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Mohsen Mostafavi (Hg.): Ecological Urbanism Wie wollen wir wohnen?

12.09.2010 ·  Lernen von Kalkutta: Unter der Überschrift „Ecological Urbanism“ sammelt ein voluminöser wichtiger Band aus Amerika internationale Vorschläge zum umweltverträglichen Städtebau.

Von Michael Mönninger
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Henry David Thoreau, der Schutzpatron der amerikanischen Naturfreunde, liebte das Leben in der Wildnis. Doch unvergessen ist sein Missgeschick, als er 1884 ein Lagerfeuer in den Wäldern von Concord entzündete und dabei versehentlich mehr als eine Million Quadratmeter Wald abfackelte. Damit hatte der Eremit der Natur mehr Schaden zugefügt als jeder Bewohner des dichtbebauten Boston nahebei. Die Lehre aus dieser Panne ist für den Harvard-Ökonomen und Stadtforscher Edward Glaeser ganz schlicht: Wer der Umwelt Gutes tun will, sollte sich besser von ihr fernhalten; auch wenn der Betondschungel heutiger Städte ganz und gar nicht grün aussieht, hält Glaeser ihn trotzdem für umweltfreundlicher, weil er weniger Land verbraucht. Sein Fazit: „Wenn Amerika grüner werden soll, dann müssen wir mehr in Boston oder San Francisco bauen und weniger in Houston oder Oklahoma.“

Dieses ökologisch korrekte Ideal dichter städtischer Packungen in klimatisch günstigen Lagen hatte schon der Römer Vitruv vor zweitausend Jahren entworfen. Doch seit der Transportmittelrevolution und Stadtauflösung im zwanzigsten Jahrhundert haben solche Wunschbilder ausgedient. Umso erstaunlicher ist es, wenn ein weltbekannter Bau-Brutalo wie der holländische Architekt Rem Koolhaas neuerdings Vitruvs Anleitung zum gesunden Städtebau zitiert. Inmitten der kenntnisreichen, aber extrem disparaten Essays und Projekte, die 134 Wissenschaftler, Architekten und Planer im Riesenwälzer „Ecological Urbanism“ der angesehenen Harvard-Architekturschule zusammentragen, wirkt Koolhaas' Eröffnungsaufsatz wie eine Bombe. Bislang war Koolhaas der apokalyptische Reiter des globalen Urbanismus, der gern schlechte Nachrichten vom Untergang traditioneller Bauordnungen und Städte überbrachte, um seinem Berufsstand die romantischen Flausen auszutreiben. Anstelle von Knusperhäuschen oder historischen Stadtveduten empfahl er Riesentürme und Großcontainer als einzig realitätstaugliche Antwort auf die Explosionsdynamik heutiger Großstädte.

Das neue Mantra aufgeklärter Architekten

Neuerdings jedoch geißelt der Holländer die Irrtümer der Baumoderne und hat deren jüngste Wahngebilde in einer Fotocollage versammelt: eine Wüstenlandschaft mit sämtlichen Markenzeichen-Architekturen der aktuellen Immobilienblase von Dubai bis Peking - und in der Mitte prangt der spektakuläre Wolkenbügel, den Koolhaas kürzlich für das chinesische Staatsfernsehen errichtete. Sein Appell: „Diese ikonischen Gebäude mögen jedes für sich plausibel sein, aber zusammen ergeben sie eine Landschaft der totalen Selbstauslöschung - damit ist jetzt Schluss.“ Stattdessen geht er noch hinter Vitruv zurück und plädiert mit ungekannter kapitalismuskritischer Verve für eine Wiederentdeckung informeller, anonymer Bautechniken aus tropischen Regionen und Dritte-Welt-Städten, die mit Klima, Wasser und Boden vernünftig umgegangen seien, bevor sie der Sündenfall der Apparate-Architektur ereilte.

Das ist das neue Mantra aufgeklärter Architekten: Lernen von Mumbai und Kalkutta. Zwar sind solche Riesenstädte weit entfernt von den Komfortstandards westlicher Metropolen, doch sie kultivieren eine seit langem erfolgreiche Praxis des flächen- und ressourcensparenden Zusammenlebens, die belastbarer erscheint als die kurze Blüte der raum-, material- und energieaufwendigen Stadtorganisation der Moderne.

So schwärmt auch der amerikanische Avantgarde-Theoretiker Sanford Kwinter, der bislang vorzugsweise nichteuklidische Geometrien für biomorphe Baumonster entwickelte, von der sozialökonomisch hochentwickelten Selbstorganisation des Dharavi-Slums von Mumbai. Von der gesamtstädtischen Essensversorgung bis zum Abfallrecycling arbeite dieses Viertel wie die Eingeweide der Stadt, ohne die Mumbai nicht leben könne. „Megacities“, so Kwinter, „bieten ökologisch extrem effiziente Lösungen, die aber noch große politische Unterstützung brauchen, um auch nachhaltig zu werden.“ Der italienische Alt-Avangardist Andrea Branzi sieht die Stadt der Zukunft gar als „high-tech favela“.

