen Dezember 1979 und März 1980 im Auditorium Maximum an der Place Marcelin-Bethelot jeweils samstagmorgens hielt, widmen sich diesem, wie es in Nathalie Légers Einleitung heißt, "letzten Kreis der Forschung".

Der Roman als Durchbruch des Subjekts Die Anspielung auf Dantes Inferno ist kein Zufall. Dante bildet den Subtext, auf dem sich das Unternehmen des Romans abspielt: Nel mezzo del camin di nostra vita - in der Mitte unseres Lebensweges entsteht die Fantasie eines neuen Lebens, einer Vita Nova, und dies, so Barthes, könne für den Schreibenden nur heißen, einer neuen Schreibweise. Es geht um die Phantasie des Schreibens des Subjekts, das an einem relativ späten Zeitpunkt seiner Existenz erkennt, dass es sein Leben noch einmal ändern muss. Schon der Ausgangspunkt also ist hochgradig subjektiv, doch Barthes sagt klipp und klar, dass allein die Subjektivität der Maßstab sein kann, an dem die Frage nach der Literatur tiefgreifend gestellt werden kann: "Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur."

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