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Maria-Sybilla Lotter: Scham, Schuld, Verantwortung Dem Blick der anderen ist nicht auszuweichen

Scham kommt vor Schuld: Maria-Sybilla Lotter vergleicht Konzepte von Verantwortung in verschiedenen Kulturen.

© Suhrkamp Verlag Vergrößern

Über kaum etwas streiten und verhandeln wir in unserem alltäglichen Zusammenleben häufiger als über die Frage, wer wofür in welchem Maße verantwortlich ist. Gestritten wird zumeist darum, mit welchem Recht und nach welchen Kriterien wir einander verantwortlich machen und die Haftung für schädliche Folgen verteilen. Maria-Sybilla Lotter hat in ihrem Buch die sozialen und normativen Kontexte solcher Zuschreibungen von Verantwortung zum Thema gemacht.

Statt der stetig anwachsenden Literatur eine weitere Spezialuntersuchung hinzuzufügen, nimmt sie das vorhandene Material auf, um es neu zu sortieren und dabei unterschiedliche soziale Praktiken, Kulturen und Epochen in den Blick zu nehmen. Das führt weder zu einem Relativismus, demzufolge jede Kultur und jede Zeit ihr jeweils eigenes inkommensurables Konzept der verantwortlichen Person hat, noch zu einem naiven Universalismus, der unsere eigene Kultur als Endzweck einer vernünftigen Entwicklung auszeichnet.

Eine Fülle von Beispielen

In Anlehnung an Clifford Geertz strebt Maria-Sybilla Lotter ein „dünnes Verständnis“ an, das kulturelle und historische Verschiedenheiten anerkennt, aber nicht beziehungslos nebeneinanderstellt, sondern auf Überschneidungen achtet. Daraus lassen sich einige wenige schwache Voraussetzungen universeller Art erschließen. Der methodische Vorzug eines solchen Verfahrens liegt darin, dass man die dünne Beschreibung nicht auf eine zu schmale Diät von Beispielen oder die Verabsolutierung eines Aspekts allein gründet. Das Buch wartet denn auch mit einer Fülle von Beispielen auf, die zeigen, wie heterogen und vielfältig die Praxis der Verantwortlichkeit ist.

Der Argumentationsgang wird mit einem Beispiel aus der Ethnologie eröffnet. In Bourdieus Untersuchungen zum Berbervolk der Kabylen in Nordosten Algeriens findet sich die Figur des Amahbul, jemand, der sich gegenüber anderen unausgesetzt scham- und rücksichtslos benimmt, ohne auf Vorwürfe zu reagieren. An einem solchen Individuum und den Reaktionen der Betroffenen lässt sich gleichsam im Negativ beobachten, über welche Eigenschaften jemand verfügen muss, um sich selbst und anderen gegenüber als moralisch ansprechbare Person gelten zu können.

Das elementare Gefühl der Scham

Die für westliche Augen hervorstechende Fremdheit des Falles verhindert voreilige Vermutungen über einen im Inneren des Individuums liegenden freien Willen und seine moralische Schuld. Viel eher kommt es auf die Ausbildung eines ethischen Selbstverständnisses an, die jemanden dazu befähigt, sein Tun und Lassen an eine Vorstellung davon zu binden, was er oder sie sein möchte. Aus dieser Quelle speist sich primär das Motiv, sich moralisch ansprechen zu lassen, und weniger oder nur sekundär aus den Quellen, auf die unsere Kultur verweist - das Nutzenkalkül angesichts einer drohenden Sanktion für moralisches Fehlverhalten oder eine nur durch Vernunft erzielbare autonome moralische Einsicht.

Vor allem aber zeigt sich, dass wir erst im Wege einer langwierigen Sozialisation moralisch ansprechbar werden. Erst wer gelernt hat, sich mit den Augen der anderen zu sehen, wem es nicht mehr gleichgültig ist, wie diese anderen ihn wahrnehmen, kann sich auch die normativen Erwartungen der anderen so zu eigen machen, dass er sich an ihnen wie an eigenen orientiert. Das elementare Gefühl, das mich um den fremden Blick auf mich sorgen lässt, ist das der Scham. Der Amahbul kennt diese Scham nicht und gilt deshalb bei den anderen als unverschämt. Die Scham ist, dem dünnen Verständnis zufolge, universell, auch wenn sie sich kulturell in höchst verschiedenen Weisen und Praktiken manifestiert.

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Veröffentlicht: 04.01.2013, 20:51 Uhr