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: Mein Haus, ein Labyrinth

  • Aktualisiert am

Wann das Gedächtnis seine Mutter endgültig im Stich gelassen hat und ihre Gedanken begannen, ein Eigenleben zu führen, kann Cyrille Offermans nicht mehr genau sagen. Jedenfalls ist es ein schleichender, unumkehrbarer Prozess gewesen, und er, der Sohn, hat lange Zeit die Augen verschlossen, um sich selbst zu schützen vor dem Schmerz der Realität.

          Wann das Gedächtnis seine Mutter endgültig im Stich gelassen hat und ihre Gedanken begannen, ein Eigenleben zu führen, kann Cyrille Offermans nicht mehr genau sagen. Jedenfalls ist es ein schleichender, unumkehrbarer Prozess gewesen, und er, der Sohn, hat lange Zeit die Augen verschlossen, um sich selbst zu schützen vor dem Schmerz der Realität. Es ist nicht so, dass Cyrille Offermans den geistigen und psychischen Verfall seiner Mutter nicht wahrgenommen hätte, er hat sich nur reflexartig die passenden Erklärungsmuster dafür zurechtgelegt. Ihre Bissigkeit und Vergesslichkeit, ihre Wutanfälle und Redeexzesse, ihre Verwirrung und Rücksichtslosigkeit schob er auf das hohe Alter, sie war schließlich schon über achtzig, ihr Bewegungsradius schwand unaufhörlich, genauso wie die noch zu lebenden Jahre. Schienen ihre Veränderungen da nicht geradezu logisch zu sein? Mit Überlegungen wie diesen hielt Cyrille Offermans seine innere Unruhe in Schach, dabei wusste er es längst besser. Seine Mutter litt an Demenz.

          Wie es ist, an der Seite eines Menschen zu leben, den man liebt und in dessen Kopf der Krieg tobt, darüber hat der niederländische Essayist Cyrille Offermans ein außergewöhnliches Buch geschrieben. Es heißt "Warum ich meine demente Mutter belüge", und es erspart uns kein einziges Detail. Dieses Buch fächert das Älterwerden in all seinen grausamen Facetten auf, und von denen gibt es ja bekanntlich viele. Der Autor legt Wunde um Wunde der Mutter frei, er konfrontiert uns mit ihrer Hilflosigkeit, mit ihrer stummen Verzweiflung, mit ihrer Einsamkeit. Er zeigt, wie sich die Demenz ins Leben hineinfrisst und letztendlich die Oberhand gewinnt. Dabei buhlt Offermans nicht um das Mitleid seiner Leser, ganz im Gegenteil, sein Ton ist oft lakonisch und trifft gerade deshalb mit ungeheurer Wucht. Doch zwischen den Zeilen blitzt die Traurigkeit eines Sohnes auf, dem die Mutter entgleitet.

          Es war im Winter des Jahres 1995, die Offermans hatten gerade ein neues Haus gekauft. Doch es musste noch renoviert werden. Also zogen Cyrille, seine Frau, die gemeinsame Tochter und der Hund drei Monate lang zur Mutter. Es waren drei höllische Monate. Cyrille Offermans kam es vor, als hätte sich eine fremde Person der Hülle seiner Mutter bemächtigt. In dieser Zeit beschlich ihn eine Ahnung davon, was ihn in Zukunft erwartete. Nichts erinnerte mehr an die liebenswürdige und aufopferungsvolle Frau, die stets zur Stelle gewesen war, brauchte jemand ihre Nähe. Übel gelaunt und aggressiv streifte sie täglich mit ihrer Gießkanne in der Hand durchs Haus und goss andauernd die Kakteen. Dabei redete die greise Dame ohne Unterlass, und niemand konnte sie beirren. Eine Quelle großen Ärgers war auch das Fernsehen. "Immerfort wollte meine Mutter wissen, wer denn wer war. Wenn wir es ihr sagten, folgte ständig die erstaunte Frage, ob wir den Mann auch kennen würden; zu blöd, dass der im Fernsehen auftrat; ob wir den Mann vorher schon mal gesehen hätten. Filme anzuschauen wagten wir erst gar nicht. Sie konnte den Geschichten nicht folgen." Abends betrank sich Cyrille Offermans' Mutter mit Sherry, ungeachtet der Ermahnungen ihres Sohnes. Sie so zu sehen, das schmerzte ihn, noch mehr aber tat es ihm weh, wenn seine Mutter einen klaren Gedanken fasste und Sätze sagte wie: "Ich weiß ja nichts mehr, ich weiß doch überhaupt nichts mehr."

          Die Offermans waren heilfroh, als sie ihr neues Haus beziehen konnten. Vielleicht, so dachte Cyrille Offermans, würde seine Mutter nun wieder zu sich finden, vielleicht habe sie ja nur die häufige Anwesenheit dreier Menschen und eines Hundes nervös gemacht. Natürlich kam es anders. Der Zustand seiner Mutter verschlechterte sich dramatisch, und sie geriet immer tiefer in das Gefängnis ihres eigenen Kopfes. "Das Haus war zu einem Labyrinth geworden, ohne Wegweiser würde sie sich darin verirren. An den gebotenen Stellen hingen oder lagen nun Zettel, auf denen stand, wo sie sich gerade befand, wie etwas funktionierte oder wann jemand kommen würde. Doch das half ihr nicht weiter, denn sie las die Zettel gar nicht oder besser gesagt, sie begriff gar nicht deren Zweck."

          Von diesem Moment an hat es nicht mehr lange gedauert, bis Cyrille Offermans seine Mutter in die Obhut eines Pflegeheims geben musste. Die Entscheidung, das versteht sich von selbst, ist ihm und seinen fünf Geschwistern ungemein schwer gefallen. Wahrscheinlich ist dieser Entschluss sogar der schwerste für ein Kind, weil es weiß, dass das Heim der letzte Ort im Leben ist, eine getarnte Verwahrungsstation, wo die Menschen auf den Tod warten.

          Einmal, als Cyrille Offermans seine Mutter abends im Pflegeheim besuchte, traf er sie an einen Stuhl festgebunden an. Sie wähnte sich im Kriegsgebiet, und ihre verstörten Blicke tasteten sich an den Wänden des Raumes entlang, als könne sie dort Hilfe finden. Die Stimme ihres Sohnes aber erkannte sie sofort. Cyrille Offermans setzte sich neben seine Mutter und begann leise "Lili Marleen" zu singen, ihr Lieblingslied. Komm, sagte die Mutter nach ein paar Minuten, wir gehen nach Hause.

          MELANIE MÜHL

          Cyrille Offermans: "Warum ich meine demente Mutter belüge". Aus dem Niederländischen von Walter Kumpmann. Verlag Antje Kunstmann, München 2007. 124 S., geb., 14,90 [Euro].

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