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Matthias Matussek: Das katholische Abenteuer : Der „Ich schlag zurück“-Katholizismus

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Hier wird der Kult zum Kult: Matthias Matussek wirft sich katholisch in die Brust, hofft auf neues Mysterium und hat von zentralen Lehrstücken seiner Kirche erstaunlich wenig Ahnung.

          Matthias Matussek, von 2005 bis 2008 Kulturchef des „Spiegel“, versteht sich als Gonzo-Journalist. Wie vor vierzig Jahren Hunter S. Thompson setzt er auf aggressive Polemik, kalkulierte Beleidigung, radikale Subjektivität und professionellen Amoklauf. Wild schießt der Zögling des Bonner Aloisiuskollegs der Jesuiten nun um sich, um seine heilige römische Kirche zu verteidigen. Wichtigste Zielscheibe sind die Latte-macchiato-Schickeria mit ihrem alles relativierenden seichten Geschwätz und überhaupt jeder satte, selbstzufriedene Bourgeois, der sich im Status quo eingerichtet hat.

          Matussek stammt aus einem entschieden katholischen, kirchentreuen und eng der CDU verbundenen Elternhaus, wurde dann aber klassenkämpferischer Maoist, bevor er nach Drogenexzessen und enttäuschter Liebe zum Kirchenglauben zurückfand. Seine Kirche preist er auch wegen des radikalen Antikapitalismus ihrer Soziallehre. Er sieht in ihr eine zutiefst antibürgerliche Institution, geprägt von der „grandiosen, feudalen Zuspitzung auf den obersten Kirchenfürsten“ in Rom und einer zweitausend Jahre alten geheimnisvollen Tradition. Mit Kulturkatholiken wie Martin Mosebach polemisiert er gegen die „Häresie der Formlosigkeit“, und die „katholischen Betriebsnudeln und Vereinsmeier“ mit ihrem permanenten „Reformgeschnatter“ widern ihn nur an. Matussek betont das Anarchische, Unangepasste des Gottesglaubens, seine starke Kraft, alles nur Weltliche als vorläufig zu wissen.

          Die Sündenbeichte als Selbstbegegnung

          Matussek will Zeugnis ablegen, sich als papsttreuer Katholik outen. Dazu erzählt er wunderbare Geschichten aus seiner Kindheit, einer „katholischen Education sentimentale“, in der Alltag und Lebensführung vom „Kirchenkalender“ bestimmt wurden. Das Tischgebet war selbstverständlich, abends der Rosenkranz vor einem Hausaltar. Sonntags gingen Eltern und Kinder gemeinsam in Galakleidung zur Messe, vorbereitet wie beim Opernbesuch. Auch nahm die Familie regelmäßig an Marienandachten und Fronleichnamsprozessionen teil. Als man Ende der fünfziger Jahre einen Fernsehapparat hatte, „knieten wir uns davor, um den Papst-Segen ,Urbi et Orbi' zu empfangen, der einen kompletten Erlass der Sündenstrafe bewirkte, auch vor dem Fernseher“.

          Matussek ist stolz darauf, sich diesen Halt und Geborgenheit gewährenden Kinderglauben an den „lieben Gott“ in allen Wirren seines bewegten Journalistenlebens bewahrt zu haben. „Dieser Kinderglaube hat ein Reservoir angelegt wie einen unterirdischen See. Der mochte im Laufe des Lebens teilweise verschüttet werden, doch er war stets da.“ Seine lebensgeschichtlichen Erinnerungen sind die stärksten Passagen des aus älteren Essays und Interviews mit Kurt Flasch und Rüdiger Safranski zusammengebastelten Buches. Die Brüder Matussek spielten in von der Mutter genähten Kutten Messe, bis Matthias endlich Messdiener wurde. Der Schauer, beim Hochamt das Weihrauchfass schwenken zu dürfen, verband sich mit heiligem Stolz. Und die Sündenbeichte vor dem Holzgitter gewann Matthias „als schönes und ernstes Ritual der Selbstbegegnung und Gewissenserforschung und Entlastung merkwürdig lieb“. Der Katholizismus seiner Jugend war eine heile, durch unbefragte Tradition und Glaubenskraft bestimmte Lebenswelt. Von seinen Eltern, speziell vom Vater, spricht Matussek mit Hochachtung und liebevoller Einfühlsamkeit. Er beneidet sie um die „Unbeirrbarkeit ihres Gottvertrauens, das mir leider manchmal fehlt“.

