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Lisa Zeitz: Das Jahrhundertleben des Werner Muensterberger : Der Mann, der James Deans Träume kannte

Bild: Berlin Verlag

Als Kind tanzte er nackt auf dem Monte Verità: Lisa Zeitz hat eine mitreißende Biographie des Psychoanalytikers und Kunstsammlers Werner Muensterberger geschrieben

          Ein Haus in New York, Upper East Side, 68. Straße: Unten am Fahrstuhl steht eine ältere Dame mit Leopardenrock und Pelzkragen, das Gesicht wie eine Maske, daneben ein Dogwalker, der einen Pekinesen ausführt. Eine lautlose Fahrt bis in den 17. Stock, dort öffnet sich die Tür, ein kleiner, hochbetagter Mann im karierten Sakko mit tadellos gebügeltem Hemd taucht auf: Werner Muensterberger, Psychoanalytiker, Kunstsammler, Ethnologe, geboren 1913 in Westfalen, Sohn eines deutschen Fabrikanten und einer niederländischen Mutter, nach eigenem Bekunden areligiöser Jude.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Muensterberger bittet herein in eine ungewöhnliche Wohnung: über dem Esstisch ein rußschwarzes Relief aus Pavianschädeln und Knochen, offenbar Relikt einer Zeremonie in der Savanne, irgendwo ein kratziges Samtsofa „in der Farbe von vertrocknetem Moos“, ein kopfloser Torso mit langem Phallus, finstere afrikanische Masken, Lampen von Diego Giacometti. Und mitten in dieser Wohnung ein Mann, der fast ein Jahrhundert alt ist. Der befreundet war mit Bruce Chatwin und Andy Warhol. Ein Mann, der als Kind auf die deutsche Odenwaldschule ging, nackt auf dem Monte Veritá tanzte, Gast im Hause Thomas Manns war.

          Mit dieser fulminanten Begegnung im Jahr 2005 beginnt Lisa Zeitz, Chefredakteurin der „Weltkunst“ und eine der besten Kennerinnen des internationalen Kunstmarkts, die Lebensgeschichte eines Mannes, dessen Biographie auch eine Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist: Werner Muensterberger studierte ab 1934 in Berlin, wurde ein früher Experte für außereuropäische Kunst, musste aber bald vor den Nationalsozialisten fliehen, ging in Holland in den Widerstand, wurde im Zweiten Weltkrieg von seiner Freundin vor der Gestapo versteckt und kam schließlich 1947 nach Amerika, wo er einer der erfolgreichsten Psychoanalytiker seiner Zeit wurde - James Dean gehörte ebenso zu seinen Patienten wie Marlon Brando. Warum, denkt man sich schon nach den ersten Seiten dieses Buchs, hat noch niemand vorher diese Geschichte aufgeschrieben?

          Der Mann mit dem A

          Muensterberger hatte keine sorglose Kindheit. Seine Mutter starb, als er fünfzehn war. Der Analytiker Karl Landauer therapierte ihn und weckte sein Interesse für die Psychoanalyse: „Ich war fünfzehn, tief beeindruckt, ich wusste, dass ich auch Analytiker werde will“, schreibt Muensterberger später. Schon einige Jahre zuvor war er, als Kind noch, mit seiner Mutter nach Amsterdam gereist, wo Baron Eduard von der Heydt lebte, der mit einer von Muensterbergers Tanten verheiratet war. Von der Heydt besaß eine der größten Sammlungen außereuropäischer Kunst in Europa und war ansonsten, wie Muensterberger der Autorin anvertraute, eine unselige Figur: Er habe eine Art Grammophon, mit dem sich Schallwellen in eine Platte ritzen ließen, unter dem Bett seiner Frau installiert, um sie eines Seitensprungs zu überführen und sich daraufhin scheiden lassen. Muensterberger blieb dennoch in Kontakt mit dem neurotischen Ex-Onkel, er folgte ihm, als von der Heydt den Monte Veritá kaufte, und verbrachte einige Jahre lang jeden Sommer in der Künstlerkolonie bei Ascona, wo die einzige Anforderung des Onkels an ihn war, „jeden Sommer vor dem Fenster des Barons nackt zu baden“.

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