22.08.2005 · Wider den Konformitätsdruck in den Sozial- und Kulturwissenschaften: Frederick Cooper mustert in origineller Zusammenschau die Forschung zum Thema Kolonialismus
Es ist schon ironisch zu nehmen, daß das wissenschaftliche Interesse am Kolonialismus sich erst geraume Zeit nach dem Ende der formalen Kolonialherrschaft intensiviert hat. In den sechziger und siebziger Jahren noch galt die Beschäftigung mit dieser Problematik als Rückfall in den Eurozentrismus. Seither ist eine ungeheure Fülle an einschlägigen Untersuchungen auf den Markt des Wissens getragen worden. Selbst hierzulande, wo Kolonien und Kolonialismus lange als etwas galten, was vor allem andere europäische Mächte wie Großbritannien und Frankreich betraf, hat das Thema inzwischen beträchtliche Konjunktur. Man denke in diesem Zusammenhang nur an das jüngste Buch von Herfried Münkler "Imperien" (F.A.Z. vom 8. August).
Die Gründe für dieses Interesse sind vielfältig und berühren politische wie wissenschaftliche Aspekte. "Postkoloniale" Ansätze, wie sie sich im Gefolge von Edward Saids umkämpfter, inzwischen klassischer Studie "Orientalism" entwickelt haben, betonen etwa, daß eine Vielzahl von Beziehungsmustern und Effekten kolonialer Herrschaft bis heute nachwirkt. Sie sehen die heutige Welt nach wie vor geprägt von imperialen und neokolonialen Herrschaftsverhältnissen und kulturellen Beziehungen, welche die alten, oft rassistisch konnotierten Ungleichheiten reproduzieren und verfestigen. Überdies setzt sich zunehmend die Einsicht durch, daß das koloniale Projekt keine Einbahnstraße war und nicht nur die Kolonisierten, sondern ebenso die Kolonisierenden prägte und veränderte.
Folglich geraten die Rückwirkungen der kolonialen Erfahrungen auf die "Metropolen" verstärkt in das Blickfeld der Forschung. Eine Geschichte Europas unter Ausblendung von Imperialismus und Kolonialismus zu schreiben muß heute als antiquiert gelten. Die gegenwärtig prominenten "zentrumsorientierten" Studien zur Kolonialgeschichte interessieren sich allerdings wenig für die Gegebenheiten in den Kolonien selbst und schon gar nicht für die Kolonisierten. Auf der anderen Seite zeichnen viele Studien etwa zur afrikanischen oder asiatischen Geschichte immer noch ein recht plakatives Bild von den europäischen Kolonialherren.
In einem zusammen mit Ann Laura Stoler verfaßten programmatischen Aufsatz hat Frederick Cooper vor einigen Jahren hingegen betont, die Geschichte von Kolonisierten und Kolonisierenden müsse in ein gemeinsames analytisches Feld integriert werden. Dieser Aufruf ist in der Folge immer wieder zustimmend zitiert, bisher jedoch nur recht selten empirisch eingelöst worden. Auch Cooper, hervorgetreten durch zahlreiche innovative Studien etwa zur Sklaverei und zur Dekolonisation in Afrika, geht es in seinem neuen Buch weniger um eine empirisch belastbare Darstellung der Wechselwirkungen der kolonialen Begegnung. Die Essaysammlung "Colonialism in Question" ist vielmehr eine ebenso originelle wie anspruchsvolle tour d'horizon, auf der grundlegende theoretische, methodische und epistemologische Fragen und Probleme bei der Beschäftigung mit dem Thema Kolonialismus diskutiert werden.
Die Auseinandersetzung mit Fragen des Kolonialismus fungiert in diesem Buch überdies gleichsam als Auslöser, um generell den Konformitätsdruck in den Sozial- und Kulturwissenschaften durch akademische Hierarchien, vermeintlich "unbedingt erforderliche" Methodologien und theoretischen Konservatismus zu beklagen. Einst provokative Konstrukte, konstatiert Cooper, haben sich nicht nur in der Kolonialismusforschung allzu oft in Klischees verwandelt.