          Spirituelle Hochleistungssportler

          Gegen das „Reformgeschwätz“ der Geißlers und Küngs setzt Matussek darauf, dass seine Kirche nach dem zerstörerischen „Reformeifer“ infolge des Zweiten Vaticanums nun wieder mehr Traditionsbewusstsein entwickele. Er hofft auf neues Mysterium, besseren Kult, die erregende Erfahrung des fascinosum et tremendum. Den autoritätsbewusst antiliberalen Bischof Dyba mag er, andere, kompromissbereitere Bischöfe wie Kardinal Lehmann aber gar nicht. Überhaupt befürchtet er eine weitere Protestantisierung des deutschen Katholizismus. Protestanten sind ihm vor allem in Gestalt evangelischer Pfarrerinnen mit ihren „unaussprechlichen Doppelnamen“ ein Graus. Für die gängige Kritik am Zölibat hat Matussek nur Hohn und Spott übrig. Die „zeichenhafte Enthaltsamkeit“ der Priester, dieser „spirituellen Hochleistungssportler“ und „Frömmigkeitsartisten“, sei „Verweis auf eine andere Welt“. Es gehe im Leben eben um mehr als nur „darum, seine Bedürfnisse - und zwar subito - zu befriedigen“. Die hedonistische Gegenwartsmoderne mit ihrer Gier nach Geld und Hochschätzung des Konsums sei nur eine von allumfassender Wollust gezeichnete Welt.

          In der Tat findet Matussek bei privaten TV-Programmen und im Netz viele Beispiele für widerliche Pornographie und obszönen Klamauk. Aber Matussek, unter der „Hysterisierung um die Sexualität“ leidend, weiß auch: „Wollust ist ein gefährlicher Gegner, denn sie kommt überfallartig auf Sünder und Heilige gleichermaßen hernieder.“ Feiert er gerade deshalb am Katholischen das Harte, Schrille, antimodern andere? „Der Katholizismus zielt auf die Gegenwelt. Ja, eigentlich sind wir die Sex Pistols unter den Konfessionen.“ Diese Selbstdeutung verdient eigene Aufmerksamkeit. Die Sex Pistols hatten ihre ersten Instrumente geklaut und mit bewusst aggressivem Hard Rock auf „Anarchy in the U.K.“ - so ihre Single aus dem November 1976 - gesetzt. Im grandios inszenierten Willen zur Provokation benutzten sie auch NS-Symbole. Will Matussek die politisch rechtsradikalen Pius-Brüder mit ihrem antisemitischen Bischof Williamson implizit zu besonders glaubensstarken Katholiken adeln?

          Fröhlicher Tanz im Medienzirkus

          Matussek kennt klare Kriterien fürs Katholische: Sonntag für Sonntag die Feier der Messe, morgens wie abends und auch bei Tisch beten, mindestens einmal im Jahr Ohrenbeichte und Zustimmung zum Credo. Von der offiziellen Lehre seiner Kirche, zusammengefasst etwa in ihrem „Katechismus“, hat er aber nur wenig Ahnung. Trotz der Dauerpolemik gegen alles protestantisch Liberale preist er genau jene Eschatologie, die das römische Lehramt seit langem verwirft, die meisten protestantischen Theologen seit gut zweihundert Jahren jedoch vertreten: die sogenannte „apokatastasis“, Wiederbringung aller. Am Ende der Zeiten werde der gnädige Richtergott selbst den ganz Bösen, zur Hölle Verdammten um „Allversöhnung“ willen seinen himmlischen Frieden gewähren. Der protestantische Rezensent kann verstehen, dass ein religiöser „Spiegel“-Redakteur auf endzeitliche Rettung auch der Hardcore-Sünder hofft. Aber herrschende katholische Lehre ist dies gerade nicht.

