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Martin Seel: Die Künste des Kinos : Gefesselt von gemischten Gefühlen

Bild: Verlag

Sie ist das wahre Gesamtkunstwerk: Der Philosoph Martin Seel deutet die Filmkunst als erfolgreichen Angriff auf das seelische Gleichgewicht eines wehrlosen Publikums.

          Man muss den Kulturpessimismus bekämpfen, überall und in jeder Form, wo immer er einen anfällt. Hier zum Beispiel: Vor wenigen Jahren fand auf einer Sommerakademie für studentische Stipendiaten ein Seminar zur Soziologie der Massenmedien statt. Einen Tag lang sollte dabei auch nach dem Film gefragt werden: Kunst oder Massenmedium oder beides und inwiefern? Vorher, hatten sich die Dozenten gedacht, sollte gemeinsam ein klassisches Beispiel angeschaut werden. Aber welches? Sie hatten eine ganze Tasche mit DVDs für die Leinwandprojektion im Südtiroler Gemeindezentrum dabei. „Sein oder Nichtsein“?, „Leoparden küsst man nicht“? „Der unsichtbare Dritte“? Ja, vielleicht etwas von Hitchcock. Die Studierenden, fast durchweg Geistes- und Sozialwissenschaftler und unter den Besten ihrer Jahrgänge, zögerten. Welchen Film von Hitchcock, wurden sie gefragt, würden sie denn vorziehen? Verlegenheit. Sie kennten doch Hitchcock? Eine kleine Pause, Ratlosigkeit, ein Finger geht hoch: „Ist das der mit den ,Vögeln‘?“

          Die Augenbrauen bitte unten lassen! Denn das ist eine Generationenerfahrung, die Anspruch auf Verstehen hat. Wer um 1985 herum das Studium aufnahm, in dessen Jahrgang hat es kaum jemanden gegeben, der nicht wusste, wer Alfred Hitchcock ist. Die um 1985 Geborenen aber sitzen mitunter in Seminaren, in denen es keiner mehr sicher weiß.

          Die Vorzeit mit Hitchcock

          Wie kommt es zu solch einem Fall von fast hundert auf fast null? Wer das in diesem Jahr auf Deutsch herausgekommene fabelhafte Buch liest, das Éric Rohmer und Claude Chabrol 1957 über die Filme Hitchcocks geschrieben haben - es war überhaupt das erste Buch zu Hitchcock -, hält von den denkbarsten Antworten zunächst die trivialste in Händen: Es ist lange her, Hitchcocks Epoche ist für Kinder der Gegenwart entlegene Vorzeit, und der Klassiker musste selbst erst gemacht werden, um für einige Jahrzehnte als Maßstab seiner Kunst zu gelten. Wir kommen auf das Schicksal der Maßstäbe zurück.

          Die Autoren, später selbst Klassiker des Kinos, waren Filmkritiker im Umkreis der Zeitschrift „Cahiers du cinéma“. In Hitchcocks Werken - die bis „Bei Anruf Mord“, „Das Fenster zum Hof“ und „Der falsche Mann“ vorlagen - fanden sie den Beweis, dass es möglich war, zugleich populär zu erzählen, filmtechnisch raffiniert zu sein und eine moralische Haltung zur Welt einzunehmen, also von Gut und Böse in einer Weise zu handeln, die den Vergleich mit großer Literatur nicht zu scheuen hatte.

          Und die Geschichte des Films?

          Doch die klugen Deutungen der Filme Hitchcocks, die das Autorenduo vorlegte, blieben in ihrer Wirkung auf einen kleinen Kreis von Spezialisten beschränkt. Welche Seminare behandeln heute „Cocktail für eine Leiche“ (1948) als Auseinandersetzung mit dem Existentialismus? Wo würde im Literaturunterricht „North by Northwest“ mit „Hamlet“ verglichen, wie es der Philosoph Stanley Cavell getan hat, dem wir einige der besten Bücher über das Kino verdanken?

          Die Universitäten spalten den Film inzwischen oft in eine spezielle Disziplin „Medienwissenschaft“ ab. Der Kunsthistoriker Hans Belting hat vor Jahren einmal den Versuch unternommen, es für sein Fach anders zu machen, aber eine große Wirkung hat er damit nicht erzielt. Man kann nicht Anglist sein, ohne von Joseph Conrad gehört zu haben, von „The Man Who Shot Liberty Valance“ gilt das so wenig wie von „Citizen Kane“. Der gleichberechtigte Eingang der Filmklassiker in den Unterricht steht trotz aller Rede von der Medienkompetenz und trotz des einen oder anderes Kurses über filmisches Erzählen noch aus.

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