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Wirtschaft und Psychologie : Wir sehen Risiken statt Chancen

Anstoßen auf eine Partnerschaft mit Zukunft: Amos Tversky (l.) und Daniel Kahneman in den Siebzigern Bild: Courtesy of Barbara Tversky

Sie entdeckten neu, wie viel Wirtschaft mit Psychologie zu tun hat: Michael Lewis erzählt die Geschichte des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman und des genialen Forschers Amos Tversky.

          Michael Lewis hat wie kaum ein anderer Autor das für Außenstehende schwer zu durchschauende, häufig hinter technischen Vokabeln versteckte Geschehen der Finanzbranche lebendig und anschaulich gemacht. Sein Buch „Liar’s Poker“, erschienen im Jahr 1989, wurde im Gefolge der jüngsten Finanzkrise plötzlich wieder hochaktuell. Lewis erzählt darin, wie er selbst an einem der Handelstische der damals noch eigenständigen Investmentbank Salomon Brothers saß. Er beschreibt, wie er und seine Kollegen abseits der Millionen-Dollar-Tagesroutine regelmäßig um Geld zockten. Im Kreis stehend, jeder mit einer Dollarnote in der Hand, versuchten sie, sich mit der Anzahl gleicher Ziffern in der Seriennummer zu überbieten. Wer die meisten hatte oder am besten bluffte, gewann im „Liar’s Poker“.

          Alexander     Armbruster

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mit „The Big Short“ und „Flashboys“ wirft er weiteres Licht auf diese so umstrittene wie mächtige Branche. Im einen schildert er, wie der amerikanische Immobilienmarkt in die Krise geriet, im anderen gibt er Einblicke in die Welt der Hochfrequenzhändler. Nun hat er ein Buch über ein ruhigeres Thema geschrieben, eine Erzählung, die den Leser ganz nah heranbringt an die Akteure. Diesmal geht es nicht um das große Geld, es geht um Größe in einer anderen Dimension.

          Seine Art zu philosophieren

          Um einen Mann, der als Kind vor den Nationalsozialisten floh, der versteckt in Südfrankreich überlebte und dort seinen Vater verlor. Ein Außenseiter, der nach Israel auswandert, Freundschaften meidet und schon früh gedanklich weit ausgreifende Aufsätze verfasst. Zum Beispiel einen über das Bedürfnis nach Religion und Religiosität, den er mit einem Zitat von Blaise Pascal einleitet, „Das ist der Glaube: Gott dem Herzen fühlbar, nicht dem Verstand“, und dann weiterschreibt: „Wie wahr! Kirchen und Orgeln sind künstliche Möglichkeiten, dieses Gefühl zu erzeugen.“

          Später beschließt er für sich, dass es keinen Gott gibt. Lewis bezeichnet diesen Sonderling als „Flüchtling im Stile von Vladimir Nabokov - er hielt Abstand und beobachtete die Einheimischen mit scharfem Blick“. Er hört begeistert Vorlesungen des Universalgelehrten Jeschajahu Leibowitz, studiert Psychologie, wird danach vorübergehend psychologischer Berater der israelischen Armee: Er entwickelt für sie einen Persönlichkeitstest für Anwärter - das Verfahren wird bis heute verwendet. Später wird er innerhalb der Wissenschaft einer der ganz Großen, bekommt schließlich 2002 den Wirtschaftsnobelpreis. „Mein Interesse an der Psychologie war meine Art zu philosophieren“, sagt Daniel Kahneman. Er ist die eine Hauptperson im neuen Buch von Michael Lewis.

          Eigentlich haben sie kaum etwas gemeinsam

          Die andere ist ein Mann, der Kahnemans Persönlichkeitstest absolviert, als dessen Erfinder gerade im Dienst des israelischen Militärs ist. Der dann Fallschirmspringer wird und bei vielen riskanten Einsätzen kämpft. Seine Mutter hatte zur Gründergeneration Israels gehört, hatte der ersten Knesset angehört, war viermal wiedergewählt worden. Früh fällt auf, dass der Junge hochbegabt ist auf vielen Gebieten, einer, der viele Geschichten kennt und gerne erzählt. Und der ziemlich klar und mitunter auch mit schlichten Begründungen seine Entscheidungen trifft. Überliefert haben seine Kinder die Anekdote, in der er mit seiner Frau ins Kino geht, zwanzig Minuten später aber schon wieder nach Hause kommt, weil ihm der Film nicht gefällt. Und das so erklärt: „Mein Geld haben sie mir schon genommen - warum soll ich ihnen auch noch meine Zeit geben?“

