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Veröffentlicht: 30.10.2012, 16:00 Uhr

M. Hisham Kabbani: Der Weg der Meister Das Herz des Menschen ist sein Sultan

Für islamische Mystiker ist Religion eine Herzensangelegenheit: Aber bis heute gelten die Sufis vielen als Dunkelmänner. Ein Insider gibt nun einen Bericht von der Verfassung des Naqshbandi-Ordens.

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Der moderne Mensch ist in der Regel Individualist: Er weiß alles allein, und dies natürlich besser. Falls er noch in seiner Kirche ist, würde er am liebsten austreten, denn auch auf diesem weiten Feld weiß er alles besser. Manchen bietet sich, neben der zunehmenden „religiösen Unmusikalität“, der Buddhismus als geistiger Ausweg an, denn dem Buddha darf der Individualist eben individuell nacheifern. Man kann den „achtfachen Pfad“ der Leidaufhebung ganz individuell-einsichtig beschreiten, an der eigenen Befreiung aus der Wohlstandsknechtschaft und ihren drückenden Ketten arbeiten - solange man es chic findet.

In der islamischen Welt gibt es moderne Menschen - Bankangestellte, Ingenieure, Professoren, Unternehmer, Politiker, Männer also von „facts and figures“ -, die sich nicht scheuen, einer kollektiven Weisheit aus eineinhalb Jahrtausenden nachzustreben, einer sophia perennis sozusagen. Sie sind Mitglieder eines Sufiordens, somit Glieder einer Kette (silsila) von überlieferter Weisheit und Weisheitslehrern, die ihnen spirituellen Sinn und Halt gibt. In sie fügen sie sich ein, ja, sie folgen diesen Meistern, deren Lauterkeit und deren Wissensschatz sie vertrauen. Es ist ein besonderes Wissen - kontemplativ und eine Amor Dei emotionalis.

Vom Dogma abgewichen

Muhammad Hisham Kabbani, selbst ein ranghoher Sufimeister, hat nun die Geschichte und das Vermächtnis seines Naqshbandi-Ordens aufgeschrieben. Es liefert Einblicke in die Welt des gelebten Tasawwuf, der islamischen Mystik, und ihren für den modernen Welt-Menschen erratischen Charakter. Vieles darin wird er als autoritäre Zumutung empfinden, manches als nicht empirisch nachprüfbares naives Geschwätz einstufen. Hier liegen Welten zwischen einer gelebten spirituellen Tradition, mit ihren besonderen Metaphern und Gleichnissen, und dem Faktenwissen wie auch der Zweckrationalität der westlichen Moderne.

Der Sufismus ist der innerliche Islam. Der Glaube folgt weniger Geboten und gesetzesförmigen Anordnungen (es gibt Sufis, welche die Scharia achten, aber auch solche, die sie ablehnen), sondern dem Ruf des Herzens. Für die Mystiker des Islams ist Religion - wie für Blaise Pascal - eine Herzensangelegenheit, Freundschaft, Toleranz und Liebe - Menschenliebe, die in der Gottesliebe gründet. „Das Herz ist der Sultan des Menschen“, zitiert der Autor denn auch einen der vierzig Großscheichs, deren Leben und Wirken Kabbani beschreibt. Man versteht, warum die Ulema, die Theologen, die Sufis oft mit scheelen Augen angesehen haben, in ihnen Abweichler von der reinen Lehre des Dogmas und der kasuistisch ausgelegten Gesetzesfrömmigkeit sahen.

Kette der Propheten

In manchen Ländern ist das auch heute wieder der Fall. Wenn es historisch auch bei den Sufis mancherlei geistige und politische Verirrungen gab (und gibt), so hat doch die Mystik des Islams in ihrer Essenz mit dem Islamismus nichts zu schaffen. Die Naqshbandi allerdings haben immer auf dem religiösen Gesetz beharrt, ihre jüngere Geschichte kennt denn auch durchaus den Widerstand gegen Säkularisierungstendenzen - etwa in der Türkei, wo Staatsgründer Kemal Atatürk, um nur ein Beispiel zu nennen, den Aufstand des kurdischen Naqshbandi-Führers Scheich Said 1925 blutig niederschlagen ließ.

Mit einer säkularen Mentalität, wie sie in Europa heute vorherrscht, hat denn auch Kabbanis emphatisch-religiöser Stil wenig zu tun. Allerdings: Der innere Weg (tariqa) und das Erfahren der Wahrheit (haqiqa) sind ihm allemal wichtiger als das Gesetz (scharia), das aus der Religion Politik macht. Insgesamt gesehen, haben die Sufiorden, zu deren einflussreichsten die Naqshbandi gehören, das islamische Geistesleben und auch die Volkskultur tief geprägt, bis hinein in die Alltagsfrömmigkeit.

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