07.10.2003 · Brillant: Jacques Derrida über die Schurken im Herzen der Demokratie / Von Joseph Hanimann
Als die Achse der Tatentschlossenen gegen die "Schurkenstaaten" sich aufbaute, blieben die Philosophen der Vernunftkritik uns eine Antwort schuldig. Sie, die im Unterschied etwa zu Habermas an einen machtfreien Vernunftgebrauch nicht glauben und das stärkere Argument stets als das Argument des Stärkeren verdächtigten, stellten die Legitimität von Interventionen wie zuletzt jener im Irak offen in Frage. Auf welcher Grundlage? War das Vorgehen der Koalition im Irak mit ihrem Eiertanz der Begründungen an den Vereinten Nationen vorbei nicht gerade die Bestätigung dafür, daß Rechtmäßigkeit von den Mächtigen je nach Bedarf fabriziert werden kann?
Hier ist nun die Antwort eines jener Philosophen: umfassend, grundsätzlich, klar, mag auch die in Nebenbemerkungen, Sprachspielen und wortverliebten Geistestrillern um den Argumentationsstrang sich windende Gedankenbewegung dem Leser manche Strapazen abverlangen. Derridas Bücher werden auf leicht affektierte Art immer persönlicher. Dennoch ist dieses sein seit Jahren wohl bestes Buch. Was geschieht, so lautet die Grundfrage, mit den Begriffen der Politik, des Kriegs, des Terrorismus in einer Situation, wo im Zug der Globalisierung das "alte Gespenst" nationalstaatlich verfaßter Souveränität seine Glaubwürdigkeit verliert?
Wo die deutsche Übersetzung mit den beiden Begriffen "Vernunft" und "Recht" jonglieren muß, hat der französische Originaltext ein einziges Wort zur Verfügung. In der "raison" (du plus fort), die laut La Fontaines Fabel vom Wolf und vom Schaf stets auch als die beste gilt und bei Derrida nach dem Untertitel auch im Motto auftaucht, wird der Knoten von Vernunft, Macht und Recht festgezogen. Mit ihm suchte der Philosoph in den beiden vor gut einem Jahr gehaltenen Vorträgen, die die Substanz dieses Buchs ausmachen, den im internationalen politischen Diskursraum neuerdings aufgetauchten "Schurken" philosophisch zu stellen: Und gestellt wird auf brillante Weise zugleich die Frage der Demokratie, ihrer philosophischen Grundlage, ihrer Bedingungen heute und morgen. Denn Demokratie ist kein Erb- und Präsentierstück, so Derrida, sondern immer nur eine "kommende Demokratie".
Sie hat, wie der Autor in Rückgriffen auf Denker von Plato und Aristoteles bis Tocqueville darlegt, so etwas wie einen blinden Fleck in ihrer Mitte. Ihre Souveränität ist eine in sich geschlossene Kreisbewegung, die ohne jede Außenlegitimation, gleichsam im "Freilauf" sich als die rechtsetzende und rechtsprechende Instanz bestimmt: das Volk als kurzgeschlossene Einheit von Ursprung und Selbstzweck, die, wie Tocqueville am Beispiel Amerikas feststellte, "über die Welt des Politischen waltet wie Gott über das Universum". Die semantische Leere in der Mitte des Begriffs "Demokratie" ist, wie die politische Philosophie lange vor Derrida schon wußte, deren Schwäche und zugleich deren entscheidende Stärke. Mag in ihrer zwielichtigen Mitte zwischen Freiheit und Zügellosigkeit, französisch: "liberté" und "licence", griechisch: "eleutheria" und "exusia", die Figur des "Gerissenen" zu Hause sein, den Derrida unter seinem französischen Begriff des "roué" wortspielreich seine Runden zwischen Blendung und Schummelei drehen läßt, so hat die Demokratie andererseits auch Mechanismen der Selbstimmunisierung gegen die daraus entstehenden Gefahren entwickelt. Deren bekanntester ist der Wechsel von Wählen und Abwählen.
Diese Mechanismen sind jedoch nur so lange wirksam, wie die Demokratie "im Kommen" und damit in Bewegung ist: nicht einfach als ein noch unfertiges Projekt auf dem besten Weg zur Realisierung, das es heute gegen eine barbarische Bedrohung von außen zu schützen gälte, wie eine von den amerikanischen Neokonservativen bis zu den französischen Zeitgeistintellektuellen reichende Streitfront glaubt. "Im Kommen" ist die Demokratie laut Derrida als etwas prinzipiell Unausgedachtes, für das es "eine eigentümliche Form, einen ,eidos', ein geeignetes Modell, eine definitive Gestalt, ein Wesen" gar nicht gibt. Aus dieser Unausgedachtheit schöpft sie die Energie zur immer neuen Selbstimmunisierung und auch zur Eigenhistorisierung - ein Merkmal, das sie mit keiner anderen Souveränitätsform teilt.
