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Zustände in Krankenhäusern : Mit Gewalt gegen Patienten

  • -Aktualisiert am

Mord und Totschlag im Krankenhaus? Ein Buch provoziert mit kontroverser These. Bild: dpa

Für zwei Autoren sind in deutschen Krankenhäusern Mord und Totschlag an der Tagesordnung. Ihr Buch steht wissenschaftlich auf wackeligen Beinen. Einen wunden Punkt berührt es trotzdem.

          Das Ärgerliche vorweg: Klappentext und Presseverlautbarung kündigen an, in diesem Buch werde eine bislang unveröffentlichte Studie vorgestellt, die einen ungeheuerlichen Skandal offenlege. Mehr als zwanzigtausend Patienten, so die Hochrechnung, würden in jedem Jahr in deutschen Kliniken von Ärzten und Pflegern getötet. Doch die Darstellung der Studie nimmt im Buch kaum zweieinhalb Seiten ein. Und es fehlen alle Angaben, die es erlaubten, die Schlussfolgerung nur annähernd nachzuvollziehen.

          Der Psychiater Karl H. Beine hat Pflegepersonal und Ärzte befragt, ob es ihnen schon zu Ohren gekommen sei, dass in ihrer Klinik das Leben eines Patienten aktiv beendet worden sei oder ob sie gar selbst daran beteiligt gewesen seien. Dabei bleibt unberücksichtigt, dass Pflegende und Ärzte nicht selten Behandlungen zu begrenzen gehalten sind, etwa weil die sich als nicht mehr sinnvoll erweisen oder von den Betroffenen abgelehnt werden. Das Betätigen des Schalters bei der Beendigung einer Atemtherapie wird als aktives Tun erlebt. Dies ist nicht selten sehr belastend, insbesondere dann, wenn Patienten binnen kurzer Frist versterben. Doch darf es nicht mit Tötungen verwechselt werden.

          Autor rudert zurück

          Mittlerweile rudert der Autor zurück. In den Medien wird er mit dem Eingeständnis zitiert, die Studie sei wissenschaftlich unzureichend, Schlussfolgerungen könne man daraus keine ziehen. Ein beigefügtes Literaturverzeichnis im Buch soll Wissenschaftlichkeit suggerieren. Neben Statements von Interessengruppen machen jedoch das Gros Verweise auf Artikel in Publikumszeitschriften aus. Die Verfertigung des Sachbuchs als Kompilation aus Zeitungsberichten.

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          Ausgangspunkt der Recherchen und der als Studie bezeichneten Befragung von Mitarbeitern in Kliniken sind die notorischen Serientötungen durch Krankenschwestern und -pfleger. Wie etwa der aktuelle Fall des mutmaßlichen Massenmörders Niels H. aus dem Klinikum Delmenhorst. Aus Gerichtsakten und den Berichten eines mit den Geschehnissen befassten Untersuchungsausschusses des Niedersächsischen Landtags rekonstruieren die Autoren, wie Tötungen durch den Pfleger, der gravierende psychische Auffälligkeiten aufwies, begünstigt durch Mängel der Organisation, Defizite der Teambildung und unzureichende Kommunikation innerhalb klinischer Abteilungen lange Zeit unentdeckt blieben. Es lohnt sich, diese Fallgeschichten aufzuarbeiten. Und die Frage, ob es sich dabei lediglich um Einzelereignisse handelt, verdient eine sorgfältige Betrachtung.

          Ökonomisierung soll schuld sein

          Allein, die bleiben die Autoren schuldig. Sie haben die Ursachen längst ausgemacht: die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und hier im Besonderen das System der Finanzierung der Kliniken über Fallpauschalen. „So wurden aus Krankenhäusern und Heimen systematisch unmoralische Rechenmaschinen.“

          Karl H. Beine und Jeanne Turczynski: „Tatort Krankenhaus“
          Karl H. Beine und Jeanne Turczynski: „Tatort Krankenhaus“ : Bild: Droemer Knaur

          Niemand sollte die um sich greifende Ökonomisierung im Gesundheitswesen unterschätzen. Doch Handeln im Krankenhaus wird von vielen Faktoren beeinflusst. Ein Krankenhaus ist eine in seiner Komplexität nicht selten unterschätzte Einrichtung. Gleichzeitig sind dort wie in kaum einer anderen Institution Personen ihren Mitmenschen anheimgegeben, wenn nicht ausgeliefert. Und Gewalt gegen Patienten ist – wie auch die gegen Pflegende und Ärzte – ein Phänomen, das vermutlich zu wenig beachtet ist. Dennoch will niemand die videoüberwachte Klinik. Das System funktioniert, weil es auf Vertrauen basiert.

          Da sind Kontrollen, Überwachung der Qualität, Gespür für Störungen im Team seitens der Führungskräfte nötig. Es ist, grob vereinfachend, Versagen einzig ökonomischem Denken zuzuschreiben. Tötungen im Krankenhaus gab es auch schon vor der Einführung der Fallpauschalen.

          Weltweiter Spitzenplatz in der Krankenhausbehandlung

          Richtig ist der Hinweis, dass persönliche Krisen bei Mitarbeitern in der Medizin oft mit einer Verrohung der Sprache beginnen, etwa beim Umgang mit dem Sterben und dem Leichnam. Doch vermisst man den Blick für die Hintergründe der Schwierigkeiten bei der Teambildung, die nicht zuletzt soziale Kontrolle ermöglicht. Dazu zählt etwa die unselige Aufteilung der Hierarchien im Krankenhaus in Pflegepersonal und Ärzte. Prozesse werden daher meist nicht vom Patienten aus gedacht, sondern aus dem Blickwinkel professionell zugeschriebener Aufgaben und Kompetenzen. Dies führt die Teams nicht zusammen, es trennt sie und ist einem effektiven Fehlermanagement abträglich. Die Autoren beklagen zu Recht, dass der Umgang mit Fehlern in vielen Kliniken zu wünschen übrig lässt.

          Überhaupt werde in Deutschland viel zu häufig im Krankenhaus behandelt. Die Bundesrepublik besetzt unter den Industriestaaten den Spitzenplatz, was die Zahl der Krankenhausbehandlungen angeht. Weniger wäre besser, meinen die Autoren. Doch versuchten die Kliniken durch die Steigerung der Patientenzahlen Geld zu verdienen. Der Leser stutzt: Bislang werden die Patienten hierzulande nicht mit dem Lasso eingefangen. Warum suchen sie in so großer Zahl diese gefährlichen Orte auf? Und warum fordern Beine und Turczynski entgegen ihrer eigenen Einschätzung in ihrem Resümee noch mehr Kliniken, damit die Patienten auswählen könnten? Das Krankenhaus als Institution, in dem Pflege und wissenschaftlich basierte medizinische Behandlung zusammengeführt werden, ist ein Markenzeichen europäischer Kultur, das segenbringend in viele Regionen der Erde transferiert wurde. Es lohnt, für seine humane Ausgestaltung unter den Bedingungen moderner Industriegesellschaften zu kämpfen. Denn es besteht die Gefahr, dass den Kliniken zwar nicht die Patienten, aber kompetente Mitarbeiter ausgehen. Sie verdient eine weniger auf den Effekt zielende Analyse, als sie die beiden Autoren in diesem Buch vorlegen.

          Karl H. Beine und Jeanne Turczynski: „Tatort Krankenhaus“. Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert. Droemer Knaur Verlag, München 2017. 256 S., geb., 19,99 .

          Quelle: F.A.Z.

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