          Im Talkshow-Zirkus, den er verachtet, spielt Matussek fröhlich mit. Nicht ohne Eitelkeit erzählt er aus Gesprächen mit Heiner Geißler „vor einer Maischberger-Sendung zwischen zwei Mettwursthäppchen“ oder vom medial inszenierten Streit mit dem „Stern“-Chef Jörges. Und den Feuilleton-Chefs dieser Zeitung und der „Süddeutschen Zeitung“ wirft Matussek vor, „aus dem gepolsterten Sessel eines Feuilletonisten heraus“ arrogant auf Islamkritiker wie Hirsi Ali herabzublicken, wirklich „von oben herab“. Sitzen „Spiegel“-Feuilletonisten denn auf harten Holzbänken? Und kritisieren sie andere immer nur von unten?

          Eitles amor sui

          So stark der Polemiker Matussek, so erschreckend schwach der Diagnostiker der gegenwärtigen religionskulturellen Konflikte. Hier liest man nichts, was andere Glaubensdeuter nicht schon sehr viel klarer, prägnanter beschrieben haben. Intellektuelle Tugenden wie Nachdenklichkeit, Arbeit am Begriff, Unterscheidungsfähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik liegen Matussek fern. Und auch wenn es nun nach professioneller Arroganz eines Theologieprofessors klingt: In Sachen Glaubenslehre und akademischer Theologie lebt der fromme Matthias im paradiesischen Zustand unschuldiger Erkenntnisfreiheit. Wo er überhaupt auf biblische Vorstellungen oder alte theologische Gehalte zu sprechen kommt, bleibt er einfach vage. Gemäß „der wundervollen österlichen Metapher“ der Auferstehung Jesu von den Toten habe jeder Mensch „die Chance auf einen Neuanfang“. Darf man fragen, was „Auferstehung“ als „Metapher“ meint? Eine innerweltliche Transzendenz des Individuums? Den „unendlichen Wert jeder Menschenseele“? Die Unsterblichkeit der Seele? Eine himmlische Wiederbegegnung mit den Gestorbenen? Matussek weicht allen schwierigen Fragen aus und hält Entscheidendes in der Schwebe. Sein „Ich schlag jetzt mal zurück“-Katholizismus zehrt von genau jenem Geist der „Relativierungen“, den er zu bekämpfen meint.

          Mitte Mai hat Paul Josef Kardinal Cordes Matusseks Buch in der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl einem römischen Publikum vorgestellt und es als „ein Kaleidoskop des Glaubens“ gepriesen. Nichts könnte die intellektuelle Krise des deutschen Katholizismus klarer zeigen als dieses Medienspektakel: Ein leibhaftiger Kurienkardinal gibt sich dazu her, eine Sammlung von schlechten Essays und guten Interviews als „echten Impuls zum Apostolat“ zu loben. Trotz zweitausend Jahren Tradition auch in Rom nur Mangel an Geistesgegenwart und Qualitätsbewusstsein. Den Rabauken, der als Don Camillo den lautstarken „katholischen Konterrevolutionär“ mimt, spielt Matussek gut. Aber die paar religiösen Formeln, die er kennt, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass er zur von ihm (mit Walter Kardinal Kasper) beschworenen „Gotteskrise“ nichts Relevantes, argumentativ Überzeugendes zu sagen weiß. Seine „Abenteuer“ des Glaubens finden nur im Dschungelcamp der medialen Aufmerksamkeitssucht statt. Aber dass amor sui, eitle Selbstliebe, nur Sünde ist, hätte er im katholischen Erwachsenenkatechismus lesen können.

          Matthias Matussek: „Das katholische Abenteuer“. Eine Provokation. Deutsche Verlags- Anstalt, München 2011. 368 S., Abb., geb., 19,99 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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