Konkret bedeutet das für den Philosophen Derrida etwa, daß die Demokratie in der Auseinandersetzung mit der radikalislamisch auftretenden Herausforderung heute gute Karten hat, aber schlecht spielt. Wo die Herausforderung in offenen Terrorismus übergeht wie vor und nach dem 11. September, kann die Demokratie mit der Beschneidung einzelner Freiheiten reagieren: Und niemand wird sich laut Derrida dem widersetzen können mit dem Argument, dies sei antidemokratisch. Man kann den Freiheitsabbau allenfalls bedauern. Auf theoretischer Ebene hingegen sollte philosophisch kühner auch gegen die Demokratie gedacht und debattiert werden können. Wo heute mit Ausnahme eines Teils der arabischen und islamischen Sphäre fast alle Welt den "Demokratismus" zumindest im Munde führe, wundert sich Derrida, müsse man sich vergegenwärtigen, daß in der großen Tradition von Plato bis Heidegger "letztlich sehr wenige philosophische Diskurse vorbehaltlos den Standpunkt der Demokratie ausgeschöpft hätten".
Mit einer Ausdrücklichkeit wie schon lange nicht mehr greift Jacques Derrida in diesem Buch auf Begriffe seines frühen Werks zurück wie die "Spur" oder die (mit "a" geschriebene) "différance". Die immerfort "vertagte Demokratie" - auch dies ein Titel aus früheren Jahren - kann nicht existieren "im Sinne von gegenwärtiger Existenz". Sie ist in ihrer Struktur aporetisch: "Heteronomie und Autonomie, unteilbare und teilbare, nämlich teilhabbare Souveränität, ein leerer Name, ein leeres Nomen, ein verzweifelter oder verzweifelnder Messianismus". Mit einer so unmittelbaren politischen Implikation sind wir Derridas Philosophie der spurhaft wesensfremden Nicht-Gegenwart alles Seins noch selten begegnet. Und seit die politische Philosophie nach Kant den Demokratiebegriff über den Bereich des Staatsbürgersubjekt in der Polis hinaus aufs Terrain der zwischenstaatlichen Beziehungen ausweitete, leuchtet das "à venir" der Demokratie als schon ziemlich vertraute Vision einer von der Menschenrechtserklärung hergeleiteten internationalen Rechtsvorstellung, mit der die Vereinten Nationen, der Internationale Strafgerichtshof und verwandte Organismen ihren schwierigen Stand zu halten versuchen.
Derrida ist da skeptisch. Die Perspektive einer überstaatlichen Universaldemokratisierung bleibt für ihn "eine ganz und gar dunkle Zukunftsfrage". Und dennoch wagt er sich gerade dahin vor. Der Überraschungsgast, den er dort antrifft, ist kein anderer als die im Buchtitel schon groß angekündigte Figur des Schurken: eine Erscheinung, die weit über die "rogue states" hinaus heute verbreitet ist. Schurken, so Derridas These, gibt es mehr, als man denkt, angefangen mit denen, die gegen die "Schurkenstaaten" vorgehen wollen. Diese Passage gehört zu den interessantesten in diesem Buch. Amerika und all seine Verbündeten haben in Ausübung "ihrer allerlegitimsten Souveränität", wie Derrida schreibt, sich selbst als "Schurkenstaaten" entpuppt. Sie sind "Schurken" nicht, weil sie sich auch "korrekt" hätten verhalten können, sondern sie sind es durch ihre Souveränitätsstellung in der Welt, die zu Machtmißbrauch und "Schurkentum" neigt. Diese Verkennung der wahren Souveränitätsstruktur ist es auch, die Derrida den vordergründigen Amerika-Kritikern Noam Chomsky oder William Blum vorhält. Schurken können in der gegenwärtigen Lage nur von Schurken bekämpft werden.
Soll das nun aber die Antwort sein auf die Argumentationsnot in der neuen Situation? Eine Argumentationsnot, die so konträre Denker wie Derrida und Habermas schon zu gemeinsamen Stellungnahmen zusammenrücken ließ wie in ihrem Aufruf anläßlich des Irak-Kriegs vor vier Monaten in dieser Zeitung? Derridas Schurken-Theorie steht jedenfalls quer zur kantischen Hoffnung auf eine künftige Weltinnenpolitik, wie Habermas sie beschwor. Die neue Nähe der beiden Denker könnte aber bedeuten, daß die dekonstruierende und die konstruierende Kraft heute wie die beiden Zünglein einer Waage einander gegenüberstehen und exakt dasselbe anzeigen über den Zusammenhang von Souveränität und Recht.
Den Lesern dieses komplexen, sehr sorgfältig übersetzten Buchs, die auf jene Waagschale Wert legen, die das Recht anzeigt, drückt der Autor beharrlich mit dem Souveränitätsbegriff die andere Schale nieder, bis die erste sich plötzlich wundersam hebt. Ein souveräner Gott, der allein uns retten könnte, schließt Derrida, schüfe einen ganz anderen Sicherheitsrat. Der aber steht uns heute nicht zur Verfügung. Allenfalls denken ließe er sich.
Jacques Derrida: "Schurken". Zwei Essays über die Vernunft. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 219 S., geb., 24,90 [Euro].