Ökologisches Augenpulver

Wie kommt es, dass die internationale Architektenelite plötzlich die Armutsökonomie von Mega-Cities als Laboratorium umweltverträglicheren Stadtumbaus preist? Man hört die Botschaft wohl - da die Planungsideologie der westlichen Verschleißmoderne nicht mehr exportfähig ist, soll nun umgekehrt das Krisenmanagement aus Konfliktzonen weiterhelfen -, allein es fehlt einem der Glaube. Denn dieser Paradigmenwechsel hängt verdächtig eng mit der Immobilien- und Finanzkrise 2008 zusammen. Damals verloren die bauenden Meisterdenker ihre Riesenaufträge in aller Welt, und auch die kapitalmarktfinanzierten Eliteuniversitäten in den Vereinigten Staaten gerieten in Geldnot. In bewunderungswürdigem Tempo rissen die Wortführer von Harvard das Ruder herum, beriefen 2009 einen Großkongress zum ökologischen Urbanismus ein und präsentieren nun ihre ausgearbeiteten Erkenntnisse. Kein Wunder, dass die mangelhaft gegliederte, aber verschwenderisch illustrierte Textsammlung wie das überstürzte Schaulaufen einer Disziplin wirkt, die nach marktkonformer Liebedienerei und endlosen Lifestyle-Etüden die Chance wittert, sich wieder nützlich zu machen.

Wenngleich die Autoren ihre Geschäftsgrundlage nicht deutlich machen, hat ihr Bemühen um eine interdisziplinäre Neubesinnung des Bauens Signalcharakter. So geht der Architekturlehrer Preston Scott Cohen mit der „Bio-Mimikry“ der neuexpressionistischen Bauavantgarde ins Gericht. Deren Naturnachahmung im Zeitalter des digitalisierten Entwerfens diene oft mehr dem altmodernen Streben nach Kunstautonomie als dem Aufspüren der Leistungsfähigkeit natürlicher Systeme.

Durchweg sind die Beiträge über technische Neuerfindungen weniger überzeugend als die Reparaturvorschläge für bestehende Systeme. Seien es vegetabile, gebläseartige Luftfilter in Größenordnungen zwischen Blumentopf und Häuserblock oder ausgefeilte Mobilitätstechniken mit „GreenWheel“-Elektrofahrrädern und faltbaren „CityCars“ - solche Neuerungen sind ökologisches Augenpulver. Weitaus aufschlussreicher dagegen rechnet die Yale-Ingenieurin Michelle Addington vor, wie die Energieverschwendung infolge der falschen Größe und Uniformität heutiger Netze mit einer neuen Skalierung und Spezialisierung von Gleich- und Wechselstrom drastisch reduziert werden kann.

Der unverstellte Himmelsblick

Gleich mehrere Autoren widmen sich dem Thema Selbstversorgung als Alternative zum globalen Lebensmitteltransport und beschreiben eine neue Spezies namens „locavores“, vulgo: ortsgebundene Esser. Die gibt es nicht mehr nur in Elendsvierteln, sondern auch im Weißen Haus und im Buckingham-Palast, wo Michelle Obama und Königin Elisabeth II. jüngst eigene Gemüsegärten angelegt haben. Doch die Ausweitung dieser Nahversorgung auf den Maßstab des „urban farming“ wie im schrumpfenden Detroit wird angesichts des Flächenknappheit vitalerer Städte kontraproduktiv.

Wie Forderungen nach verdichtetem vertikalen Bauen eingelöst und die Bewohner trotzdem nicht übermäßig drangsaliert werden, zeigen neue Wahrnehmungsstudien aus Hongkong über den „sky view factor“, den unverstellten Himmelsblick, die Aufschluss darüber geben, wie selbst Hochhauscluster trotz extremer Dichte etwas räumlich-visuellen Komfort bekommen. Zur Nachhaltigkeit gehört für den Berliner Architekten Matthias Sauerbruch folgerichtig auch die ästhetische Akzeptanz, um die Lebensdauer von Bauten zu erhöhen: Wenn Menschen ihre Gehäuse schätzen, werden sie sie auch nicht so schnell wieder abreißen.

Ökologisches Krisenbewusstsein

Sogar Vertreter des „New Urbanism“ wie der amerikanische Erfolgsplaner Andrés Duany haben längst den Ruch von Disney-Architekten abgestreift und machen Vorschläge, wie die Biodiversität ländlicher Siedlungen mit der soziologischen Diversität des Stadtlebens in Einklang zu bringen ist. Und der britische Postmodernist Terry Farrell berichtet von seiner Arbeit am größten europäischen Regenerationsprojekt „Thames Gateway“, das die industriell restlos verschlissene Londoner Themse-Mündung renaturieren will.

Zwar arbeiten die Urbanisten bislang mehr an der Rückgewinnung ihrer Deutungshoheit als an den unzähligen Brennpunkten der städtischen Transformation. Aber sie eint immerhin ein ökologisches Krisenbewusstsein, das nach einem glänzenden Wort des französischen Soziologen Bruno Latour aus der schmerzhaften Erkenntnis besteht, dass es kein Außen mehr gibt und alle externalisierten Lasten zurückkehren. Diese Nachricht ist jetzt auch bei den Betonköpfen angekommen.

Mohsen Mostafavi (Hg.): „Ecological Urbanism“. Harvard University Graduate School of Design. Lars Müller Publishers, Baden 2010. 656 S., geb., 39,90 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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