In diesem Zusammenhang stellt er beispielsweise die analytische Kraft von gängigen, aber häufig zu wenig reflektierten Schlüsselkategorien wie Identität, Globalisierung und Moderne in Frage. Diese Begriffe, schreibt er, seien zwar wichtig als Akteurskonzepte, als Begriffe, die etwa in vergangenen wie gegenwärtigen kulturellen und politischen Debatten permanent - und mit sehr unterschiedlichen Bedeutungen versehen - genutzt werden. Als Werkzeuge für die Beschreibung und Analyse von historischen Prozessen befindet der Autor sie jedoch als bestenfalls begrenzt hilfreich. Denn als wissenschaftliche Kategorien "verdecken sie eher die Probleme sozialer Verknüpfungen, grenzüberschreitender Interaktionen und langfristiger Wandlungsprozesse, als daß sie sie erhellen".
So beziehen Globalisierungstheorien, wie Cooper darlegt, ihre Ausstrahlungskraft zu einem guten Teil daraus, daß sie verschiedenartige Phänomene in einen einheitlichen theoretischen Rahmen und einen starren Begriff von Wandel pressen. Hierin ähneln sie den einst populären Modernisierungstheorien. Historische Entwicklungen werden auf diese Weise jedoch nur unzureichend erfaßt. Im übrigen offenbare, so Cooper, gerade die hohe Popularität des Globalisierungsparadigmas die verbreitete Unfähigkeit der Sozial- und Kulturwissenschaften, Prozesse zu erfassen, die zwar großräumig, aber nicht universal sind.
Gerade die Geschichte Afrikas biete ein gutes Beispiel sowohl für die räumliche Ausbreitung von Macht als auch für die Grenzen dieser Macht. Denn die Kolonisierung Afrikas durch europäische Mächte im späten neunzehnten Jahrhundert scheint nur auf den ersten Blick in das Bild einer - oft gewaltsamen - Integration vermeintlich isolierter Regionen in eine zunehmend von Europa dominierte "Globalität" zu passen.
Zeitgenössische Kolonialideologen sprachen denn auch davon, den afrikanischen Kontinent zu "öffnen". Cooper zufolge waren die tatsächlichen Antriebe sowie die Mechanismen der europäischen Eroberung aber ausgesprochen partikular. Koloniale Invasionen zogen die Konzentration militärischer Macht an nur wenigen Orten nach sich. Die Kapazität der Kolonialherren, systematisch und konstant Herrschaft über ihre afrikanischen Territorien auszuüben, blieb begrenzt. Eine "globalisierte" Sprache stand einer fragmentarischen Herrschafts- und Ausbeutungsstruktur gegenüber.
Im übrigen lasse sich, so argumentiert Cooper, die gegenwärtige Periode der Strukturanpassung ebenfalls nur schwerlich mit der Kategorie Globalisierung erfassen. Illegale Netzwerke etwa, wie der Diamanten- und Waffenhandel zwischen Sierra Leone oder Angola und Europa, basieren auf sehr speziellen Verbindungen. Sie fördern keineswegs die Integration der beteiligten Regionen, sondern verstärken gar die Fragmentierung und schränken die Handlungsmöglichkeiten der Menschen in den von Gewalt gezeichneten Gebieten Afrikas ein.
Die Geschichte Afrikas läßt sich folglich nicht als eine Reihe von Globalisierungswellen begrifflich erfassen, jede weitreichender als die vorhergehende. Noch greift der verbreitete Ansatz, der das heutige "globale Zeitalter" von einer durch Nationalstaaten, Kolonien und Imperien geprägten Vergangenheit unterscheidet. Als Resultat seiner kritischen Musterung der Kolonialismusforschung formuliert Cooper unter anderem die Forderung, eine stärker differenzierende Begrifflichkeit zu entwickeln, die das Nachdenken über Verbindungen und Verknüpfungen im Raum und über ihre Grenzen fördert sowie die Spielräume der historischen Akteure stärker reflektiert. Er selbst löst diese Forderung hier nur skizzenhaft ein. So dürfen wir auf sein nächstes, hoffentlich ebenso anregendes Werk gespannt sein.
ANDREAS ECKERT
Frederick Cooper: "Colonialism in Question". Theory, Knowledge, History. University of California Press, Berkeley, Los Angeles 2005. XII, 327 S., geb. 50 $, br. 19,95 $.