02.04.2009 · Der Flaneur liest in der Stadt, doch wer hat dazu wirklich noch die Muße: Mit Martin Ulrich Kehrers fotografiertem Repertoire Wiener Geschäftsinschriften kann man diese Lektüre ganz im Wortsinn blätternd absolvieren.
Von Helmut MayerIm einundachtzigsten Kapitel des „Mann ohne Eigenschaften“ macht der als Generalsekretär der Parallelaktion tätige Ulrich Bekanntschaft mit einigen konkreten Vorschlägen, wie das bevorstehende Regierungsjubiläum seiner kaiserlichen und königlichen Majestät würdig zu begehen sei. Um Briefmarkenausstellungen geht es da etwa, oder die Förderung eines Kurzschriftsystems. Und ein Besucher beginnt von Erfahrungen zu erzählen, die er auf seinen Wegen durch die Stadt Wien macht.
Lange schon zähle er nämlich die Balken der Buchstaben auf den Geschäftsschildern und dividiere sie dann durch die Anzahl der Buchstaben. Zweieinhalb sei das durchschnittliche Ergebnis, und die Teilbarkeit durch drei ein großer Glücksfall, der ein tiefes, aber eben leider seltenes Gefühl der Befriedigung auslöse, das nur mit jenem verglichen werden könne, wie es Massenbuchstaben, das heißt solche mit vier Balken, hervorrufen. Es gelte also von ministerieller Seite die vierbalkigen Buchstabenfolgen zu begünstigen und die traurig stimmenden einbalkigen wie O, S, I oder C möglichst zu unterdrücken.
Verspielt und streng in einem
Zweifellos ist es eine etwas idiosynkratische Beschäftigung, die Musil hier zum ironischen Zweck entwirft. Aber man kann sie immerhin noch als Ableger einer ganz alltäglichen Stadtwahrnehmung erkennen, die es andauernd mit zerstreut gemusterten typographischen Elementen zu tun bekommt. Diese Elemente einmal für sich wahrzunehmen, ist gar nicht so einfach. Der Fotograf Martin Ulrich Kehrer hat dafür nun ein Repertoire vorgelegt, das im Stadtraum verteilte Schriften auf den Seiten eines Buchs versammelt: Geschäftsinschriften aus Wien, ganz wie bei Musil, zahlreich fotografiert auf ethnografisch flächendeckenden Streifzügen durch die Stadt, ausgewählt und alphabetisch nach den Anfangsbuchstaben angeordnet.
Der Grundgedanke mag verspielt sein, doch die Durchführung ist von reizvoller Strenge. Ein Element sind die doppelseitigen Tableaux, wie unsere Abbildung eines zeigt. Eingeräumt ist aber auch der Einzelauftritt einer Inschrift auf einer Doppelseite, und zwischendurch wird der Betrachter ganz nahe an Details herangeführt. Da treten dann einzelne elegante Neonschwünge, Spiegelungen in glänzenden Schrifthintergründen und Fassadenausschnitte hervor, oder auch abblätternde Farben, rostiges Metall und ein in den Buchstaben verborgenes Vogelnest. Zusammen genommen ergeben die Bilder eine eindrucksvolle Variation über Buchstaben als Dinge.
Denn um Dinge handelt es sich nun einmal, mögen wir bei Buchstaben noch so sehr an bloß graphische Zeichen denken, deren Materialisierung bestenfalls zweitrangig ist. Die Buchstaben als Dinge aber führen deutlicher als jede typographische Durchmusterung von Zeichensätzen vor, was in den Buchstaben alles steckt. Hier wird, wie es der vielfach ausgezeichnete Buchgestalter Walter Pamminger in einem schönen Nachwort formuliert, ihr Potential vor Augen geführt. Wir übersehen das bloß meist, weil uns die Ruhe zur Betrachtung fehlt. Nun aber kann man auf Buchseiten die Probe darauf machen. Und mit dem Balkenzählen, das sieht man gleich, wäre Ulrichs merkwürdiger Besucher angesichts all dieser Bögen, Schlingen und Inventionen, auf die wir dabei stoßen, gar nicht sehr weit gekommen.