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Margaret Thatcher : Statistenrolle im Goldfischglas

An ihrer Person scheiden sich nach wie vor die Geister: Margaret Thatcher (März 2008) Bild: AP

Als „Eiserne Lady“ ist Margaret Thatcher bis heute für viele Engländer ein rotes Tuch. Die frühe Premierministerin leidet seit mindestens acht Jahren an Demenz. Ihre Tochter Carol hat nun ein bittertrauriges Buch über die Erkrankung ihrer Mutter geschrieben.

          Obwohl fast sechzehn Jahre vergangen sind, seitdem die Tür von 10 Downing Street hinter der verheulten „Eisernen Lady“ zuschlug, weckt Margaret Thatcher bis heute Animositäten kaum vorstellbaren Ausmaßes, wie sich erst vor kurzem wieder zeigte, als Einzelheiten über die Eventualplanung eines Staatsbegräbnisses durchsickerten.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Im neunzehnten Jahrhundert bekamen der Herzog von Wellington, Lord Palmerston und William Gladstone ein Staatsbegräbnis, aber Winston Churchill ist der einzige Premierminister des zwanzigsten Jahrhunderts, dem diese Ehre erwiesen wurde. Nun soll Sir Malcolm Ross, der siebzehn Jahre lang die Pläne für das zeremonielle Geleit der Königinmutter in seiner Aktentasche bewahrte, Vorbereitungen für ein Staatsbegräbnis der zweiundachtzig Jahre alten Margaret Thatcher koordinieren. Downing Street bestreitet zwar, dass eine Entscheidung gefallen sei, doch blieb der Zeitungsbericht unwidersprochen, der aus gut informierten Quellen zu wissen behauptete, dass die Königin die Aufbahrung des Sarges in einer Kapelle des Palastes von Westminister am Vorabend des Staatsaktes in der Paulskathedrale genehmigt habe.

          „Angeborene Selbstsucht“

          Die bloße Vorstellung einer solchen Würdigung vesetzte Leser des linksliberalen „Guardian“ in helle Wut. Sie bestritten die Verdienste der ehemaligen Premierministerin. Weit davon entfernt, die Abwärtsspirale Großbritanniens umgekehrt zu haben, habe Thatcher vielen der heutigen Probleme des Landes durch die „angeborene Selbstsucht“ Vorschub geleistet, die während ihrer Zeit an der Regierung so stark gefördert worden sei, wetterte ein Leser. Da ein Großteil der Bevölkerung Thatcher hasse, solle sie gefälligst auf den Falklandinseln bestattet werden, wo sie offenbar nach wie vor beliebt sei, hieß es in einer anderen Zuschrift. Ein weiterer Briefschreiber tadelte das Blatt für die Überschrift „Staatsbegräbnis für Margaret Thatcher geplant“, die ihn vorübergehend glauben machte, die Woche habe gut begonnen. Mancher Labour-Abgeordnete soll längst eine Flasche Champagner auf Eis gelegt haben, um in dem Moment, wo die BBC den Tod meldet, den Korken knallen zu lassen. Zu dem Anlass kann er dann eines jener T-Shirts mit der Aufschrift „I still hate Thatcher“ tragen, die auch unter jüngeren Briten beliebt sind.

          Carol Thatcher und ihre Mutter 2005 beim Tennisturnier von Wimbledon

          An Margaret Thatcher indes dürften all diese Schmähreden vorübergegegangen sein. Nach einer Reihe von kleinen Schlaganfällen leidet sie seit mindestens acht Jahren an Demenz, wie ihre Tochter, die Journalistin Carol Thatcher, jetzt in ihrem Erinnerungsband „A Swim-on Part in the Goldfish Bowl“ beschreibt. An schlechten Tagen kann die Frau, die einst „ein Gedächtnis wie eine Website hatte“, ihre Sätze nicht vollenden, weil ihr deren Anfang bereits entfallen ist. Sie bringt Bosnien und die Falklandinseln durcheinander, denkt, dass sie im mittelenglischen Grantham zu Hause sei, wo sie über dem väterlichen Krämerladen aufwuchs, und sie vergisst, dass ihr geliebter Denis, der vor fünf Jahren starb, nicht mehr lebt. In ihren Erinnerungen schreibt Carol Thatcher: „Jedesmal, wenn ihr bewusst wurde, dass sie den Mann verloren hat, mit dem sie mehr als fünfzig Jahre verheiratet war, schaute sie mich traurig an und sagte ,Ach', während ich versuchte, die Fassung zu wahren. ,Waren wir alle da?', pflegte sie mich dann sanft zu fragen.“

          Einblicke ins Private

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