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Mark Greif: “Hipster“ Der Weltgeist im Turnschuh

09.02.2012 ·  Wie man eine Subkultur zur zeittypischehn Elite stilisiert: Ein Sammelband widmet sich dem Phänomen „Hipster“.

Von JÜRGEN KAUBE
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Der "Hipster", der uns in diesem Band vorgestellt wird, scheint eine schwer greifbare, aber deutungspflichtige Erscheinung. Um 1999 herum soll sie in New York und andernorts aufgetreten sein: Horn- oder Pilotenbrille, Röhrenhose, Turnschuhe, aber selbstverständlich nur spezielle, T-Shirts mit Aussage, Vollbart, trendinformiert. Wer sich einen optischen Eindruck verschaffen will, dem sei das Youtube-Video "Being a dickhead's cool" empfohlen.

Der Hipster arbeitet, sofern er arbeitet und nicht studiert, in der Werbung, kellnert, ist Kurator oder Designer. Er ist cool, vegetarisch oder jedenfalls humanitär, behandelt aber vor allem Konsumentscheidungen als Stilfragen und findet, dass Biersorten, Partyauftritte und Popkonzerte seine Identität berühren. Er gehört zu einer "Neo-Bohème", die mit kleinen Ironien, einem etwas albernen Karneval und Blasiertheiten aufwartet.

Geschmacksfragen statt Gesellschaftskritik

Was ist an dieser Figur interessant? Der Band, der neben einer Reihe von Texten auch das Protokoll einer Diskussion an der New School for Social Research in New York enthält, kann diese Frage nicht beantworten. Er gehört zu der Sorte Literatur, die aus der saisonalen Mode, Popbands oder Essgewohnheiten die kulturelle Lage herausdeuten will. Dafür aber fehlt jedes Instrumentarium. Die Moden werden als Epochen behandelt, woraus dann beispielsweise der Zwang entsteht, Musikstilen politische Bedeutungen zuzuordnen. Außerdem wird alles auf seine Haltung zum Kapitalismus, Kolonialismus, Rassismus und Feminismus geprüft. Im falschen Restaurant essen gehen, kann da schon riskant sein. Verachtung wird relativ schnell mitgeteilt.

Den Mangel an Begriffen ersetzen Greif und die Seinen durch Anekdoten - "Ich kannte mal einen Typen . . .", "Kommt nicht auch die Band Pavement aus Stockton?" - und moralische Projektionen: Der Hipster sei "ein Produkt des Neoliberalismus"; nur, weil die jungen Erwachsenen nachts kindisch und tagsüber der "Forderungen der Gegenkultur" müde sind. Man hält ihnen vor, über Geschmacksfragen die Kritik der Klassengesellschaft und der Rassendiskriminierung zu schwänzen. Andererseits heißt es, die Hipster hätten "längst eine dominante Position in der Gesellschaft eingenommen", die Subkultur sei Elite.

Was damit gemeint sein soll, bleibt unklar, denn welche Eliten tragen schon gehäkelte Hotpants oder fahren Räder ohne Gangschaltung? Ein Grund für diese wenig durchdachten Impressionen, die zu Zeitdiagnosen hochgerechnet werden, könnte sein: Die Jugendkultur ist für viele Intellektuelle an die Stelle gerückt, die einmal das Proletariat besetzte. Insofern begeht die "kreative Klasse" dann Verrat, wenn sie sich nicht politisiert oder wenigstens ihre Einkaufslisten kritischer zusammenstellt.

Doch warum befreit sich diese Literatur, bevor sie uns alle befreien will, nicht erst einmal selbst? Von ihren Ambitionen. Sollen die Autoren doch ihre liebsten Bands hören, sie sind interessant genug. Auch ihr Nachtleben sei ihnen gegönnt. Aber weshalb muss es mit dem Weltgeist kurzgeschlossen werden? Eine gute Begründung dafür, dass unsere Diskotheken und Klamotten etwas über unsere Zeit aussagen, fehlt.

“Hipster“. Eine transatlantische Diskussion, hrsg. von Mark Greif u.a., Suhrkamp Verlag, Berlin 2012

Quelle: F.A.Z.
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