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Manfred Spitzer: Digitale Demenz Ein grober Keil auf einen groben Klotz

Exzessive Computernutzung bei Kindern kann zu Kontrollverlust, sozialem Abstieg und Depressionen führen: Der Hirnforscher Manfred Spitzer sieht überall die „digitale Demenz“ am Werk.

© Helmut Fricke Auf dem Weg in die digitale Steinzeit: Manfred Spitzer

Wer mit dem Taxi durch London fährt, wird wahrscheinlich, ohne es zu wissen, Zeuge einer bemerkenswerten Hirnsteuerung. Denn er wird, folgen wir dem Hirnforscher Manfred Spitzer, von jemandem kutschiert, dessen Hippocampus vergrößert ist. Jener Teil des Gehirns also, in dem sich sogenannte „Ortszellen“ befinden. Über solche verfügten die Taxifahrer in London in besonderem Maße, weil sie, noch bevor sie ans Steuer dürfen, ihre Ortskenntnis in einem anspruchsvollen Prüfverfahren nachzuweisen haben. „Der Fahrer“, schreibt Spitzer, „weiß, wo es langgeht.“

Michael Hanfeld Folgen:

Für Fahrgäste in Berlin oder Frankfurt mag das schon anders aussehen, für diejenigen, die sich ganz auf ihr digitales Navigationsgerät verlassen, erst recht. Sie lernen nichts, wissen nichts und sind ohne die Hilfe der Maschine vollkommen orientierungslos und verloren. Übertragen aufs große Ganze, also unseren alltäglichen Computergebrauch, führt das den Hirnforscher zu dem Befund der „digitalen Demenz“: Wir verlernen zu denken, wir wissen nicht, wir googeln, von der Wiege bis zum Grab, das Hirn wird nicht gefordert und verkümmert, die Gesellschaft verblödet.

Eine Karriere als Ego-Shooter

Manfred Spitzer zählt viele solcher Beispiele auf, um zu belegen, „wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“. Der Computer ist schuld und vor allem unser exzessiver Umgang mit diesem, auf den Kinder schon in der Schule eingeschworen werden. Spitzer spricht, bevor er auf die Symptome der unter Jugendlichen - den Jungen zumal - grassierenden Computersucht zu sprechen kommt, von „Anfixen“. Angefixt werden die Kinder demnach mit dem Smartboard, das die Schiefertafel langsam ablöst. Abhängig sind sie, wenn sie ihre Tage und Nächte mit „World of Warcraft“ verbringen, verwahrlost, vereinsamt, lern- und beziehungsunfähig, asozial und - im schlimmsten Fall sogar kriminell und zu einem Mord fähig. Wie jener junge Mann, zu dessen Prozess der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm als Gutachter herangezogen wurde. Den ganzen Tag lang hatte der Angeklagte mit einem Ballerspiel verbracht, dabei permanent gegen seinen Freund verloren. Am Abend trat er einen ihm unbekannten Mann tot. „Wenn ein Pädagoge wirklich glaubt“, schreibt Spitzer, „dass stundenlanges Prügeln und Morden auf einen solchen jungen Menschen keinerlei Auswirkungen hat, spreche ich ihm jegliche pädagogische Kompetenz ab!“

21258158 © Verlag Vergrößern

Dieser Einschätzung dürfte sich jeder vorbehaltlos anschließen, der schon einmal beobachtet hat, in welcher psychischen Disposition sich Jugendliche befinden, die ihre analoge, herkömmliche Freizeitgestaltung suspendiert und für eine Karriere als Ego-Shooter aufgegeben haben. Die von dem vielen Computerspielen in die Matrix geschriebenen Belohnungssystem nicht nur „angefixt“, sondern abhängig geworden sind, das auf nichts anderes angelegt ist als auf nicht endende Verweildauer vor dem Bildschirm. Computerspieler dieser Art sind das Paradebeispiel für die von Spitzer beschworene „digitale Demenz“: „Ein Teufelskreis aus Kontrollverlust, fortschreitendem geistigem und körperlichem Verfall, sozialem Abstieg, Vereinsamung, Stress und Depression setzt ein; er schränkt die Lebensqualität ein und führt zu einem um einige Jahre früheren Tod.“

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