          Dieser Amos Tversky studiert ebenfalls Psychologie, wird Professor an der Hebräischen Universität. Seine Vorlesungen begeistern die Studenten. An der Fakultät gibt es noch einen anderen sehr beliebten Hochschullehrer: Daniel Kahneman. Eigentlich haben die beiden kaum etwas gemeinsam, auch ihre Herangehensweisen an Forschungsprobleme unterscheiden sich fundamental. Eines Tages aber bringt Kahneman Tversky mit in sein Seminar als Gastredner. Auch wenn er selbst den Vortrag eher fragwürdig findet und mit Kritik nicht spart, erwächst aus dieser Begegnung eine tiefe Freundschaft und Zusammenarbeit. Die beiden werden am Ende ihr Fach revolutionieren - und die Wirtschaftswissenschaft gleich mit.

          Verhaltensökonomik als eigenständiges Fach

          Kahneman und Tversky verbringen viel Zeit miteinander, schreiben gemeinsam Aufsätze, ziehen vorübergehend in die Vereinigten Staaten, um dort zu lehren, kommen anlässlich des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973 zurück nach Israel und schlüpfen wieder in die Uniform. In den siebziger Jahren kreieren die beiden schließlich, was sie in der Wissenschaft unvergesslich macht: eine Theorie, die den Menschen nicht als rein rationalen, stehts kühl kalkulierenden Entscheider darstellt, sondern die bestimmte psychologische Phänomene in ihr Modell einbezieht. Diese „Erwartungstheorie“ (Prospect Theory) trägt zum Beispiel dem Umstand Rechnung, dass Menschen typischerweise Risiken unverhältnismäßig hoch gegenüber Chancen gewichten, wenn sie sich entscheiden; dass sie im Nachhinein häufig rationale Erklärungen suchen für Ereignisse, die sie nicht vorhergesehen haben; dass sie falsche Entscheidungen gerne schönreden und sich sehr lange an eine einmal gefasste (und geäußerte) Meinung klammern.

          Mit dieser Theorie brachten Kahneman und Tversky die sogenannte Verhaltensökonomik als eigenständiges Fach auf den Weg. Später entfremden sich die beiden Forscher voneinander, die Freundschaft zerbricht. Lewis geht noch darauf ein, wer die Erwartungstheorie weiterverfolgt, und wie und wo sie sich niederschlägt. Das Buch endet folgerichtig mit dem Nobelpreis im Jahr 2002, den Kahneman zugesprochen bekam. Tversky hätte ihn sicherlich ebenfalls bekommen, wenn er nicht im Jahr 1996 an Krebs gestorben wäre.

          Michael Lewis ist ein eindrückliches Buch gelungen, informativ und kurzweilig, teils wie eine Dokumentation, teils wie eine Erzählung geschrieben. Eine dritte Hauptperson, über die der Leser ebenfalls viel erfährt, ist das Land Israel selbst, mit dessen Geschichte das Leben der beiden Forscher eng verwoben ist. Zur Einstimmung hat Lewis seiner Darstellung ein Kapitel vorangestellt, in dem er am Beispiel des amerikanischen Profi-Basketballs versucht, dem Leser den Forschungsgegenstand seiner beiden Helden nahezubringen. Es ist etwas für Basketballbegeisterte, die sich gut in der Liga auskennen, denen prominente Spieler und Funktionäre einigermaßen geläufig sind. Wen das nicht interessiert, der kann mit der Lektüre auf Seite fünfundvierzig beginnen, und er wird eine faszinierende Geschichte lesen.

          Michael Lewis: „Aus der Welt“. Grenzen der Entscheidung oder Eine Freundschaft, die unser Denken verändert hat. Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer und Sebastian Vogel. Campus Verlag, Frankfurt 2016. 359 S., geb., 24,95 €.

          Quelle: F.A.Z.

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