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Michael Tomasello: Warum wir kooperieren : Teilen lernt nur, wer es schon kann

Michael Tomasello: Warum wir kooperieren Bild: edition unseld

Was macht uns eigentlich zu sozialen Wesen, die immer auch an die anderen denken? Michael Tomasello widmet sich einer alten Frage mit empirischen Mitteln und sieht uns von Natur aus zur Zusammenarbeit begabt.

          Beginnen wir mit den Kapuzineräffchen. Vor einigen Jahren hat ein Versuch mit ihnen, der etwas später auch mit Schimpansen durchgeführt wurde, für große Aufmerksamkeit gesorgt und ist seitdem in vielen populären Darstellungen zu finden. Die Äffchen mögen Trauben, während Gurkenstückchen auf der Skala ihrer Vorlieben deutlich darunter rangieren. Im Experiment präsentierte man zwei Äffchen zuerst Letztere, die sie auch akzeptierten. Dann allerdings bekam das eine vor den Augen des anderen, dem weiterhin nur Gurkenstückchen offeriert wurden, Trauben vorgesetzt.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit dem Ergebnis, dass die Trauben selbstverständlich vom ersten Äffchen akzeptiert wurden, das zweite Äffchen aber die mindere Kost der Gurkenstückchen nun ablehnte. Der Kontrollversuch habe ausgeschlossen, dass etwa nur die Präsenz der verfügbaren Trauben zur Ablehnung geführt habe. Wie anders sollte man also das Ergebnis dieses Experiments verstehen als einen verblüffenden Hinweis darauf, dass schon bei Primaten sich ein gewisser Sinn für die Fairness eines Angebots beobachten lässt?

          Doch dann ließ sich dieses Ergebnis bei Versuchen in anderen Forschungseinrichtungen weder bei Kapuzineräffchen noch bei Schimpansen reproduzieren. Deren Befunde zeigten vielmehr, dass die Präsenz der höher geschätzten Nahrung durchaus ausreicht, um die beobachtete Zurückweisung zu erklären. Der soziale Effekt des Abgleichs, den Frans de Waal und seine Kollegen beobachtet zu haben glaubten, war wieder verschwunden.

          Schimpansen machen keine fairen Teilungsangebote

          Michael Tomasello, dessen Arbeitsgruppe am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie de Waals Versuch mit Schimpansen wiederholte, wird dieses Ergebnis vermutlich kaum überrascht haben. Experimente, die die Nahrungskonkurrenz bei Schimpansen genauer untersuchen, lassen es nämlich erwarten. Etwa jene, in denen einer der Schimpansen ein Angebot zur Teilung von Nahrung macht, die der andere dann entweder akzeptieren oder ablehnen kann, wobei im zweiten Fall beide leer ausgehen.

          Aber weder kommt ein Schimpanse auf die Idee, faire Teilungsangebote zu machen, noch lässt sich sein Mitspieler durch eine für ihn unfaire Aufteilung zur Ablehnung bewegen, solange nur irgendetwas für ihn herausspringt. Affen sind rationale Maximierer und am Teilen so gut wie gar nicht interessiert. Im Gegensatz zu Menschen, die sich von früh an hüten, allzu unfaire Angebote zu machen, weil sie wissen, dass ihre Mitspieler genauso wie sie selbst solche durchaus zurückweisen, obwohl sie dann gar nichts bekommen.

          Solches Teilen ist eine Form der Kooperation und ebenso ist es das Helfen beim Bewältigen von Problemen, sei es direkt oder durch Hinweise, ohne dass daraus dem Helfer unmittelbar ein Vorteil entstünde. Schimpansen, unsere nächsten Verwandten, kennen zwar sehr bescheidene Formen der direkten Hilfe, sofern es nicht um Nahrung geht, aber die beiden anderen Formen der Kooperation finden sich bei ihnen nicht.

          Mensch scheint „von Natur aus“ hilfsbereit

          Ganz im Gegensatz zu Menschen, die überaus früh, nämlich schon mit Erreichen des ersten Lebensjahres, eindrucksvolle Zeugnisse ihrer Kooperationsfähigkeiten geben. Versuche mit Kleinkindern zeigen, dass sie einem Erwachsenen unaufgefordert beim Bewältigen bestimmter Tätigkeiten helfen, sei es, indem sie Hand anlegen oder ihm Informationen zukommen lassen, etwa über den Ort, an dem sich ein von ihm gesuchtes Ding befindet. Und auch das Teilen macht, selbst wenn egoistisches Verhalten manchmal die Oberhand gewinnen kann, keine besonderen Schwierigkeiten.

          Diese tief angelegte kooperative Sozialität, wie sie die zwischen Primaten und Menschenkindern verschiedener Herkunft vergleichenden Experimente von Tomasellos Arbeitsgruppe vor Augen führen, ist offensichtlich ein entscheidender Faktor für die spezifisch menschliche kulturelle Evolution. Denn alle für die kulturell beschleunigte Entwicklung notwendigen Übereinkünfte, von geteilten einfachen Verhaltensnormen über symbolischen Austausch bis zu höherstufigen sozialen Institutionen, liefen ins Leere, würden sie nicht an diese primäre Kooperationsfähigkeit andocken können.

          Kooperationsfähigkeit als Grundlage jeder Kultur

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