14.10.2008 · Wie universalitätsfähig sind wir Europäer eigentlich mit unseren abendländischen Begriffen? Wie chinesisch müssen wir uns China vorstellen? Eine Kontroverse zur Sino-Philosophie, die leider nur unter Gleichgesinnten stattfindet.
Von Joseph HanimannMan kann die Diskussion über China gewiss auch ohne China führen. Die Kontroverse wird dann schärfer und verzichtet auf interkulturelle Höflichkeitsformen. Was gegenwärtig in der Auseinandersetzung um den französischen Philosophen und Sinologen François Jullien gerade unter dem Stichwort einer „Sino-Philosophie“ abläuft, holt in einem einzigen Schlenker alle west-östlichen Divane, alle Perserbriefe und sonstigen „Orientalismen“ wieder nach Hause mit der Zielfrage: Wie universalitätsfähig sind wir Europäer eigentlich mit unseren abendländischen Begriffen? Doch scheint es, dass auch in China selbst die Gegendebatte gerade nach Hause gefahren wird: Wie chinesisch ist eigentlich China? Die Idee einer sachlich geführten Universalgeschichte der Menschheit in den netten Zierfarben der kulturellen Vielfalt darf einstweilen vertagt werden, wie dieses Bändchen - allerdings nur lückenhaft - zeigt.
Der in Paris lehrende François Jullien entwickelt seit nunmehr zwanzig Jahren mit wachsendem Echo in seinen Publikationen eine Strategie des „Umwegs“, mit der er über die Studie von Grundmustern und Zentralbegriffen der chinesischen Denktradition entsprechende Muster in unserem europäischen Denken auf ihre Voraussetzungen hinterfragt und damit auch relativiert. Das „Sein“ etwa, für uns seit den Griechen Grundpfeiler einer ontologisch angelegten Philosophie, komme im klassischen Chinesisch zwar prädikativ wie ontisch (“es gibt“) vor, werde aber als Begriff im absoluten Sinn nicht gedacht, lehrt er.
Besser ein schlechter Fürst als Anarchie
Entsprechend sei auch die „Wahrheit“ dort nicht ein festes Prinzip und Hauptanliegen der Philosophie, sondern werde eher als „Angemessenheit“ gegenüber den Umständen gesehen. Und das „Handeln“, nach westlicher Vorstellung als - manchmal forcierte - Ausführung eines vorgefassten Plans verstanden, komme im chinesischen Verständnis vielmehr der strategischen Nutzung eines „Situationspotentials“ gleich, wie sie bei uns in der List der griechischen „metis“ mitgedacht wurde: Handeln ist vergleichbar mit der Gischt auf einer Welle.
Besonderes Gewicht legt Jullien im resümierenden Eingangstext dieses Buchs, das aus verschiedenen Beiträgen des Festivals „Umweg über China“ am Theater Hebbel am Ufer in Berlin im Sommer 2007 zusammengesetzt ist, auf den Begriff der „lautlosen Transformation“: jener stete Wandel, der an keinem „Ereignis“ dramatisch in ein „vorher“ und „nachher“ aufsplittert, sondern in der Dauer fast unmerklich von einem Extrem ins andere übergehen kann wie in dem gegenwärtig zwischen Liberalisierung und Repression schwankenden China vom sozialistischen Regime zum Hyperkapitalismus. Das Schlimmste sei nach altchinesischer Staatslehre die Unordnung, schreibt Jullien - besser ein schlechter Fürst als Anarchie.
Eine unhaltbare Position
Diese systematische Gegenüberstellung von „westlichem“ und „chinesischem“ Denken bringe nicht nur eine fragwürdige Relativierung aller Prinzipien, sondern verwische mit ihrer stereotypen Logik des radikalen „Andersseins“ auch die jeweilige Diversität hüben wie drüben, wandten manche Kritiker gegen Jullien ein. Die sonst eher diskrete Zunft der Sinologie ist in Aufruhr. Solange Jullien China als das „ganz Andere“ darstelle, nehme er ihn nicht zur Kenntnis, habe der Bochumer Sinologe Heiner Roetz erklärt - so berichtet im vorliegenden Band Wolfgang Kubin aus der Bonner Schule, die gegen die Bochumer wiederum Jullien stützt. Besonders virulent ist die Kritik des Genfer Sinologen Jean François Billeter, der vor zwei Jahren das Bändchen „Contre François Jullien“ (Éditions Allia, Paris) publizierte.
