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: Lotte pupt

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Das Mondkalb, das Christian Morgenstern noch so kluge Ratschläge zu geben wußte, hat sich ausgewachsen zu einem massiven Mondochsen. Ein norddeutsches Fleckvieh, schwarzweiß. Trägt die goldene Sichel zwischen den Hörnern, glotzt der kleinen Lotte nächtens frech ins Fenster hinein. Die klettert ins ...

          Das Mondkalb, das Christian Morgenstern noch so kluge Ratschläge zu geben wußte, hat sich ausgewachsen zu einem massiven Mondochsen. Ein norddeutsches Fleckvieh, schwarzweiß. Trägt die goldene Sichel zwischen den Hörnern, glotzt der kleinen Lotte nächtens frech ins Fenster hinein. Die klettert ins Freie, wird vom Ochsen, der von Wolfgang Amadeus Mozart noch "ein rechter Ox" genannt wurde, verfolgt und schon fast stiermäßig auf die Sichelmondhörner genommen. Doch da besinnt sich das Kind.

          Es erinnert sich offenbar an den abgesunkenen Originaltext des bekannten Mozart-Kanons, dessen alsbald ins Niedliche verbogene, von allen Unanständigkeiten bereinigte Textfassung von Jutta Bauer hier Zeile für Zeile mit passenden Bildern versehen worden ist. Zu den Worten "Pfui pfui, good night, good night" läßt das Lottchen so gewaltig einen fahren, daß der Ochse auf den Rücken fällt und seine Verfolgung einstellen muß. Worauf Lotte heimkehrt zu den Eltern, die ihr Kind, nichts ahnend von den wahren Zusammenhängen, wieder mit einem harmlosen "Schlaf fei gsund und bleib recht kugelrund" in Schlummer singen.

          Im Anhang ist Mozarts Kanon mit Noten abgedruckt: eine Aufforderung zum Nachsingen, was dieses "Einschlaf- und Angst-Verscheuchbuch" besonders wertvoll macht - nur leider wiederum mit dem gefälschten Saubermann-Text. Selbst noch der Kommentar schweigt sich schamhaft dazu aus. Wieder wird nur handelsüblich herumgemutmaßt über das Wunderkindliche an dem "großen Komponisten", der bekanntlich "derben Späßen nie abgeneigt" gewesen sei und auch an diesem Buch "sicher seine wahre Freude" gehabt hätte. Gerade daran darf gezweifelt werden.

          Schließlich trägt das Lied im Originaltext nicht nur den Gute-Nacht-Gruß in allen Sprachen vor, die ein reisender Musiker wie Mozart schon als Kind selbstverständlich beherrscht hat. Es enthält auch "böse" Worte: jene drastischen Abschiedsformeln, die keineswegs nur dem herumschweinigelnden "Donnerblitzbub" und Bäsle-Briefschreiber aus Pubertätsgründen unterliefen und deshalb guten Gewissens zensierbar erscheinen, vielmehr in der Familie Mozart gang und gäbe waren. So finden sich in einem Brief aus Paris vom 26. September 1777 am Ende ganz ähnliche Verse, diesmal aber von der Mutter: "Den ganzen dag haben wür visiten, leben wie die fürsten Kinder, bis uns holt der schinder. Adio ben mio leb gsund, Reck den arsch zum mund. Ich winsch ein guete nacht, scheiss ins beth das Kracht, es ist schon über oas ietzt kanst selber Reimen. sch Maria Anna Mozartin."

          Briefe wie diese ruhen sicher in verschwiegenen Archiven. Dem "Bona nox"-Kanon von Mozart indes, in aller Munde, paßte man schon im Biedermeier neue, stubenreine Verse an. Wo es bei Mozart noch hieß: "Gute Nacht / scheiß ins Bett, daß' kracht / schlaf fei g'sund / und reck den Arsch zum Mund" - da singen wir seither: "Gute Nacht / s' wird höchste Zeit, gute Nacht / schlaf fei g'sund / und bleib recht kugelrund." Ginge es nach Jutta Bauers hübsch ausgemaltem Büchlein, singen wir auch in Zukunft sauber immer so weiter. Dabei weiß die Illustratorin eigentlich Bescheid: Sie verpaßte selbst dem "Ox" ein bezauberndes, sternförmiges Arschloch ans Hinterteil. Schade nur, daß sie die antipädagogische Wirkung der verborgenen Subtextes unterschätzt hat. Gutenachtsingende Mütter wissen schließlich aus Erfahrung, daß man kleinen Kindern, die ihre anale Phase noch nicht vollends wegsublimiert haben, mit Mozart im Original kurz vor dem Einschlafen ein große Freude machen kann.

          ELEONORE BÜNING.

          Wolfgang Amadeus Mozart / Jutta Bauer: "Bona nox". Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2005. 32 S., geb., 7,50 [Euro]. Für jedes Alter.

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