15.04.2010 · Michael de Ridder gehört zu den Ärzten, die die unwürdigen Bedingungen eines Sterbens im Krankenhaus nicht länger mit ansehen wollen. Sein Buch rüttelt auf.
Von Michael PawlikWir hatten eine Stunde gebraucht, um der schwerkranken Patientin einige Löffel Joghurt einzuflößen. Vom Pflegepersonal der Universitätsklinik hatte sich während dieser Zeit niemand blicken lassen. Endlich erschien ein Pfleger, um das Abendessen wegzuräumen. Sein Gespräch mit uns beschränkte sich auf einen kurzen, verächtlich hingeworfenen Satz: "Na, stopfen Sie die Alte immer noch?"
Perfekte Maschinerien
Wenige Tage später war meine Mutter tot. Ein Einzelfall? Mitnichten, konstatiert der Berliner Arzt Michael de Ridder vor dem Hintergrund jahrzehntelanger klinischer Erfahrung. "Unsere Krankenhäuser sind, sieht man einmal von den wenigen Ausnahmen ab, der Stein und Stahl gewordene Gegenentwurf zu dem, was ein Mensch am Ende seines Lebens braucht. Sowohl ihre bauliche Gestaltung und Innenausstattung wie auch die Bereitschaft und Kompetenz des weitgehend überlasteten ärztlichen und pflegerischen Personals sind nicht dazu angetan, einem zu Ende gehenden menschlichen Leben Aufgehobenheit und Fürsorge angedeihen zu lassen. Als mehr oder weniger perfekte Maschinerien vermitteln sie dem Kranken und erst recht dem Sterbenden vielmehr das Gefühl, Sand in ihrem Getriebe zu sein. Sie flößen ihm Hilflosigkeit, Abhängigkeit und zudem etwas ein, was schließlich den Erfolg mancher therapeutischen Bemühung in Frage stellt: existentielle Angst."
Ungleichheit der Mittelverteilung
Auf einen solchen Befund folgt gewöhnlich das Lamento, das deutsche Gesundheitssystem sei unterfinanziert. Für de Ridder liegt die Wurzel der Misere dagegen primär in der Ungleichheit der Mittelverteilung zwischen Kurativ- und Akutmedizin auf der einen und Palliativmedizin und der Pflege von chronisch Kranken und Alten auf der anderen Seite. Einerseits honorierten die Krankenkassen mit Milliardenbeträgen eine Unzahl unnötiger Herzkatheteruntersuchungen, Röntgenleistungen und fragwürdiger Medikamente - aktuelles Beispiel: extrem teure, maßgeschneiderte Krebsmittel, die nach bisherigen Studien zu einer Lebensverlängerung von 0 bis 3 Monaten führen. Andererseits sparten sie an der personal- und zuwendungsintensiven Versorgung derer, die am Ende ihres Lebens angelangt seien. "Die Unheilbaren und Sterbenden sind auch heute in unserem Gesundheitssystem die am meisten benachteiligten Patienten."
Vertreibung des Sterbens
Verantwortlich für diese Ungleichbehandlung ist nicht nur die intensive Lobbyarbeit von Pharmaindustrie und Medizintechnologieunternehmen. Ihr kommt de Ridder zufolge auch die wachsende gesellschaftliche Neigung zur "Ausgrenzung, ja Vertreibung des Sterbens und seiner Vorhut, des Alterns, aus dem Leben" entgegen.
Die Selbstbestimmungseuphoriker und Jugendwahnsektierer wollen sich den Blick auf ihre eigene Zukunft so lange ersparen wie möglich. Dies hat zur Folge, dass der soziale Tod eines Menschen seinem biologischen Tod häufig um Jahre vorausgeht. "Armut, Isolation, Partnerverlust, Depression, Mangelernährung, Kräfteverfall und nachlassende Hygiene verschränken sich mit diversen physischen Leiden zu stummer, aussichtsloser Verzweiflung, die irgendwann nur noch erschöpft danach verlangt, ein Ende zu finden."
Wen wundert es, dass angesichts dieser Aussichten ein Drittel der Bundesbürger erwägt, sich im Fall eigener Pflegebedürftigkeit das Leben zu nehmen? So zu denken zeugt weniger von einer die Entscheidungsfreiheit ausschließenden Depression als vielmehr von Realitätssinn. Gerade deshalb ist es, wie de Ridder betont, für eine reiche Gesellschaft zutiefst beschämend.
Solidarität der nächsten Generation
Nicht erörtert wird von de Ridder allerdings die Frage, ob diejenigen, die lieber sterben als pflegebedürftig werden wollen, ernsthaft dazu bereit wären, Einschränkungen des gewohnten Niveaus der akutmedizinischen Versorgung hinzunehmen. Eine solche Bereitschaft ist keineswegs selbstverständlich. Es ist ein sozialpsychologisch bekanntes Phänomen, dass Menschen dazu neigen, ihre gegenwärtigen Bedürfnisse, seien sie nach objektivem Urteil auch überzogen, ihren langfristigen Interessen vorzuziehen. Dies gilt zumal dann, wenn sie wissen, dass ihr Verzicht lediglich anderen Personen unmittelbar zugutekommen würde, während sie selbst auf die entsprechende Solidarität der nächsten Generation hoffen müssten.
Zorn auf die Politik
Verantwortungsbewusste Politiker zeichnen sich freilich dadurch aus, dass sie diesem Unwillen nicht einfach nachgeben, sondern ihm mit einer Mischung aus Überzeugungskraft und Härte entgegenarbeiten. Davon kann in Deutschland bislang nicht die Rede sein. Angesichts der Vehemenz, mit der hierzulande jeder Anlauf zu einer öffentlichen Diskussion über das Thema der Priorisierung von Gesundheitsleistungen abgewürgt wird, bleibt mit de Ridder nur der "Zorn auf eine Politik, die ihrer vornehmsten Aufgabe, das Gemeinwohl zu gestalten, im Gesundheitswesen nicht angemessen nachkommt".
Der Appell de Ridders zum Umlenken wird deshalb vermutlich ebenso wirkungslos verhallen wie zahlreiche ähnliche Mahnungen vor ihm. Aber jedenfalls wird nach der Lektüre dieses aufrüttelnden Buches später niemand sagen können, er habe von nichts gewusst. Michael Pawlik
Michael de Ridder: "Wie wollen wir sterben?" Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010. 320 S., geb., 19,95 [Euro].