http://www.faz.net/-gr3-78ysk

Monica Prasad: The Land of Too Much : Superreiche, superarme Supermacht

  • -Aktualisiert am

Bild: Harvard University

Historische Vergleiche helfen doch weiter: Monica Prasad untersucht die amerikanischen Wohlstandskluften und arbeitet den Charakter des amerikanischen Interventionsstaates heraus.

          Entgegen einem offenbar nicht auszurottenden Mythos waren die Vereinigten Staaten niemals ein schwacher Staat. Bereits für das neunzehnte Jahrhundert hat jüngst Brian Balogh überzeugend nachgewiesen, wie wichtig staatliche Eingriffe von Landzuteilungen an Eisenbahnen über die Bereitstellung von Kommunikationsinfrastruktur bis hin zu militärischem Schutz für Siedler im Westen waren.

          Und bereits vor annähernd zwanzig Jahren hat Daniel Rodgers die Erzählung von der Schwäche des amerikanischen Staates auf die sehr spezifischen Erfahrungen und transatlantischen Kontakte urban-bürgerlicher progressivistischer Akademiker und Intellektueller zurückgeführt.

          Staat folgte der Agrarlobby

          Diese Ansätze greift die Soziologin Monica Prasad nun in ihrer Studie zum paradoxen Verhältnis überschäumenden Reichtums und verheerender Armut in den Vereinigten Staaten auf. Dabei dreht sie die alte progressivistische Erzählung um, stellt sie gewissermaßen vom Kopf auf die Füße und argumentiert dezidiert aus dem Blickwinkel agrarischer Populisten des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, die ganz andere Erfahrungen im Vergleich der Vereinigten Staaten mit den fortgeschrittenen Industrienationen machten als die städtischen Eliten.

          Gleichsam nebenbei belegt Prasad dabei, ähnlich wie vor einiger Zeit Charles Postel, die ökonomische Rationalität der allzu lange als protofaschistisch und antiintellektuell gebrandmarkten Farmerpopulisten der 1890er Jahre. Aber das Hauptaugenmerk ihrer breitangelegten, historisch vergleichenden Untersuchung gilt den besonderen Mustern, denen der amerikanische Interventionsstaat unter dem Druck agrarischer Lobbys seit dem ausgehenden neunzehnten Jahrhundert folgte.

          Verzicht auf eine nationale Umsatzsteuer

          Anders als die europäischen Nationen hätten, so Prasad, die amerikanischen Regierungen weniger die Produktion geregelt als die Nachfrage. Früher als die europäischen Sozialstaaten bauten die Vereinigten Staaten einen umfangreichen Konsumentenschutz auf, dessen hohe Standards selbst europäischen Sozialdemokraten zu wirtschaftsfeindlich erschienen.

          Ebenso früh wurde die progressive Einkommensteuer eingeführt, die dann in den siebziger Jahren ungeahnte Höhen erklomm - höher als in den europäischen Wohlfahrtsstaaten üblich. Dafür verzichtete man auf eine nationale Umsatzsteuer, die den Konsum der kleinen Leute hätte einschränken können.

          Konsumentenfreundlichkeit des amerikanischen Interventionsstaates

          Schließlich setzten gerade die Agrarlobbys das Ende des Goldstandards und damit die „Demokratisierung“ des Kredits durch, also eine Politik des leicht verfügbaren Geldes, verbunden mit einer für Schuldner ungemein günstigen Insolvenzgesetzgebung. Im Vergleich mit der Konsumentenfreundlichkeit des amerikanischen Interventionsstaates wirkten laut Prasads Erkenntnissen Deutschland, Frankreich und selbst Schweden wie Paradiese ungezügelten, aber protektionistischen Unternehmertums.

          Diese Schwerpunktsetzung führte einerseits zu einem explosionsartigen Wirtschaftswachstum über beinahe hundertfünfzig Jahre, mit dem die Europäer mit Ausnahme der Jahre von 1950 an nie mithalten konnten. Die Amerikaner tendierten dabei zu permanenter Überproduktion, die nur mit aggressiven Exporten aufrechterhalten werden konnte. Demgegenüber traten ältere protektionistische Ansätze zurück, die in Europa einen Ausgleich zwischen Kapitalismus und Wohlfahrtsstaat - auf Kosten mangelnder Produktivität und Effizienz - begünstigt hatten.

