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Veröffentlicht: 04.10.2013, 15:27 Uhr

Martin Nowak und Roger Highfield: Kooperative Intelligenz Wenn Defektoren ums Überleben ringen

Kooperieren geht über schnelles Maximieren. Recht oft zumindest. Martin Nowak und Roger Highfield führen vor, wie sich evolutionäre Prozesse mit Mitteln der Spieltheorie modellieren lassen.

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Martin Nowak ist einer der führenden Köpfe auf dem Feld der mathematischen Modellierung evolutionärer Prozesse. Eine beeindruckende Karriere führte den Wiener Mathematiker über Oxford und Princeton nach Harvard, wo der heute Achtundvierzigjährige das von ihm eingerichtete Institut für evolutionäre Dynamik leitet. Woran schon zu sehen ist, dass dieses Feld viel beachtet wird. Es verspricht schließlich, mathematische Übersichtlichkeit in notorisch unübersichtliche, meist schwer empirisch auszutestende und von vielen Faktoren abhängende Prozesse zu bringen.

Helmut Mayer Folgen:

Und was für die Ausstrahlung dieser mathematischen Modellierungen vielleicht noch wichtiger ist: Sie sind durchaus nicht auf die Biologie im engeren Sinn beschränkt, sondern treten mit dem Anspruch auf, Gesetzmäßigkeiten zu formulieren, die für präbiotische Moleküle ebenso gelten wie für menschliche Massengesellschaften. Und zwar ganz bestimmte Gesetzmäßigkeiten, je nämlich, welche die Herausbildung von kooperativem Verhalten beschreiben. Wobei der Terminus „Kooperation“ notgedrungen weit gefasst ist: Die katalytische Verstärkung der Produktionsrate eines Enzyms durch ein zweites firmiert hier ebenso als Kooperation wie der Zusammenschluss von Einzellern und Formen der gegenseitigen Unterstützung in tierischen oder eben auch menschlichen Gesellschaften.

Martin Nowaks erstes populäres Buch, verfasst gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Roger Highfield, ist jetzt auch auf Deutsch erschienen. Mit der Entgegensetzung einer dunklen und einer lichten Seite der Biologie beginnt es. Die dunkle Seite entspringt der Anwendung eines „darwinistischen“ Bildes auf unsere eigenen Angelegenheiten, womit bedingungsloser Egoismus zum naturhaften universellen Antriebsmoment aller Akteure noch in modernen Gesellschaften avanciert. Wogegen die lichte Seite mit der fraglosen Evidenz operieren kann, dass in ebendiesen Gesellschaft Kooperation selbstverständlich alle Lebensbereiche durchdringt.

Der darwinistische Stachel

Das ist eigentlich kein Widerspruch, zu dessen Auflösung es raffinierter Mathematik bedürfte: Die angeführte radikale „darwinistische“ Interpretation geht an offenkundigen Formen unserer sozialen Kooperation - von kleinsten Gruppen bis zur globalen Vernetzung - eben schlicht vorbei. Wir mögen oft oder meist eigennützige Motive verfolgen, aber wir tun das offenkundig, indem wir direkt und/oder indirekt mit anderen kooperieren.

Doch zum Auftakt braucht es den darwinistischen Stachel, nach dem von Natur aus nur das Antriebsmoment des Eigennutzens gilt, als fortdauernde Erbschaft eines biologischen Regimes, das auf Optimierung der Reproduktionschancen eingestellt ist. Die Frage ist dann, wie aus diesem Regime Mechanismen der gegenseitigen Unterstützung hervorgehen. Die mathematisch formulierte Antwort führt zuletzt auf eine denkbar allgemeine Formel für die Herausbildung von Kooperation.

Das „Gefangenendilemma“

Der Weg dorthin sind Fortentwicklungen spieltheoretischer Modellierungen. Am Anfang stand das berühmte, zuerst 1950 formulierte „Gefangenendilemma“: Die beiden „Gefangenen“ müssen entscheiden, ob sie kooperieren (den Mund halten) oder defektieren (den anderen verpfeifen). Kooperieren beide, fahren sie am besten, defektiert nur einer, hat dieser einen noch größeren Vorteil und der andere dafür einen entsprechenden Nachteil, defektieren beide, fahren beide schlechter als im ersten Fall der Kooperation. Unter der im Modell gesetzten Bedingung, dass Absprachen unter ihnen ausgeschlossen sind, wählen beide jedoch vernünftigerweise ebendie Defektion, denn diese Wahl ergibt für sie den besten Erwartungswert über die möglichen Spielausgänge.

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