Herr Jürgs, in Ihrem Buch „Codename Hélène“ erzählen Sie eine Geschichte, die nach dem perfekten Hollywoodstoff klingt: Eine junge, schöne Frau namens Nancy Wake springt während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag des britischen Geheimdienstes mit einem Fallschirm über Frankreich ab, kämpft furchtlos gegen die Nazis und kehrt als Heldin zurück. War Ihnen Nancy Wake schon lange ein Begriff?
Nein! Ich hatte noch nie von ihr gehört, bis mich ein Freund im August 2011 auf einen Nachruf im „Economist“ hinwies, der ihre heldenhaften Taten auf einer ganzen Seite würdigte. Die im Alter von 98 Jahren Verstorbene, hieß es dort, sei eine der gefürchtetsten Agentinnen des britischen Geheimdienstes gewesen. Deshalb hatte die Gestapo, bei der sie als „Weiße Maus“ gesucht wurde, auf ihren Kopf fünf Millionen Franc ausgesetzt. Sie war nicht nur so mutig wie die Männer des Maquis,wie die Partisanen also, an deren Seite sie kämpfte, sie hat sie auch dadurch beeindruckt, dass sie ebenso viel Alkohol vertrug. „She drinks and swears like a trooper“ - sie saufe und fluche wie ein Soldat, notierte einer ihrer Ausbilder in ihrer Personalakte.
Sie hatten nicht sonderlich viel Zeit für Ihre Recherche. Sicherlich war es schwierig, in Nancy Wakes Leben einzutauchen?
Es leben keine Weggefährten mehr, aber ich hatte Glück, eines der letzten Exemplare ihrer 1985 erschienenen Autobiographie „The White Mouse“ zu finden. Man kann annehmen, dass vieles darin stimmt; ich musste aber ebenso davon ausgehen, dass sie vieles verschwiegen und anderes ausgeschmückt hat. Die Recherche glich einem Puzzle. Ich las Hunderte von Dokumenten, Erinnerungen, Aufzeichnungen auf der Suche nach Querverbindungen zu Namen und Ereignissen, die auch bei ihr auftauchten. Insbesondere Historiker des Imperial War Museum und der National Archives in London sind eine große Hilfe gewesen, aber auch das Archiv des Auswärtigen Amtes und verschiedene französische Institutionen. So stieß ich auf ihre Personalakte, die Beurteilungen ihrer Ausbilder oder die Berichte ihrer Mitstreiter.
An einer Stelle bezeichnen Sie Nancy Wake als eine Art Straßenköter im besten Sinne.
Straßenköter sind ungebunden und schnüffeln an jeder Ecke auf der Suche nach etwas Spannendem. Sie hängen an ihrer Freiheit und lassen sich von niemandem an die Leine legen. So wie Nancy Wake: Mit sechzehn brach sie die Schule ab und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Als sie zwanzig war, erbte sie Geld von einer Tante, verließ ihre Familie und Australien, ging zuerst nach New York und nach London, dann 1933 nach Paris, arbeitete als freie Journalistin, erlebte hautnah den Aufstieg des Faschismus und die Folgen der Naziherrschaft.
Auf abenteuerlichen Wegen gelangte Nancy Wake von Marseille, wo sie mit ihrem Mann Henri Fiocca lebte, nach England und wurde Agentin in der Spezialeinheit Special Operations Executive (SOE). Was war ihre Aufgabe?
Angefangen hatte sie im französischen Untergrund 1940 als Kurierin und als Fluchthelferin für britische Piloten in geheimen Netzwerken der Résistance. Dann musste sie nach England fliehen, weil ihr die Gestapo auf den Fersen war. Sie wurde als Agentin ausgebildet und sprang im April 1944 über der Auvergne ab, schloss sich der Résistance an, koordinierte die Verteilung der per Container abgeworfenen Waffen der Royal Air Force, kämpfte in der legendären Schlacht am Mont Mouchet an vorderster Front gegen die Deutschen. Sie war die einzige Frau in der Führungsriege des Maquis.
Offenbar war sie eine perfekte Agentin. Weshalb?
Sie verfügte, siehe Straßenköter, über einen geradezu animalischen Instinkt für gefährliche Situationen. Sie liebte das Abenteuer, passte sich kühl gefährlichen Situationen an und hatte, wie sie stets betonte, vor nichts Angst. Sie schlüpfte ebenso in die Rolle einer hilfsbedürftigen jungen Frau wie in die einer entschlossenen Kämpferin, auf deren Befehl die Männer hörten.
