26.10.2010 · Unter ernstzunehmenden Klimawissenschaftlern ist der Wandel bewiesen, trotzdem versuchen Leugner sich zu etablieren. Naomi Oreskes und Erik Conway machen die Praktiken in einem hervorragend dokumentierten und fesselnd geschriebenen Buch deutlich.
Von Thomas WeberFred Seitz, Fred Singer und Bill Nierenberg waren ein bemerkenswertes Trio von Wissenschaftlern. Ob es um die Risiken des Rauchens und Passivrauchens, das Ozonloch, den sauren Regen oder um den von Menschen verursachten Klimawandel geht, in den vergangenen vierzig Jahren standen diese drei einflussreichen Physiker immer wortmächtig auf der Seite der Industrie, wenn es darum ging, staatliche Regulierungen der Wirtschaft zu verhindern. Ihre Aktivitäten zeitigten nicht immer die erwünschte Wirkung, aber in der Frage des Klimawandels waren sie vielleicht erfolgreich: Die im vergangenen Jahr gestohlenen E-Mails der Klimawissenschaftler wurden zu einem inszenierten Skandal, dem „Climategate“, aufgeschaukelt, während die offensichtlich von wirtschaftlichen Interessen getragenen Aktivitäten vieler Klima-Skeptiker verpufften.
Naomi Oreskes und Erik Conway sind in ihrem hervorragend dokumentierten und fesselnd geschriebenen Buch erfrischend deutlich: Die Macht der Belege für den Klimawandel ist dermaßen überwältigend, dass unter ernstzunehmenden Klimawissenschaftlern keine Debatte mehr geführt wird, sondern ein außergewöhnlicher Konsens herrscht. Skandale und Diskussionen werden von den Leugnern des Klimawandels künstlich inszeniert, wobei fast alle Mittel recht sind. Die meist großzügig finanzierten Leugner manipulieren, drohen und schüchtern ein. Die historische Perspektive auf diese Strategien verleiht dem Buch eine besondere Eindringlichkeit.
Klimalobby harmlos im Vergleich zur Tabakbranche
Vergleichsweise harmlos erscheint noch der Versuch der Tabakindustrie, die öffentliche und wissenschaftliche Meinung zu manipulieren. Sie schuf ein Netz von Instituten und Zeitschriften, die ein Simulakrum von Wissenschaftlichkeit darstellten. So sollte etwa das „Center for Indoor Air Research“ die Aufmerksamkeit auf andere Ursachen für Lungenerkrankungen als Tabak lenken und von der Industrie finanzierte Zeitschriften veröffentlichten bevorzugt Ergebnisse, die die Gefahren des Rauchens relativierten.
Der Ton und die Praxis sind zwischenzeitlich aber rauher geworden. Unterstützt von konservativen Stiftungen, die wiederum Gelder von der Tabak- oder Energieindustrie erhalten, und mit publizistischer Schützenhilfe von PR-Agenturen und Zeitungen wie dem „Wall Street Journal“ werden Diffamierungen und Fehlinformationen im öffentlichen Diskurs plaziert. Wenn wissenschaftliche Befunde sich nicht wirkungsvoll in Zweifel ziehen lassen, werden Wissenschaftler auch persönlich angegriffen.
Gesundheits- und Umweltschutz nur als Vorwand
Was trieb aber begabte Wissenschaftler wie Seitz, Singer und Nierenberg dazu, sich solchen Kampagnen anzuschließen? Oreskes und Conway sehen die Ursache in der Prägung dieser Wissenschaftler im Kalten Krieg. Sie verstanden sich als Kämpfer gegen Sozialismus und Kommunismus und ab den später sechziger Jahren als immer einsamer werdende Fürsprecher der individuellen Freiheiten, die sie in den Vereinigten Staaten und im Westen vor allem von der Umweltbewegung bedroht sahen. Gesundheits- und Umweltschutz sind für sie nur ein Vorwand den der Staat nutzt, die Freiheit der Bürger immer mehr einzuschränken.
Das Buch führt gut vor Augen, wie Geo- und Klimawissenschaften und Epidemiologie ihre Erkenntnisse eigentlich untermauern. Die Geologin und Wissenschaftsphilosophin Naomi Oreskes vertritt dabei eine ausgeprägt realistische und pragmatische Position: Außer in einigen wenigen trivialen und für die politische Praxis völlig belanglosen Fällen kann Wissenschaft keine logisch unstrittigen Beweise liefern, sondern höchstens einen robusten Konsens von Experten hervorbringen, der offen ist für eine fortdauernde Überprüfung und Neubewertung.
Dies gilt vor allem für Disziplinen wie die Geowissenschaften oder die Epidemiologie, in denen keine direkte experimentelle Überprüfung von Hypothesen möglich ist. Die Zweifler benutzen ein irreführendes Bild von Wissenschaft als ein Unternehmen, das absolut gesichertes Wissen liefern soll und kann - und stürzen sich dann auf jede Lücke, um Gesundheits- oder Umweltrisiken als unbewiesen hinzustellen. Als ob Eingriffe nur dann gerechtfertigt seien, wenn keinerlei Zweifel an irgendeinem der Elemente in der wissenschaftlichen Beweiskette angebracht werden kann.
Wissenschaft ist immer im Krisenzustand
Doch solch primitiver Positivismus ist lange schon als Schimäre überführt. Ein wissenschaftlicher Sachverhalt besteht, wenn unter Experten ein breiter und immerfort überprüfter Konsens herrscht. Die Theorie der Plattentektonik wurde erst in den achtziger Jahren durch satellitenbasierte Messungen direkt bestätigt. Geologen waren allerdings schon seit Jahrzehnten durch zahllose andere Erkenntnisse zur Überzeugung gelangt, dass diese Theorie richtig ist. Als der Beweis schließlich gelang, interessierte sich kaum noch jemand dafür. Es dauert oft Jahrzehnte, bis eine Einigung erreicht wird, und Zweifel werden zumeist nie vollständig ausgeräumt. Anders als Thomas Kuhn vermutete, ist Wissenschaft immer in einem mehr oder weniger offenen Krisenzustand - und funktioniert trotzdem, weil robuste und transparente Mechanismen existieren, mit solcher Unsicherheit umzugehen.
Die Strategien der Leugnung, die vom Rauchen bis zum Klimawandel angewendet wurden, stellen einen funktionierenden Mechanismus moderner Gesellschaften in Frage: die Rolle naturwissenschaftlicher Expertise in politischer Entscheidungsfindung. Welche Experten jeweils zu Rate gezogen werden, ist nicht immer einfach zu entscheiden, Experten sind natürlich nicht unfehlbar, und wie wissenschaftliche Expertise gegen andere Ziele abgewogen wird, muss in jedem Einzelfall neu verhandelt werden. Die Leugner stellen aber aus ideologischen und kurzsichtigen Gründen ein im Großen und Ganzen bewährtes System in Frage, das in Anbetracht von ungemein hoher Komplexität die bestmöglichen Zukunftsprognosen liefern kann. Die von der „Tea Party“ verkörperte Radikalisierung der republikanischen Politik in den Vereinigten Staaten lässt indes wenig Hoffnung auf ein Abstandnehmen von dieser Strategie. Umso mehr wünscht man diesem erhellenden Buch viele Leser.