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Mittwoch, 19. Juni 2013
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M. Hisham Kabbani: Der Weg der Meister Das Herz des Menschen ist sein Sultan

 ·  Für islamische Mystiker ist Religion eine Herzensangelegenheit: Aber bis heute gelten die Sufis vielen als Dunkelmänner. Ein Insider gibt nun einen Bericht von der Verfassung des Naqshbandi-Ordens.

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Der moderne Mensch ist in der Regel Individualist: Er weiß alles allein, und dies natürlich besser. Falls er noch in seiner Kirche ist, würde er am liebsten austreten, denn auch auf diesem weiten Feld weiß er alles besser. Manchen bietet sich, neben der zunehmenden „religiösen Unmusikalität“, der Buddhismus als geistiger Ausweg an, denn dem Buddha darf der Individualist eben individuell nacheifern. Man kann den „achtfachen Pfad“ der Leidaufhebung ganz individuell-einsichtig beschreiten, an der eigenen Befreiung aus der Wohlstandsknechtschaft und ihren drückenden Ketten arbeiten - solange man es chic findet.

In der islamischen Welt gibt es moderne Menschen - Bankangestellte, Ingenieure, Professoren, Unternehmer, Politiker, Männer also von „facts and figures“ -, die sich nicht scheuen, einer kollektiven Weisheit aus eineinhalb Jahrtausenden nachzustreben, einer sophia perennis sozusagen. Sie sind Mitglieder eines Sufiordens, somit Glieder einer Kette (silsila) von überlieferter Weisheit und Weisheitslehrern, die ihnen spirituellen Sinn und Halt gibt. In sie fügen sie sich ein, ja, sie folgen diesen Meistern, deren Lauterkeit und deren Wissensschatz sie vertrauen. Es ist ein besonderes Wissen - kontemplativ und eine Amor Dei emotionalis.

Vom Dogma abgewichen

Muhammad Hisham Kabbani, selbst ein ranghoher Sufimeister, hat nun die Geschichte und das Vermächtnis seines Naqshbandi-Ordens aufgeschrieben. Es liefert Einblicke in die Welt des gelebten Tasawwuf, der islamischen Mystik, und ihren für den modernen Welt-Menschen erratischen Charakter. Vieles darin wird er als autoritäre Zumutung empfinden, manches als nicht empirisch nachprüfbares naives Geschwätz einstufen. Hier liegen Welten zwischen einer gelebten spirituellen Tradition, mit ihren besonderen Metaphern und Gleichnissen, und dem Faktenwissen wie auch der Zweckrationalität der westlichen Moderne.

Der Sufismus ist der innerliche Islam. Der Glaube folgt weniger Geboten und gesetzesförmigen Anordnungen (es gibt Sufis, welche die Scharia achten, aber auch solche, die sie ablehnen), sondern dem Ruf des Herzens. Für die Mystiker des Islams ist Religion - wie für Blaise Pascal - eine Herzensangelegenheit, Freundschaft, Toleranz und Liebe - Menschenliebe, die in der Gottesliebe gründet. „Das Herz ist der Sultan des Menschen“, zitiert der Autor denn auch einen der vierzig Großscheichs, deren Leben und Wirken Kabbani beschreibt. Man versteht, warum die Ulema, die Theologen, die Sufis oft mit scheelen Augen angesehen haben, in ihnen Abweichler von der reinen Lehre des Dogmas und der kasuistisch ausgelegten Gesetzesfrömmigkeit sahen.

Kette der Propheten

In manchen Ländern ist das auch heute wieder der Fall. Wenn es historisch auch bei den Sufis mancherlei geistige und politische Verirrungen gab (und gibt), so hat doch die Mystik des Islams in ihrer Essenz mit dem Islamismus nichts zu schaffen. Die Naqshbandi allerdings haben immer auf dem religiösen Gesetz beharrt, ihre jüngere Geschichte kennt denn auch durchaus den Widerstand gegen Säkularisierungstendenzen - etwa in der Türkei, wo Staatsgründer Kemal Atatürk, um nur ein Beispiel zu nennen, den Aufstand des kurdischen Naqshbandi-Führers Scheich Said 1925 blutig niederschlagen ließ.

Mit einer säkularen Mentalität, wie sie in Europa heute vorherrscht, hat denn auch Kabbanis emphatisch-religiöser Stil wenig zu tun. Allerdings: Der innere Weg (tariqa) und das Erfahren der Wahrheit (haqiqa) sind ihm allemal wichtiger als das Gesetz (scharia), das aus der Religion Politik macht. Insgesamt gesehen, haben die Sufiorden, zu deren einflussreichsten die Naqshbandi gehören, das islamische Geistesleben und auch die Volkskultur tief geprägt, bis hinein in die Alltagsfrömmigkeit.

