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Mischa Kläber: Doping im Fitness-Studio Lusterfahrung am überforderten Muskel

12.04.2011 ·  Die Schattenseiten des Bodybuildings: Mischa Kläber warnt vor dem Ausmaß des Dopings im Fitnessstudio, vor der Suchtstruktur der Körpermanipulation und vor der kaum noch umkehrbaren Akzeptanz der Drogen.

Von Petra Gehring
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Erstmals haben seit Ende 2010 Fitnessstudios in Deutschland mehr als sieben Millionen Mitglieder. Zu dieser aktuellen Meldung - Menschen kümmern sich um ihre Gesundheit - setzt eine Studie „Doping im Fitness-Studio“ des Sportwissenschaftlers Mischa Kläber düstere Kontrapunkte. In der Bodybuilding- und Fitness-Welt wird in einem bestürzenden Ausmaß gedopt. Die Athleten trainieren oft nicht weniger hart als Leistungssportler. Das Ziel eines als schön empfundenen Körpers reizt augenscheinlich auch ohne Preisgelder und Turniersiege zum bedenkenlosen Extrem. Bremsende Kontrollen fehlen, denn Wissenschaft und Kontrollbehörden konzentrieren sich auf Medikamenten- und Drogenmissbrauch im Wettkampfsport. Auch der Deutsche Sportbund fühlt sich nicht zuständig, Fitnessstudios sind dort in der Regel nicht Mitglied.

Kläbers Untersuchung bestätigt die (bisher wenigen) quantitativen Einschätzungen zum Doping im Fitnessbereich: Unter Einbeziehung von Befragungen und Daten zum Umsatz schwarz gehandelter Dopingpräparate scheint die Vermutung nicht unrealistisch, dass bis zu 20 Prozent der Studiokundschaft aktiv dopen - nämlich Mittel nehmen, die zum Zweck der Körpermodellierung im Wettkampfsport verboten sind. Noch erschreckender ist die Tatsache, dass, wer einmal angefangen hat, offenbar sehr weit zu gehen bereit ist: Tabletten sind ein Teil des Programms. Die Mehrzahl derjenigen, die Humanarzneien verwenden - typischerweise zunächst hormonfreie, dann hormonhaltige bis hin zu nebenwirkungsreichen Wachstumshormonen -, greift routiniert zur Spritze. Die Hälfte der von Kläber befragten dopenden Körpermodellierer hat schon mit Tierarzneien experimentiert, ein Drittel nimmt solche Stoffe regelmäßig. Manchmal kommen Straßendrogen hinzu. Dabei wird Doping auch von denen, die sich im Fitness-Milieu bewegen, ohne sich selbst zu dopen, für normal gehalten. Die Beteiligten bekennen sich offen.

Es geht um Ästhetik

Auf der Grundlage von 83 Interviews mit Usern und Non-Usern sowie „Umfeldakteuren“ (Freunden, Studiobetreibern, Ärzten) versucht Kläber, sich den Motiven der Beteiligten zu nähern und die Sozialstruktur der vernetzten, aber auch ausdifferenzierten Sportstudios zu beleuchten. Er hat graue Ratgeberliteratur und Internetforen analysiert und ist als Trainer in einem bodybuildingorientierten Fitnessstudio in die Szene eingetaucht.

Obzwar ein wenig schwerfällig präsentiert, sind Kläbers Ergebnisse frappierend. Bodybuilding- und Fitnessstudios (in den einen wird auf Muskelschaukämpfe zugearbeitet, die anderen bieten Training nur für sich sowie allerlei auf Kalorienverlust und Bodyshaping angelegte Kurse) erscheinen zwar nicht als Subkultur, aber doch als eigengesetzliche Welt, die Anstrengung, aber auch rasche - und durch einfache Mechanismen steigerbare - Befriedigung verspricht. Um Gesundheit oder sportliche Parameter geht es nicht, sondern um Ästhetik: gut aussehen - oder genauer: besser als die anderen. Kläber unterscheidet Distinktionsgewinne (man blickt auf schlaffe Normalkörper herab), Selbstbeherrschungsrausch (man kann den eigenen Körper umgestalten), Identitätsarbeit (das Ergebnis der Bemühungen trägt man mit sich herum, es verspricht Anerkennung rund um die Uhr).

Substanzen, Spritzen, Ratgeberbücher

Dazu gibt es basale Körpererlebnisse: keuchen und schreien, den Flow beim meditativen Wiederholen von Bewegungen, den Pump, die Lusterfahrung am überforderten Muskel. Training bis zum Umfallen im wahrsten Sinne des Worts: Das hat Züge einer modernen Askese. Vor allem aber ist den genannten „Sinnmotiven“, so Kläber, „eigen, dass sie sich mit gefährlichen Doping-Strategien auf eine höhere Qualitätsebene katapultieren lassen“. Und so werden vor allem im Leben von Bodybuildern „Training“ - die planmäßige Steigerung des schon Erreichten durch alle möglichen Mittel - und „Doping“, ein besonders wirksames Mittel, eins.

