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Ratgeber für Hochsensible : Mehr spüren als viele andere

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Soll auch gut sein für Sensibelchen: Yoga Bild: AFP

Burnout war gestern, jetzt ist Hochsensibilität als Diagnose im Kommen: Ein neues Buch hat Ratschläge parat, wie mit ihr zurechtzukommen ist.

          Wer noch nicht wusste, dass Hochsensibilität fast so etwas wie eine Krankheit sein könnte, für den ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich zu informieren. Die ersten beiden Seiten einer bekannten Internetbuchsuchmaschine werfen allein für das Jahr 2016 elf Titel zum Begriff „Hochsensibilität“ aus. In diese Riege reiht sich auch das Buch von Ilse Sand ein, laut Cover ein „Bestseller aus Skandinavien“. Aber schon die ersten Kapitel verdeutlichen, dass es nicht der einzige Bestseller bleiben wird, vorausgesetzt, all die vielen noch unerkannt hochsensiblen Menschen machen sich über diese ihre Eigenschaft durch Bücherlesen kundig. Denn jeder Fünfte ist besonders empfindsam oder eben hochsensibel.

          Nicht ohne die Spiegelneuronen

          Wer jetzt schon reflexartig eine neue Welle oder Mode heraufziehen argwöhnt, hat recht. Hochsensibel schickt sich an, das Zappelphilipp-Syndrom abzulösen, wahrscheinlich in einem Aufwasch mit dem Burnout. Der Versuch, aus den Beschreibungen dieses oder anderer Bücher eine griffige Beschreibung von Hochsensibilität zu extrahieren, muss scheitern, nur mittels möglichst vager Kriterien lässt sich schließlich ein Fünftel der Menschheit zu Hochsensiblen machen. Sie sind besonders einfühlsam, sie besitzen laut Sand ein „reiches Vorstellungsvermögen“, spüren mehr als viele andere, sind geschickt darin, tiefgehende und intensive Beziehungen aufzubauen, und sie können Dinge „aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten“. Dass solche Naturen überhaupt Probleme haben, mag man kaum glauben.

          Weit gefehlt. Denn selbst wenn sie „leidenschaftlich gern“ malen, so kann das auch „fast zu einer Belastung werden“. Die Autorin gibt Kurse in der Volkshochschule, aber bitte mit Pausen, in denen sie sich auf sich selbst konzentrieren kann. Hochsensible haben nämlich ein „empfindliches Nervensystem“, was immer man sich darunter vorstellen mag – dass ihr „Spiegelneuronensystem“ heftiger reagiert, kann jedenfalls nicht der Grund dafür sein. Denn hier sitzt die Autorin dem ebenso falschen wie populärwissenschaftlich vereinfachten Irrglauben auf, mit den Spiegelneuronen nähmen wir Gefühle anderer Menschen wahr. Immerhin sind Hochsensible, glaubt man den Behauptungen der Autorin, glücklicher als andere, wenn sie sich „in ihrer persönlichen Komfortzone“ aufhalten können.

          Auf in die Komfortzone

          Der Test am Ende und die guten Ratschläge sind, so wollen es solche Buchbausteine, insbesondere für Hochsensible nützlich. Man soll Radio hören als Hochsensibler, das Theater besuchen, über Aphorismen reflektieren, „Zeit mit einem Kind“ verbringen oder Pilates und Yoga machen, etwas im eigenen Garten pflanzen. Wer einen solchen hat, könnte dort im Freien essen und sich ansonsten heiße Fußbäder und Massagen gönnen, oder Skulpturen anfertigen, sich wohlriechende Blumen kaufen, Yoga machen – da wiederholen sich die Dinge, aber was kommt einem nicht alles in den Sinn, wenn man in der Hängematte im eigenen Garten liegt, auch dies verhilft Hochsensiblen in die persönliche Komfortzone.

          Wer nicht über derartige Annehmlichkeiten verfügt, keinen Chef hat, der einem genügend Pausen zum Rückzug gönnt, oder wer eigene Kinder hat, die versorgt sein wollen, statt dass man nur „Zeit mit einem Kind“ verbringt, kurz: wer sich nicht dauernd in der persönlichen Komfortzone aufhalten kann, dem kann wohl auch ein noch so gut gemeintes Buch nicht helfen. Der möge es gar nicht erst lesen, sonst könnte er neidisch werden, wie rasch es zum Wohlbefinden beiträgt, wenn einer ein Pferd striegelt und es reitet. Die Jugendsprache hat ein Wort für all dies: First World Problems.

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