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Veröffentlicht: 15.07.2010, 17:54 Uhr

Michael Imhof: Behandlungsfehler in der Medizin Überleben im Krankenhaus

Bei Behandlungsfehlern haben Patienten eine schwache Position. Aber auch Ärzte gehören zu den Verlierern einer zunehmend verrechtlichten Medizin, wie Michael Imhofs wichtiges Buch zeigt. Denn sie können jeden Tag mit hohen Schadenersatzforderungen konfrontiert werden.

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Es geht nicht nur um das sprichwörtliche Skalpell, das der Arzt im Körper des Operierten vergessen hat (realistischer sind Tupfer und Bauchtuch, die offenbar auch heute noch, trotz Beachtung aller Sicherheitsmaßnahmen, im Operationsgebiet vergessen werden). Es geht auch nicht nur darum, bei einer Hüft- oder Knieoperation die falschen Prothesen zu implantieren oder schlichtweg die Seiten oder gar den Patienten zu verwechseln. Das ist schneller passiert, als der Laie es sich vorstellen kann. Da braucht nur ein Schichtdienst den nächsten nicht zuverlässig informiert zu haben.

Christian Geyer-Hindemith Folgen:

Man denkt an solche eher spektakulären Fälle, wenn man den Spruch hört, der unsicherste Ort der Welt sei noch immer das Krankenhaus. Doch die meisten Behandlungsfehler-Vorwürfe richten sich auf die schleichenden Desaster, auf vermeidbare Diagnoseverzögerungen und die mangelhafte Beachtung von alarmierenden Hinweiszeichen. „Diese mangelhafte Beachtung von Hinweiszeichen“, so erklärt Michael Imhof in seinem Buch „Behandlungsfehler in der Medizin“, „das Nichterheben von diagnosesichernden Befunden hat meist zusätzlich noch ein fehlerhaftes therapeutisches Regime zur Folge: Eine kleine Unachtsamkeit setzt nicht selten eine ganze Kette von Fehlbehandlungen in Gang.“ Als Gutachter in Arzthaftungsprozessen ist Imhof ein ums andere Mal auf diese verhängnisvolle Spirale gestoßen. An etlichen Beispielen kann er zeigen: Erst das Zusammenwirken von mehreren, für sich genommen vielleicht noch unscheinbaren Nachlässigkeiten führt zu den verheerenden Krankheitsverläufen, unter denen Patienten lebenslang zu leiden haben. Zu den häufigen Fehlern im Krankenhaus gehört ausgerechnet der Schlendrian mit Arzneimitteln, der viele Gesichter hat: „Falsche Medikamentendosierungen, falsche Anwendung, falsche Häufigkeit der Verabreichung, falsche Medikamentenwahl, Präparateverwechslungen wegen ähnlich aussehender Verpackungen, fehlende Labordaten und mangelndes Wissen über Co-Medikationen und Begleiterkrankungen sind die Hauptursachen für falsche Arzneimittel-Therapien im Krankenhaus.“ Der bunte Pillen-Cocktail, der mehrmals täglich in den Schiebeschachteln ausgegeben wird, kann demnach nur mit gedrückten Daumen konsumiert werden.

Jeder ist betroffen

Im Blick auf die noch immer „tabuisierte Fehlerkultur“ in deutschen Hospitälern ist Imhof ein aufrüttelndes Werk gelungen. Seit Jahren erstellt er Gutachten auf dem Gebiet des Medizinrechts; nun hat er bei Schulz-Kirchner seine Erfahrungen in Buchform veröffentlicht. Es dürfte keine zweite ähnlich lebendige, kenntnisreiche und faktengesättigte Studie zu diesem Thema geben, das ein Thema ist, von dem prinzipiell jeder betroffen sein kann, der wegen irgendwelcher Beschwerden ins Krankenhaus kommt. Imhof stellt sich einerseits entschieden auf die Position der Patienten: „Ihre schwache Stellung in der Auseinandersetzung mit Gerichten, Haftpflichtversicherungen und ärztlichem Standesdünkel macht es in vielen Fällen unmöglich, Schadenersatz für erlittenes Unrecht zu erhalten.“ Andererseits sieht der Autor auch die Ärzte als Opfer: „Die zunehmende Klageflut, die Bereitschaft und Rücksichtslosigkeit mancher Patienten, auch kleinste und unbedeutendste Störungen des Heilungsverlaufs nicht als gegeben zu akzeptieren, stellt einen weiteren Grund für die Entfremdung zwischen Arzt und Patient dar.“

Es ist diese nicht skandalierende, jede Sensationsheischerei strikt vermeidende Fähigkeit Imhofs, die Rationalität aller Parteien zu gewichten, die seiner Expertise Autorität verleiht. Eigentlich kann es sich kein (potentieller) Patient, können es sich kein Arzt und kein Medizinstudent leisten, dieses Buch nicht gelesen zu haben. Und als vertrauensbildende Maßnahme gehört es mit zwei, drei Exemplaren in jedes Wartezimmer.

Imhofs Feinde, gegen die er leidenschaftlich zu Worte zieht, sind die Haftpflichtversicherungen. Er nennt sie „die heimlichen Herren des Verfahrens“, ignorant und skrupellos gegenüber dem einzelnen Schicksal „mit seiner nicht anerkannten Querschnittslähmung, einer nicht anerkannten Bauchfellentzündung, einer falsch implantierten Knie- oder Hüftendoprothese“. Imhof berichtet von der Methode, trotz eines für den Patienten positiven Gutachterkommissions-Bescheids nicht in Haftung zu gehen, jahrelange Hinhaltetaktik zu betreiben oder „geradezu unanständig geringe“ Entschädigungszahlungen anzubieten. „Selbst bei eindeutigen Sachverhalten wie einer Seitenverwechslung haben sich Versicherungen schon geweigert, den Schaden anzuerkennen.“

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