Die dazugehörige Infrastruktur ist teuer und wird von den Insidern brüderlich, wiewohl auf Seiten studioübergreifender Dealer-Netzwerke profitabel geteilt. Wissen über Muskelaufbaueffekte der diversen Stoffe, über Dosierungen und Trainingstricks zirkuliert im Studio. Auch der Handel mit Substanzen, Spritzen, Ratgeberbüchern findet hier statt. Vielfach wird getauscht: „Zehn Streifen Spiropent gegen 250 thailändische Dianabol und zehn Packungen Winstrol gegen eine Großpackung Testosteronprobionat.“ Was die Beschaffung angeht, wird auf die Herkunft geachtet: Stoff aus deutschen Apotheken oder deutsche Medikamente aus Apotheken aus dem Ausland genießen das höchste Ansehen. Es folgen ausländische Produkte, Internetquellen, der Schwarzmarkt wird nur im Notfall gewählt. „Den größeren Teil der deutschen Doping-Szene muss man als ,Selbstversorger' begreifen. Demnach gibt es so etwas wie eine ,Doping-Mafia' im Grunde nicht“, stellt Kläber fest. Dass Hobby-Doping - offiziell unzulässig - auch in vielen deutschen Arztpraxen angekommen ist, ergibt sich aus dem erstaunlichen Befund Kläbers, dass ein Drittel der von ihm befragten User sich beim Doping ärztlich beraten und seine physiologischen Werte kontinuierlich überwachen lässt. Ärzte lassen sich überreden, macht der Athlet offensiv deutlich, er werde in jedem Fall dopen, der Arzt helfe, dies immerhin so gesund wie möglich zu tun. Liquidiert wird privat. Kläber spricht von einer „heimlichen Spezialisierung zugunsten der ,Betreuung' dopingwilliger Athleten“ auch in der Apothekerschaft.

Anerkennung im erhitzten Schauraum

Kläber warnt vor dem Ausmaß des Fitness-Dopings, vor der Suchtstruktur der Körpermanipulation, vor der kaum noch umkehrbaren Akzeptanz der Drogen. Sein dringender Appell lautet: mehr Kontrolle - und Inpflichtnahme von Studios, Ärzten, Apothekern. Vor allem aber ist es Kläbers Anliegen, auf Doping nicht mit Moralisierung zu reagieren: Vokabeln wie „Fitnesswahn“ helfen nicht weiter, passe doch die fanatische Selbstdisziplinierung, der sich die Freizeit-Athleten unterwerfen, mehr als gut in die heutige Welt. Beim Doping gehe es - so Kläbers grundsätzliche Bewertung - nicht um „Flucht“ aus Unannehmlichkeiten, sondern darum, „modernen Anforderungen“ besser zu entsprechen. Auch für den privaten Fitnesskunden seien Doping-Techniken die Möglichkeit, sich aus einer „biographischen Sackgasse herauszumanövrieren“.

Mit dieser Deutung wird allerdings eine für den beruflich betriebenen Hochleistungssport formulierte These der Sportsoziologen Bette und Schimank auf das Privat-Doping übertragen. Überzeugt das? Kläber schlägt seine eigenen Ergebnisse in den Wind, wenn er die besondere Bannkraft ignoriert, die Sport augenscheinlich gerade dort entfaltet, wo er nicht für Preisgelder, sondern allein für Schönheit und Selbstlust sorgt. Im Leistungssport herrscht Druck, um des Einkommens willen zu dopen. Der Lebensunterhalt des Bodybuilders und Fitness-Süchtigen hingegen steht eher auf dem Spiel, wenn er weitermacht. Körpermodellierer vernachlässigen den Beruf. Ihre Biographien gleichen weniger der mehr oder weniger einträglichen Erfolgskurve eines Wettkampfsportlers als einer Sektenkarriere oder einer ruinösen Liebhaberei.

Über direkt aus dem Doping resultierende Einkünfte lässt sich nur spekulieren. Kläbers Beobachtung, welche enorme Rolle körperlicher Lustgewinn und Anerkennung im erhitzten Schauraum des Studios spielen, scheint von daher plausibler als das generalisierende Stichwort von der „biographischen Sackgasse“ und die Annahme, hier werde (nur) dem allgemeinen Druck der Leistungsgesellschaft stattgegeben. Nicht moralisieren also. Aber in Frage stellen. Und Sorgen machen.

Mischa Kläber: „Doping im Fitness-Studio“. Die Sucht nach dem perfekten Körper. transcript Verlag, Bielefeld 2010. 332 S., br., 33,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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