Im Propheten Mohammed, seinen Aussprüchen und Visionen, wie der berühmten, im Koran erwähnten „Nachtreise“, sehen nicht nur die Naqshbandi, sondern alle Sufis den Ursprung der mystischen Pfade, die schließlich zu religiösen Bruderschaften wurden. So beginnt auch Kabbani die Darstellung der Meister mit dem Propheten Mohammed, führt die Kette dann weiter über die Prophetengenossen, etwa den ersten Kalifen Abu Bakr und den Perser Salman-i Farisi.

Lebensdaten und wundersame Erzählungen

Der siebzehnte Meister, Bahauddin Naqshband, wird dann im vierzehnten Jahrhundert zum eigentlichen „Begründer“ der Bruderschaft in Zentralasien. Bis heute pilgern Gläubige zu seinem Grab bei Buchara - zu Beginn der neunziger Jahre tat dies auch der damalige türkische Staatspräsident Turgut Özal, bei dessen Begräbnis dann im Jahre 1993 die Naqshbandi auch vertreten waren. Allein dies zeigt, wie sehr sich die Bruderschaft über Mittelasien und den Kaukasus hinaus gegen Widerstände behauptet hat, denn Özal war Repräsentant einer Republik, die schon vor Jahrzehnten alle Sufiorden als Quellen des „Dunkelmännertums“ verboten hatte. Doch sie existierten auf irgendeine Weise weiter, übrigens auch in der atheistischen Sowjetunion.

Die Lektüre von Kabbanis Buch ist für jemanden, der mit sufischer Literatur nicht vertraut ist, nicht einfach. Man muss sich einlesen. Dies ist keine wissenschaftliche Darstellung im westlichen Sinn. Kritik kommt nicht vor. Es ist - bis in die Sprache hinein - ein Buch in der Tradition der sogenannten Tazkiras, der Heiligen- und Sufi-Biographien, deren berühmteste die „Tazkirat al auliya“ des großen persischen Dichters Fariduddin Attar ist.

Kabbani schreibt aus der Sicht des spirituellen Insiders, affirmativ und in jenem blumigen Stil, der für die klassischen Tazkiras kennzeichnend ist. Lebensdaten werden mit Anekdoten, wundersamen Erzählungen, phantastischen Ätiologien und seltsamen Begebenheiten vermischt, deren Sinn kein wortwörtlicher ist, sondern „Eigenschaften des Herzens“ illustrieren soll.

Die innere Welt der Mystik

Alle Sufis glauben, dass der Mensch in der Lage ist, den Spiegel seiner Seele zu „polieren“, spirituelle „Stadien“ und „Standorte“ zu erreichen, damit sie bereit werde für die Aufnahme des göttlichen Lichts und ihre vom Schöpfer angelegten Tugenden zur Entfaltung bringen kann; und auch die Naqshbandi kennen den Dhikr (zikr), jenes Hersagen bestimmter religiöser Formeln, das den Geist in einen Zustand der Kontemplation und Ekstase versetzt.

Das Buch endet mit dem vorläufig letzten Großscheich, Scheich Nazim al Haqqani, dem Schwiegervater des Verfassers, der in den vergangenen Jahrzehnten von Zypern aus so etwas wie eine Neuorganisation des Naqshbandi-Ordens vorgenommen hat. Dies hatte auch mit dem Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft in Mittelasien zu tun, wo die Naqshbandi eine Wiederbelebung erfahren konnten. Doch gibt es einzelne Anhänger oder Sufigruppen dieses Pfades islamischer Mystik praktisch auf allen Kontinenten, in Deutschland und Amerika. Die jüngere Geschichte der Bruderschaft ist von Rivalitäten nicht frei, man sollte deshalb als Ergänzung islamwissenschaftliche Arbeiten über den Naqshbandi-Orden wie die islamische Mystik überhaupt heranziehen.

Wer sich an dem hagiographischen Stil und der speziell islamischen Einkleidung des Werks nicht stört, erfährt in diesem Buch eine Menge über die innere Welt islamischer Mystik und die Mentalität ihrer Adepten - weniger freilich über deren reale Konfrontation mit der Moderne. Das religiöse Gesetz mag auch für die Naqshbandiya letztlich nur die äußere Erscheinung des Islams sein. Sie hat aber, gerade auch im Widerspruch gegen verweltlichende Tendenzen, immer eine erhebliche Widerständigkeit bewiesen.

M. Hisham Kabbani: „Der Weg der Meister“. Geschichte und Vermächtnis der erhabenen Großscheichs des Naqshbandi- Ordens. Spohr Publishers Limited, Nikosia/Zypern 2012. 400 S., geb., 18,- Euro.

Quelle: F.A.Z.
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