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Veröffentlicht: 26.03.2013, 16:00 Uhr

Mara Hvistendahl: Das Verschwinden der Frauen Egal, was es wird, Hauptsache, ein Junge

Hunderte Millionen Frauen fehlen: Die amerikanische Journalistin Mara Hvistendahl berichtet von einer Welt, in der Töchter nichts gelten, Söhne dafür alles sind.

von Eva Berendsen
© Deutscher Taschenbuch Verlag

Stellen Sie sich vor, Ihr Sohn besuchte den Kindergarten, fände dort aber nur die Söhne anderer Eltern zum Spielen vor, und im Süßigkeitenladen um die Ecke, im Park und später in der Schule wären auch bloß Jungs. Wenn Ihr Sohn älter würde, stünde er in der Disko mit den Teenager-Söhnen der anderen an der Bar. Und wenn er erwachsen ist, würde er vielleicht gerne eine Familie gründen. Aber da sind nur die inzwischen erwachsenen Söhne der anderen. Weil die Frauen in diesem Szenario, das von der Lektüre des Buches der in China lebenden Wissenschaftsjournalistin Mara Hvistendahl unheilvoll beflügelt wurde, längst verschwunden sind.

Das Buch müsste man all jenen empfehlen - um es etwas pathetisch zu formulieren -, denen die Zukunftsfähigkeit der Weltgesellschaft am Herzen liegt. Es erzählt davon, wie die Frauen aus der Welt verschwinden, vornehmlich aus China, Vietnam, Indien und Pakistan, aber auch in Teilen Osteuropas sind sie immer seltener anzutreffen, in Albanien, Montenegro, Mazedonien und dem Kosovo. Es erzählt von einer „männlichen Utopie“, so formuliert es der französische Demograph Christophe Guilmoto. Von Frauen, die gar nicht erst geboren wurden. Normalerweise kommen auf 100 Mädchen 105 Jungen, das ist das durchschnittliche Geschlechterverhältnis. In Armenien hingegen kommen auf 100 Mädchen 120, in der chinesischen Stadt Tianmen 176 Jungen. In den Vereinigten Staaten, dem Land, in dem durchschnittlich mehr Mädchen als Jungen geboren werden, zählt man indes in der asiatischen Community deutlich mehr männlichen als weiblichen Nachwuchs. Das sind keine Launen der Natur, zeigt Hvistendahl: Für das Verschwinden der Frauen sind Mütter und Väter verantwortlich, die keine Töchter wollen. Ärzte, die weibliche Föten abtreiben. Politiker, die jahrelang tatenlos zusahen.

Nicht die Armen sortieren ihre Töchter aus

Warum? Es ist diese Frage, welche die Journalistin nicht loslässt. Die Suche nach Antworten führt Hvistendahl um die Welt. Zum Beispiel in die chinesische Stadt Suining, wo im Jahr 2007 auf 100 geborene Mädchen 152 Knaben kamen, wo eine Frau, die zweimal weibliche Föten abgetrieben hat, sagt: „Wenn du keinen Sohn hast, verlierst du dein Gesicht.“ Ein Vater von Zwillingssöhnen, heißt es in der Übersetzung - sie ist nicht nur an dieser Stelle zweifelhaft (oder gibt es etwa ein „hohes“ Geschlechterverhältnis?) -, der Vater also sieht, „dass der ganze Betonwohnsilo-Block, wo er zu Hause ist, von Testosteron nur so trieft“. Denn auch die Nachbarn haben ausschließlich Söhne.

Die Recherche führt Hvistendahl auch in die Vergangenheit. Sie redet mit einem indischen Arzt, der sich an seinen ersten Arbeitstag im Kreißsaal einer Klinik erinnert, das war in den siebziger Jahren in Delhi, als eine Katze an ihm vorbeischoss, der ein blutiger, fötusartiger Klumpen aus dem Maul hing. „Warum?“, fragte der junge Arzt die Oberschwester und die sagte bloß: „Weil es ein Mädchen war.“ Mädchen gelten nicht viel in der indischen Kultur, und sie sind teuer.

Wenn sie heiraten, müssen die Eltern die Mitgift zahlen. Eine Klinik in Bombay warb für die pränatale Geschlechtsbestimmung mit einem Plakat: „Besser 500 Rupien jetzt als später 500.000.“ Es sind aber nicht die Armen, die ihre Töchter aussortieren, wie Studien zeigen. Auf männliche Nachkommen selektieren heute Rechtsanwältinnen, Ärztinnen und Geschäftsfrauen. Obwohl es in Indien wie auch in China längst verboten ist, weibliche Föten gezielt abzutreiben.

Sind Gruppenvergewaltigungen die Folge?

Die Autorin hastet weiter, reiht Beispiel an Beispiel, springt von der chinesischen Pampa in das schmucklose Büro eines der zahlreichen Experten, die sie für das Buch getroffen hat. Er forstet sich durch Tabellen über länderspezifische Fruchtbarkeitsraten. Man wird erinnert, dass der Nobelpreisträger Amartya Sen schon 1990 vor dem Frauenschwund warnte, als er den Artikel „More Than 100 Million Women Are Missing“ schrieb. Es sei schlimmer als die Aids-Epidemie, befindet Demograph Guilmoto. Was aber, wenn es im Jahr 2020 oder 2030 in vielen Teilen der Welt darum geht, dass all „die Kerle an die Frau kommen“?

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Der Leser erfährt, wie die Kerle das Problem heute lösen. Hvistendahl berichtet von Chinesen und Taiwanern, die Bräute aus Vietnam importieren. Sie führt uns in ein Bordell in China, unweit der vietnamesischen Grenze, wohin junge Vietnamesinnen verschleppt werden. Zwischendurch wieder Zahlen, imperialistische Bevölkerungspolitik, Experten, Ein-Kind-Politik, als wären die Kapitelüberschriften unnötiger Zierrat dieser ellenlangen Reportage. Die Autorin unternimmt noch einen Umweg zu den amerikanischen Pionieren, die auch schon unter Frauenmangel litten, und kommt zu den vielen Junggesellen im heutigen Indien, zu Vergewaltigungen, deren Zahl in den vergangenen Jahren sprunghaft angestiegen sein soll. Man denkt an die Berichte der Gruppenvergewaltigung im vergangenen Dezember, fragt nach Gründen. Passiert so etwas, weil Frauen verschwinden?

Mara Hvistendahls Zukunftsszenario ist düster. Leider trägt der Umstand, dass ihr Buch schlecht strukturiert und schwer lesbar ist, nicht zur Aufhellung bei.

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