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: Mach meine Sprache nicht an!

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Kaum braucht man Dieter E. Zimmer vorzustellen: Redakteur der "Zeit", Herausgeber, zum Beispiel (und vor allem) von Nabokov, Übersetzer, Sprachkritiker. Und als ein solcher tritt er mit diesem Buch erneut auf den Plan. Der Titel ist überraschend: "Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit". Ist ...

          Kaum braucht man Dieter E. Zimmer vorzustellen: Redakteur der "Zeit", Herausgeber, zum Beispiel (und vor allem) von Nabokov, Übersetzer, Sprachkritiker. Und als ein solcher tritt er mit diesem Buch erneut auf den Plan. Der Titel ist überraschend: "Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit". Ist es so, daß die deutsche Sprache in unseren Tagen besonders unverbesserlich wäre? Oder: War sie einmal verbesserlicher? Unter den Sprachkritikern macht Zimmer etwas äußerst Originelles und sagt es einleitend selbst: Er informiert sich bei der Sprachwissenschaft.

          Es ist ja bemerkenswert, wie viele sich seit langem zur Sprache äußern, sich auf Sprachliches berufen, ohne sich bei der Disziplin kundig zu machen, die dafür zuständig ist. Dies gilt auch für die Philosophen, für Heidegger etwa oder für die sprachanalytische Philosophie insgesamt. Die "sprachliche Wende" in der Philosophie, der vielberufene und gefeierte "linguistic turn", war ja gerade keineswegs eine "linguistische". So wird sie zwar deutsch oft genannt, aber wir sollten zwischen "sprachlich" und "linguistisch" strikt unterscheiden, denn wir haben nun einmal, im Unterschied zum Englischen oder Französischen, zwei Ausdrücke für in der Tat recht Verschiedenes - und statt "linguistisch" kann man auch "sprachwissenschaftlich" sagen.

          Unter den Sprachkritikern also ist Zimmer eine Ausnahme. Er selbst redet von "einer langen und überaus lohnenden Entdeckungsreise", die er da gemacht habe. Und von dieser bringt er für dieses Buch einiges mit und präsentiert kundige Beiträge, die sich nun wieder von denen der Sprachwissenschaft dadurch unterscheiden, daß sie zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem klug sortieren und sich auf Wissenschaftsprotzerei, also auf Szientismus, denn davon gibt es in der Linguistik allzuviel, nicht einlassen. Oder: Zimmer eliminiert dies. Zudem schreibt er vorzüglich, nämlich klar und energisch. Auch damit tun sich die Sprachwissenschaftler eigentümlich schwer.

          Das Buch hat zwei ungefähr gleich lange Teile. Im ersten geht es um "Meinungsverschiedenheiten", und da wird als erstes gerade der "folgenreiche Dissens" zwischen Sprachkritik und Sprachwissenschaft behandelt. Dann geht es um das, was Zimmer hübsch als "PSA" bezeichnet, das "private spontane Alltagsschriftdeutsch", das sich etwa und vor allem im Internet findet, in "diversen Beratungs-, Selbsthilfe- und Klatschforen". Da stellt er ein bemerkenswertes Korpus zusammen und untersucht es - durchaus bewertend, was die Sprachwissenschaft nicht tun will oder kann; da steckt ein Problem. Dann geht es, dieses Thema ausweitend, um den "beschränkten Code" oder schließlich, mit klarer Wertung, um die "geringe Schreibkompetenz, die einem aus dem Internet entgegenstammelt". Dann - und sehr gut - um die Anglizismen; schließlich um die Rechtschreibreform.

          Der zweite (noch einheitlichere) Teil befaßt sich aufschlußreich mit einem Grundproblem, übrigens weit mehr und zu Recht der Philosophie als der Sprachwissenschaft, die hier aber viel beizutragen hat: dem Verhältnis von "Denken & Sprechen". Auch hier hat sich Zimmer (und auch mit ganz Neuem) kundig gemacht. Und wieder: Kein Sprachwissenschaftler würde dies so und so aufs Notwendige reduziert zusammenstellen. Da bewährt sich der Blick von außen.

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