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Mark Mazower: No Enchanted Palace : Von der Wirklichkeit guter weltbürgerlicher Absichten

  • -Aktualisiert am

Bild: Princeton University Press

Pointiert, kenntnisreich und nüchtern: Mark Mazowers Entzauberung der Anfänge der Vereinten Nationen ist ein bestechender Beitrag zur Diskussion um die Zukunft dieser Institution.

          Über die Zukunft der Vereinten Nationen wird immer wieder heftig diskutiert. Ist die Geschichte der UN nicht eine Chronik des Scheiterns? Soll man darum nicht, wie die gegenwärtige Chefstrategin im amerikanischen Außenministerium, lieber auf ein „concert of democracies“, eine Allianz liberaler Demokratien, setzen? Solch enttäuschte Abwendung gründet in hohen Erwartungen oder doch jedenfalls in der Annahme, dass es solche einmal gab. Die Herkunft der Weltorganisation, die Geschichte ihrer Gründung in San Francisco im Sommer 1945 und der damit verbundenen Hoffnungen scheint auf den ersten Blick keine Fragen aufzuwerfen.

          Ein Neubeginn, ein revolutionärer Moment, in dem nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Schoa die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit, die Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten einen neuen institutionellen Garanten erhielten - so lautet das offizielle Narrativ, und so stellt sich die Genese der Vereinten Nationen in einer Reihe neuerer zeitgeschichtlicher Arbeiten dar. Nachdem die Geschichte der internationalen Organisationen seit 1945 von den Historikern lange ignoriert worden war, hat die forsche Hegemonialpolitik des George W. Bush eine historiographische Befassung mit den Ursprüngen der globalen Ordnung in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts angestoßen, in der eigensinnigem amerikanischen Unilateralismus in bester weltbürgerlicher Absicht weitsichtiger Multilateralismus gegenübergestellt wird. Engagierte Vordenker des internationalen Menschenrechtsschutzes wie Eleanor Roosevelt und René Cassin werden dabei mitunter zu Lichtgestalten, die vor allem die Utopien ihrer entfernten Beobachter spiegeln und hinter deren leidenschaftlichem Einsatz in der historiographischen Darstellung die Komplexität der tatsächlichen Ereignisse verschwindet.

          Der in New York lehrende Historiker Mark Mazower, gerade erst mit einem vielbeachteten Buch über Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus hervorgetreten, entfaltet eine andere Gründungsgeschichte der Vereinten Nationen. Seine glänzend erzählte Darstellung der Ursprünge und Anfänge der Weltorganisation, hervorgegangen aus einer Reihe von Vorlesungen in Princeton und an der Columbia University, ist eine ideengeschichtliche Entzauberung, die hinter Pathos und Patina der UN-Charta ideologische Konflikte, politische Spannungen und moralische Widersprüche freilegt.

          Nahtlose Fortführung des Völkerbunds

          Mazower argumentiert, dass mit den Vereinten Nationen die Geschichte des Völkerbunds nahtlos fortgeführt wurde, angepasst an die neue weltpolitische Konstellation. Durch die Privilegierung der „Big Five“ und ihre Vetomacht im UN-Sicherheitsrat waren die Großmächte geneigter, die Weltorganisation zu unterstützen, die auf ihre Kooperation angewiesen war - und die just deswegen auch gelegentlich einfach ignoriert wurde. Für Mazower sind die Vereinten Nationen von 1945 ein „wiedergeborener Völkerbund“, geprägt vom imperialen Internationalismus des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, von Vorstellungen und Visionen einer globalen Ordnung, die im britischen Empire in der Phase seines Niedergangs entwickelt wurden und den dauerhaften Erfolg der zivilisatorischen Mission des weißen Mannes sichern sollten. Wichtiger als das Völkerrecht sei die Realpolitik geworden, was sich exemplarisch in der Ablösung des Minderheitenschutzsystems des Völkerbundes durch das am klassischen Souveränitätsparadigma orientierte Selbstbestimmungsrecht zeige.

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