Einmal brach sie einem SS-Wachposten das Genick, was ihr psychisch sehr zugesetzt hat.
Das geschah bei einem nächtlichen Überfall auf eine Fabrik. Sie hat dieses Ereignis in ihrer Autobiographie nie erwähnt, aber eine ihrer Ausbilderinnen notierte, die Agentin Hélène, also Nancy Wake, sei tagelang geschockt gewesen deswegen. Es war eine Art des Tötens, die sie bislang nicht kannte, allerdings hatte sie während des Trainings in England silent killing geübt, was ihr dann das Leben rettete in jener Nacht.
Nancy Wake, Sie erwähnen es immer wieder, war auch eine sehr schöne Frau.
Einmal sagte sie über sich selbst, sie sei eine Art Playgirl gewesen vor ihrer Heirat. Sie war groß, hatte lange, braune Haare, endlose Beine, trug in Paris gern High Heels und große Hüte.
Welche Rolle spielte ihr Aussehen für den britischen Geheimdienst?
Eine wesentliche. Zur Strategie des SOE gehörte es, junge, gutaussehende, intelligente Frauen einzusetzen. Eine junge, schöne Frau im besetzten Frankreich ist zunächst unverdächtig. Und Männer, ob sie nun der SS angehörten oder der berüchtigten Milice Française, reagierten auf Agentinnen erst einmal wie Männer.
Unattraktive Frauen hatten beim SOE keine Chance?
Jedenfalls zeigen Fotos, die ich von SOE-Agentinnen kenne, auffallend attraktive Frauen. Viele bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Von Nancy Wakes Mitstreiterinnen starben viele im Konzentrationslager - durch Genickschuss, die Giftspritze, ein Exekutionskommando.
Ihr Buch zeigt, wie wichtig die Frauen für die Résistance gewesen sind. War Ihnen das vor Ihrer Recherche bewusst?
Nein, zumindest nicht in diesem Ausmaß. Sie spielten tatsächlich eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die Nazis. Es wäre den Männern allein niemals gelungen, ein dichtes Kuriernetz in ganz Frankreich zu spinnen. Ihre Geschichte im Widerstand ist noch immer nicht ausreichend gewürdigt außer beispielhaft in den Büchern von Margret Collins Weitz oder Corinna von List.
Obwohl Nancy Wake ebenso wie die männlichen SOE-Agenten ihr Leben riskierte, wie Sie beschreiben, betrug ihr Jahresgehalt dreihundert Pfund - und damit ein Drittel weniger als das ihrer Kollegen.
Unglaublich, nicht wahr?
Allerdings. Sind Sie während Ihrer Nachforschungen auf irgendeinen Hinweise gestoßen, dass Nancy Wake, die offenbar einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn besaß, darüber verärgert gewesen ist?
Nein, sie hat nie ein Wort über die ungleiche Bezahlung verloren. Grundsätzlich war sie eine diskrete, verschwiegene Frau. Ideale Voraussetzungen für eine Agentin.
Verschwiegen war sie auch in Bezug auf ihren Ehemann. Man fragt sich, ob sie, während sie im Untergrund kämpfte, nie das Bedürfnis hatte, zu erfahren, wie es ihm, der in Marseille zurückgeblieben war, eigentlich ging.
Es ist erstaunlich, dass sie sich selbst in ihrer Biographie nicht weiter dazu äußert. Sorgen um ihren Mann, ja, das schon, aber keine Rede von Sehnsucht. Dass er von der Gestapo schon 1943 ermordet worden war, weil er trotz Folter seine Frau nicht verriet, erfuhr sie erst nach der Befreiung. Vielleicht - aber das ist jetzt reine Spekulation - langweilte sie das Hausfrauenleben an der Seite von Henri Fiocca, und sie ging ganz in ihren Abenteuern auf. Vielleicht hatte sie Affären. Ich weiß es nicht. In ihrer lakonisch burschikosen Art sagte sie einmal einem englischen Reporter: „Wenn ich nur einen der Männer in der Résistance erhört hätte, hätte ich alle erhören müssen.“
Wenn man Ihr Buch gelesen hat, erscheint einem Nancy Wake fast wie eine Art Lichtgestalt. Gibt es dunkle Seiten, die Sie bewusst ausgespart haben?
Nein, die zu verschweigen wäre unlauter. Ich habe einfach keine entdeckt.
Die Fragen stellte Melanie Mühl.
Vielen Dank! Nachruf im Economist online
Steffen Wettengl (swettengl)
- 11.10.2012, 16:14 Uhr