Seinen Publikumserfolg verdanke Jullien der schwächsten Seite seines Werks: den leicht verständlichen Verallgemeinerungen - schrieb Billeter. Sein Pariser Kollege setze die exotischen Visionen Victor Segalens oder des Deutschen Richard Willhelms einfach fort und knüpfe überdies an die naiven Philosophenträume des achtzehnten Jahrhunderts an, die gegen die Willkür des Ancien Régime in Europa die Vorstellung einer ganz anderen, weisen Despotenherrschaft in die chinesische Wirklichkeit hineinphantasierten. Julliens „komparatistische“ Position ist laut Billeter vom Standpunkt der Sinologie wie der Philosophie unhaltbar, weil er von vornherein den Unterschied zwischen Abendland und China behaupte und dann immer nur die Textstellen heranziehe, die seine These stützten - bis der Zirkelschluss ein Selbstläufer sei.
Da schmerzt das Genick mehr als der Kopf
Er behaupte nicht die prinzipielle „Alterität“ Chinas gegenüber Europa, entgegnet darauf Jullien im vorliegenden Band, sondern nur die „Exteriorität“: die historisch nachweisbare Tatsache, dass die beiden Kulturräume bis in sechzehnte Jahrhundert von einander unabhängig zwei konsistente, philosophisch ausgereifte Denksysteme entwickelt und dabei offenbar aus nicht ganz identischen „Quellen der Intelligibilität“ geschöpft hätten. Deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu klären sei fürs Weiterdenken aufschlussreich. Die Andersartigkeit Chinas will Jullien also mehr in einem faktischen „Woanders-“ als einem kategorischen „Anderssein“ begründet sehen.
Sowohl die Position Billeters, die überall nur - unterschiedlich ausformulierte - Universalbegriffe erkennt, wie die Gegenposition, die eine grundlegende Unvereinbarkeit der Denkansätze behauptet, bleiben für Jullien „gleichermaßen stumm“ in Hinsicht auf einen ergiebigen Dialog. Er plädiert dagegen für das Verfahren des unablässigen Abklopfens der Denktraditionen nach Echo-, Kontrast- und Gleichklängen, ein ständig ausbalancierendes Übersetzen also, das die Fremdbegriffe weder voreilig aufs schon Bekannte kürzt, noch zu wolkiger Exotik aufbläht. Und in Sachen Wortübersetzung aus den chinesischen Texten geht der Schlagabtausch zwischen Jullien und Billeter tatsächlich detailgespickt hin und her, dass dem sinologisch unbedarften Leser beim Zuschauen das Genick mehr schmerzt als der Kopf.
Eine Kontroverse unter Gleichgesinnten
Die Kritik am Vorgehen François Julliens ist nicht ganz unberechtigt, wenn sie vor der Versuchung warnt, die philosophischen Beispiele aus China als Illustration einer faszinierenden Theorie zu benützen und aus dem Klopfecho des Sondierens nur den hübschen Gesamtklang der Entsprechungen herauszuhören. Eine historische Auffächerung des Pauschalbegriffs „chinesische Denktradition“ in seine inneren Widersprüche wäre manchmal nützlich, auch wenn das die schönen Gleichungen stört. Wenn Billeter aber die gesamte chinesische Philosophie seit der Han-Dynastie einfach als nachträglich geschaffenen theoretischen Überbau zum Zweck der Erhaltung der imperialen Machtausübung auslegt und Jullien als den unkritisch hergelaufenen Epigonen hinstellt, der diese Fiktion schöngeistig weiterspinne, dann wird nicht mehr philosophisch geklopft, sondern nur noch gehämmert. Wie fein und zugleich klar die Hinterfragung unseres Universalismusbegriffs gegen den Kulturrelativismus abgegrenzt werden kann, hat François Jullien selbst in seinem letzten, auf Deutsch noch nicht vorliegenden Buch „De l'universel, de l'uniforme, du commun et du dialogue entre les cultures“ (F.A.Z. vom 14. April 2008) gezeigt.
Schade nur, dass der vorliegende Band mit der Auswahl seiner Beiträge die Kontroverse mehr schließt als öffnet. Die Kritiker Julliens, einschließlich Billeter, kommen nur indirekt über die von Jullien und seinen Freunden angeführten Zitate zu Wort. Die Kontroverse findet unter Gleichgesinnten statt. In den Details ist das lehrreich und spannend, als Modell interkultureller Auseinandersetzung ist es aber nur sehr bedingt zu empfehlen.