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Michael Lewis: The Big Short : Wenn keiner an die Krise glaubt, lohnt es erst recht, auf sie zu setzen

Bild: Verlag

Dieses Buch wird man einmal zu den wichtigsten über die jüngste globale Finanzkrise zählen: Michael Lewis gibt Einblick in das Innenleben und den Arbeitsalltag der Banker und Investoren.

          Michael Lewis erzählt in seinem neuen Buch von den Menschen, die früh erkannten, dass das Finanzsystem gefährdet ist - auch wenn sie das zuweilen gar nicht im Blick hatten. Charlie Ledley zum Beispiel. Sein erstes Semester am Amherst College lag gerade hinter ihm, da unterbrach er sein Studium, um als ehrenamtlicher Helfer den Präsidentschaftswahlkampf von Bill Clinton zu unterstützen. Mit der Börse, Finanzmärkten im Allgemeinen oder dem amerikanischen Hypothekenmarkt im Besonderen hatte er damals noch nichts zu tun. Auf dieses Terrain verschlug es ihn eher durch Zufall als durch Planung.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit einem Freund gründete Ledley eine kleine Anlagegesellschaft und interessierte sich vor allem für eines: Ereignisse, die von der erdrückenden Mehrheit aller Anleger, vulgo: dem „Markt“, für so unwahrscheinlich gehalten werden, dass es vernachlässigbar wenig kostet, auf ihren Eintritt Geld zu setzen, um trotzdem einen satten Gewinn zu machen, wenn doch geschieht, womit zuvor niemand gerechnet hatte. Mit diesem Prinzip vor Augen - der amerikanische Risikoforscher Nicholas Nassim Taleb paraphrasierte es mit der Mahnung, dass mit der Entdeckung schwarzer Schwäne gerechnet werden muss - begann Ledley sich im Jahr 2006 für den amerikanischen Hypothekenmarkt zu interessieren.

          Einblick in die Mikroebene der ökonomischen Weltanschauung

          In einer Präsentation las er, wie abenteuerlich viele Häuserkredite von amerikanischen Banken vergeben worden waren. Und wie die Kredite hernach von anderen, meist größeren Banken zu neuen Wertpapiergebilden zusammengebaut und weiterverkauft wurden. Die Börsenkurse an der Wall Street stiegen parallel dazu unbeirrt weiter, was so viel hieß wie: Der Markt glaubte, da werde schon nichts passieren. Ledley wählte ein anderes Szenarium. Er investierte in das Eintreten des großen Knalls, den Zusammenbruch. Nicht aus böser Absicht und natürlich auch nicht aufgrund einer seherischen Gabe, sondern schlicht und einfach, weil es sein Geschäftsmodell war, auf solche Szenarien zu setzen. So wurde Ledley zu einem derjenigen, die an der Krise verdienten, weil sie auf sie setzten.

          Michael Lewis erzählt an Beispielen wie diesem, wie es zur bisher schlimmsten Finanz- und Wirtschaftskrise seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam - und davon, dass sich einige wenige durchaus gegen sie gewappnet hatten. Lewis liefert damit einen Einblick bis in den Lebensalltag, in die Mikroebene der ökonomischen Weltanschauung in einem Bereich, mit dem sich sogar - oder vor allem? - viele Wirtschaftswissenschaftler schwertun. Das gelingt ihm hervorragend. Weil er die Geschichten von Investoren, die Namen tragen wie Michael Burry oder Steve Eisman, nachvollziehbar nachzeichnet. Und weil er die Akteure überdies nicht auf das Handeln in einem speziellen Bereich des riesigen amerikanischen Finanzmarktes reduziert.

          Er weiß, wovon er schreibt

          Lewis geht ein auf seine Protagonisten, schildert bisweilen Szenen ihrer Kindheit, zeigt, wie sie oftmals als Außenseiter aufwuchsen. Das Buch wirkt dadurch mitunter wie ein Roman, in dem durch die Interaktion der Helden mit ihrer Umwelt an vielen Stellen Porträtausschnitte der Gesellschaft entstehen, in der sie leben, und der Werte, die in ihr (nicht) gelten. Beinahe nebenbei erläutert Lewis die Konstruktion und Funktionsweise der im Nachhinein häufig wertlos gewordenen Wertpapiere und die Logik der Infrastruktur, auf der sie gehandelt worden waren.

          Lewis knüpft mit diesem Buch überzeugend an seinen im Jahr 1989 erschienenen Bestseller „Liar's Poker“ an, in dem er seine Leser bereits an die Wall Street mitgenommen hatte - in den mitunter absurden Alltag einer amerikanischen Investmentbank. Sein Vorteil war und ist, dass er selbst als Anleihehändler für eine Bank arbeitete. Er weiß deshalb, wovon er schreibt. Dass er sich auch dieses Mal nicht mit der Anprangerung des „Systems“ zufriedengibt, sondern konkrete Geschichten erzählt und seinen Figuren oft das Wort erteilt, ist essentiell. Es macht dieses Buch, das sicher einmal zu den wichtigsten über die jüngste Finanzkrise gezählt werden wird, lebendig, und es erleichtert den Einblick in das Innenleben und die Antriebe seiner Hauptdarsteller.

          Ob es eine bürgergesellschaftliche Pflicht all der Ledleys, Eismans und Burrys gewesen wäre, ihre Meinung über die Wirtschaftswirklichkeit (auch) anders kundzutun als bloß über ihre entsprechende Geldanlage, das ist eine Frage, die dem Leser bleibt. Und es ist offen, ob sie sich mit Rückgriff auf ethische Prinzipien beantworten lässt oder ob ein solcher Anspruch schlicht und einfach an der Finanzmarktrealität scheitert. Lewis lässt die letztere Einschätzung ansatzweise durchschimmern. „Es ist wirklich schwer zu erkennen, wann man Glück hat und wann man wirklich clever ist“, sagt Charlie Ledley mitten im Buch einmal über sich selbst und über sein Geschäft. Der Satz ist wichtig, auch wenn er wie eine Binsenweisheit klingt und beinahe kindlich anmutet. Von der mit ihr getroffenen Unterscheidung hängt tatsächlich eine Menge ab. Nicht zuletzt auch an den Finanzmärkten.

          Michael Lewis: „The Big Short“. Inside the Doomsday Machine. Penguin Press, London 2010. 288 S., geb., 16,95 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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