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Veröffentlicht: 18.12.2016, 22:43 Uhr

Lebensende im Medizinbetrieb Umsonst ist der Tod schon lange nicht mehr

Wenn es ans Sterben geht, wird noch einmal richtig abkassiert. Der Palliativ-Mediziner Matthias Thöns plädiert in seinem Buch für eine bessere Medizin am Lebensende.

von Martina Lenzen-Schulte
© Jens Gyarmaty Wenn es auf schnelle Hilfe ankommt: Spezial-Rettungswagen für Schlaganfall-Patienten.

Wollen sie unbedingt verfaulen und stinken bei lebendigem Leib?“, fragt der Oberarzt die dreiundsiebzig Jahre alte Patientin mit bereits fortgeschrittenem Darmkrebs. Es klingt nicht nur wie eine Drohung, es ist auch so gemeint, wie wir aus dem engagierten Buch von Matthias Thöns erfahren, der sich als Palliativmediziner seit bald zwei Jahrzehnten um Sterbenskranke kümmert. Der zitierte Oberarzt bietet das volle Programm – Operation, Chemotherapie und Bestrahlung, aber die Patientin verweigert sich, zieht stattdessen bei der Familie der Tochter ein und stirbt nach einigen Wochen in deren Zuhause.

Thöns beschreibt viele Beispiele dieser Art. Mal gelingt es ihm und seinem Praxisteam, mit den Patienten und ihren Angehörigen gegen Widerstände den Wunsch nach einem möglichst schmerzfreien, friedlichen Tod zu Hause zu verwirklichen, mal nicht. Der Autor verfügt erkennbar über ein Arsenal an erstaunlich unaufwendigen Therapien, die vermutlich das Repertoire von so manchem Arztkollegen sinnvoll erweitern könnten. Wer weiß schon, dass ein Amphetaminpräparat, das sonst eher unruhige Kinder bekommen, einem Krebskranken aus seiner depressiven Lethargie heraushelfen kann?

Eindrückliche Schilderungen

Auch die Negativbeispiele sind lehrreich. Wer als Krebskranker angebotene Therapien verweigert, fällt in Ungnade. Nicht nur die erwähnte Dreiundsiebzigjährige wird „unehrenhaft“ und umgehend entlassen. Dass Patienten von zurückgewiesenen Klinikärzten Hals über Kopf vor die Tür gesetzt werden, kommt offenbar häufiger vor, wenn man dem Buch glauben darf. Ist es Freitagmittag, fehlt der Arztbrief und kommt der Kranke ohne Tabletten nach Hause, muss er mitunter bis montags die Tumorschmerzen ertragen. Zudem ist das Heim nicht vorbereitet auf einen Schwerkranken, es gibt kein verstellbares Krankenbett, keinen Toilettenstuhl und auch keine anderen Hilfsmittel für die Versorgung. Dafür aber kaltschnäuzige Ratschläge wie den der Mitarbeiterin einer Betriebskrankenkasse, den kranken Vater auf eine Matratze auf den Boden zu legen.

Da Thöns und seine Mitarbeiter in solchen Notlagen oft verzweifelte Anrufe erhalten, schöpft er bei der eindrücklichen Schilderung der Beispiele aus dem Vollen. Er beschreibt schonungslos, etwa wie er nach dem zweifelhaften „Einsatz“ des Notarztes bei einem dokumentiert todkranken Nierenkrebspatienten den dann bei der Wiederbelebung doch Verstorbenen in einer Blutlache vorfindet, während ihm noch der Beatmungsschlauch aus dem Mund hängt, Frau und Kinder weinend danebensitzen, der Notarzt raucht.

Dialysetherapie als Beispiel

Oder er macht dem Leser mit Insiderwissen klar, wie sich die Dinge zum Unguten gewendet haben. Denn wenn der Notarztdienst heutzutage „Reise durch die Pflegeheime“ heißt, dann beschreibt dies anschaulich die Tatsache, dass die Rettungsdienste nicht mehr in der Mehrzahl zu akut Unfallverletzten fahren, sondern unter Umständen alte, unheilbar kranke Menschen zum x-ten Mal in die Klinik bringen.

Der Autor erspart dem Leser auch nicht die nüchterne Sicht auf den in vieler Hinsicht schmerzhaften und unwürdigen Alltag von Menschen am Lebensende und den ihrer Angehörigen. Zum Beispiel den Krebspatienten, die ohne Aussicht auf Genesung Dialysetherapie erhalten, obwohl die Blutwäsche bei Tumorkranken das Leben meist nicht verlängern, aber massiv beeinträchtigen kann. Nicht nur, weil sie dreimal die Woche ganze Tage in der Dialysestation verbringen, Transport nicht eingerechnet. Die Blutverdünnung bringt Zahnfleisch- und Nasenbluten mit sich, anschließend fühlen sich die Kranken wie gerädert, sie leiden unter Durst und Mundtrockenheit, weil sie sich das Trinken oft verkneifen müssen.

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