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Lieber Aufregung als Abstumpfung: Das Abseits ist die treibende Kraft

15.03.2006 ·  Rainer Moritz hat Mut bewiesen, und sein Verlag Antje Kunstmann kaum minder. Während Deutschland von einer Flut von Fußballbüchern überschwemmt wird, die im Hinblick auf die Weltmeisterschaft mit den tollsten Toren, spannendsten Spielen, schicksten Stadien oder schrägsten Sprüchen Leser locken, hat ...

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Rainer Moritz hat Mut bewiesen, und sein Verlag Antje Kunstmann kaum minder. Während Deutschland von einer Flut von Fußballbüchern überschwemmt wird, die im Hinblick auf die Weltmeisterschaft mit den tollsten Toren, spannendsten Spielen, schicksten Stadien oder schrägsten Sprüchen Leser locken, hat Moritz sich eines Themas angenommen, das im Fußball genauso beliebt ist wie Blitzgeräte im Straßenverkehr. Sein ebenso kenntnisreiches wie vergnüglich lesbares Buch zum sperrigen Thema "Abseits" steht wie ein Fels in der Brandung auch all jener Neuerscheinungen, die sich mit Fußball als Phänomen befassen, ob aus sozial- oder kulturwissenschaftlicher Sicht. Dem Autor, im Hauptberuf Leiter des Hamburger Literaturhauses, geht es weniger um Feuilleton, sondern um Fußball, weniger um das Schöngeistige, sondern um das Spiel. Dabei weiß der ausgewiesene Kenner des Kickens natürlich selbst am besten, was er seinen Lesern auf 160 Seiten zumutet, und darum hat der Verlag wohl auch den raunenden Untertitel "Das letzte Geheimnis des Fußballs" gewählt. Mit "Abseits" macht man sich keine Freunde, weder auf noch neben dem Rasen: "Seit jeher haftet diesem Begriff Düsteres an", schreibt Moritz, "seit jeher steht er für jenen Abschnitt des Regelkanons, der als unzugänglich, ja kaum verständlich gilt." Welcher Unsinn über die elfte aller internationalen Fußballregeln von Dichtern, Denkern und Journalisten verbreitet wird, auch darüber weiß der Autor einiges zu sagen.

Man mache nur den Praxistest und schlage in Gerhard Dellings druckfrischem Langenscheidt-Wörterbuch "Fußball - Deutsch. Deutsch - Fußball" nach. Dort erscheint der weitschweifige Eintrag des Sportmoderators noch viel nebulöser als der Begriff "Abseits" an sich: "Abseits müßte eigentlich Vorseits heißen und ist eine äußerst aktive Handlungsweise, die man normalerweise eigentlich belohnen würde." Eigentlich, um Dellings Lieblingswort aufzunehmen, muß man dem Autor vorwerfen, daß er sich in seinem Fußballbrevier der Beliebigkeiten um eine sachdienliche Erklärung drückt.

Wie gut, daß wenigstens Rainer Moritz um Aufklärung bemüht ist. Er beschreibt fundiert Sinn, Funktionsweise und Geschichte der Abseitsregel, von ihrer Einführung im Jahre 1863 über ihre einschneidenden Änderungen in den Jahren 1866 und 1925 bis hin zu dem laut Moritz "unseligen Etikett ,passives Abseits'", das seit Jahren für kontroverse Auslegungen und damit "unnötigen Zündstoff" sorgt. Mit den Schiedsrichtern Dr. Markus Merk und Lutz-Michael Fröhlich als Gewährsmännern und vielen Grafiken als Hilfsmittel führt der Autor die Argumente all jener Dauernörgler ad absurdum, die einer Abschaffung des passiven Abseits oder der Abseitsstellung überhaupt das Wort reden. Ohne Regel 11, so Moritz' zentrale These, hätte sich der Fußball niemals in dem bekannten Maße entwickelt, weder taktisch auf dem Feld noch emotional auf den Tribünen.

Das ungeliebte Abseits war stets ein Motor für das Fortkommen des Spiels, weil zu jeder Zeit clevere Trainer wie der Engländer Herbert Chapman, der Erfinder des "WM-Systems", oder der Österreicher Ernst Happel ihre Mannschaften erfolgreich auf die neuen Umstände einzustellen wußten und diese Avantgarde stets Nachahmer fand. Zudem läßt sich - außer über berechtigte oder unberechtigte Strafstöße - über kein Thema so trefflich streiten. Zwar hat, außer bestenfalls dem Schiedsrichterassistenten, kaum jemand im Stadion oder vor dem Fernsehgerät den idealen Blickwinkel, um über eine Abseitsstellung zu entscheiden. Würde der Fußball aber auf die auf den Pfiff folgende "leidenschaftliche Wallung" verzichten, so zitiert Moritz den Verhaltensforscher Desmond Morris, "so könnte das Ritual leicht mechanistisch, abgestumpft und seelenlos werden, vor der die gültige Abseitsregel einen wirksamen Schutz bietet".

Lange lebe also das Abseits, damit der Fußball weiter die Gemüter erregt und damit dichtende Geister wie Hans Hummel streitbare Verse finden wie jene von 1930: "Meyer war schon gänzlich heiser, / Wie ein Spatz, der Kohlen frißt. / Doch sein Weibchen - nun schon leiser - / Fragte noch, was ,abseits' ist. / Da schrie er mit letztem Mute, / Was ein jeder wohl begreift: / ,Abseits ist, Du dumme Pute, / Wenn der Mann da unten pfeift.'"

THOMAS KLEMM

Besprochene Bücher: Rainer Moritz: Abseits. Das letzte Geheimnis des Fußballs. Verlag Antje Kunstmann, 160 Seiten, 16,90 Euro.

Gerhard Delling: Deutsch - Fußball / Fußball - Deutsch, Verlag Langenscheidt, 128 Seiten, 9,95 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006, Nr. 63 / Seite 36
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