          Anfälligkeit für neoliberale Schalmeiengesänge

          Andererseits offenbarten sich bald die Schattenseiten dieses Systems. Nicht nur seien die Vereinigten Staaten wegen einer hohen unternehmens- und mittelklassefeindlichen Einkommensteuer für die einfältigen, dem Sozialstaat feindlichen Schalmeiengesänge von Neoliberalismus und Neomonetarismus besonders anfällig gewesen, sondern diese Politik habe langfristig zu einer beständig wachsenden Kluft zwischen Arm und (Super-)Reich geführt.

          Obendrein seien die leicht verfügbaren Kredite infolge der mangelnden sozialstaatlichen Absicherung für viele Amerikaner der Unterklasse das einzige probate Mittel gewesen, Anteil am Reichtum ihrer Nation zu erhalten oder Statusverlust zu vermeiden. Da die Mittelklassen vom amerikanischen Sozialstaat nicht profitiert und unter einer zu hohen Steuerlast gelitten hätten, seien die Unterklassen finanziell im Stich gelassen und in die Überschuldung getrieben worden. Dies aber habe zyklisch schwere Finanzkrisen wie jene von 2008 begünstigt.

          Politik des leichten Geldes und Sozialstaatsmodell

          Im Grunde plädiert Prasad für eine Kombination des kontinentaleuropäischen sozialstaatlichen Modells mit einer regulierten Politik des leichten Geldes und möglichst großer Freiheit des Unternehmertums im Interesse effizienter Produktion, langfristigen Wachstums und einer insgesamt gesünderen Verteilung von Wohlstand - ein Vorschlag, wohltuend frei von ökonomischem Dogmatismus.

          Prasad bietet nicht notwendig viel Neues, das liegt an der Methode des historischen Vergleichs. Sie baut auf vorhandenen Forschungsergebnissen auf, vergleicht, analysiert und argumentiert dann ungemein facettenreich und nuanciert. Man wird nicht jedem ihrer Argumente folgen müssen, zumal wenn sie die Große Depression nahezu ausschließlich als Überproduktionskrise begreift, wo ihr vermutlich eine Mehrheit von Ökonomen und Historikern widersprechen wird.

          Auch neigt sie dazu, kulturelle Faktoren unterzubewerten; Religion fehlt in der Analyse fast vollständig. Schließlich ist es keine leichte Lektüre. Dennoch handelt es sich um ein mustergültiges Standardwerk, dessen Lektüre man, nach einiger Anstrengung, mit großem Gewinn für das eigene Nachdenken über den Sozialstaat in den Vereinigten Staaten und Europa beendet.

          Monica Prasad: „The Land of Too Much“. American Abundance and the Paradox of Poverty. Harvard University Press, Cambridge 2012. 327 S., geb., 32,99 [Euro].

           

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Obama kritisiert Spaltung der Gesellschaft Video-Seite öffnen

          Amerika : Obama kritisiert Spaltung der Gesellschaft

          Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama rief bei einem Wahlkampfauftritt in New Jersey die Wähler dazu auf, sich gegen die Politik der Spaltung zu wehren.

          Topmeldungen

          Gute Laune bei der britischen Premierministerin Theresa May und EU-Ratspräsident Donald Tusk, doch keine Einigung in Sicht.

          Austrittsverhandlungen : Die positive Brexit-Erzählung

          Einen Durchbruch bei den Verhandlungen gab wieder nicht – aber eine etwas bessere Stimmung. Für alle Fälle gehen die Briten aber schon das „No Deal“-Szenario durch.

          Kommunistische Partei Chinas : Xi Jinpings Gedanken formen das Statut

          Dem chinesischen Parteichef Xi Jinping wird eine seltene Ehre zu Teil. Seine „Gedanken“ werden in das Parteistatut aufgenommen. Seine Vorstellung des Marxismus hat aber kaum etwas mit Marx’ Ideen zu tun.
          Zentrale des Autobauers BMW in München

          EU-Kommission prüft : Kartellwächter zu Besuch bei BMW

          Mitarbeiter der EU sichteten und kopierten Unterlagen in der BMW-Zentrale in München und sie befragten Angestellte des Konzerns. Darum geht es.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.