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: Lemmy und die Schmöker

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Bücher haben bekanntlich ihre Schicksale, und für manch einen sind sie Schicksal. Jorge Luis Borges beispielsweise konnte sich vorstellen, dass das Paradies ganz aus Büchern bestand. Als er 1955 zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek ernannt wurde, schrieb er, Gott sei groß in seiner Ironie, da er ihm "die Bücher und die Nacht zu leben" gegeben habe.

          Bücher haben bekanntlich ihre Schicksale, und für manch einen sind sie Schicksal. Jorge Luis Borges beispielsweise konnte sich vorstellen, dass das Paradies ganz aus Büchern bestand. Als er 1955 zum Direktor der argentinischen Nationalbibliothek ernannt wurde, schrieb er, Gott sei groß in seiner Ironie, da er ihm "die Bücher und die Nacht zu leben" gegeben habe. Über die häusliche Bibliothek des Dichters wunderten sich freilich die Besucher. Sie bestand nur aus wenigen niedrigen Regalen, in denen vieles aus der klassischen Tradition und noch mehr von dem fehlte, was in der Moderne für wichtig gehalten wurde.

          Zu den Vorlesern des Erblindeten gehörte der 1948 in Buenos Aires geborene Alberto Manguel, der sich seither in zahlreichen Werken der Geschichte des Lesens gewidmet hat. In seinem neuen Buch erzählt der weitgereiste Literaturdozent und Übersetzer zunächst von seiner eigenen Bibliothek, die er in einer restaurierten Scheune auf einem Hügel über der Loire angelegt hat. In der Nacht betrachtet er sie gern mit dem geistigen Auge seines Idols: "In der Dunkelheit, wenn der Lichtschein durch die Fenster fällt und die Bücherreihen schimmern, ist die Bibliothek eine Welt für sich, ein Universum mit eigenen Gesetzen, die tun, als ersetzten oder überhöhten sie jene des gestaltlosen Universums ringsum."

          Jede Bibliothek ist für den passioniert lesenden Betrachter das Abbild einer Kulturtechnik, die sich der Zeitlichkeit erwehrt, indem sie die Bruchstücke der Vergangenheit in die Gegenwart holt. Das Urbild aller Bibliotheken aber stehe "für das Rätsel der menschlichen Identität". Die Exkursionen zu den realen wie fiktiven Bibliotheken der Welt und der Weltliteratur, von Alexandria bis zur Sammlung des Weihnachtsmanns in Finnland, sind daher jeweils Versuche, in deren Erscheinung und Struktur die Form individueller oder kollektiver Identität in ihrer Bildung durch oder auch gegen eine Tradition zu entziffern.

          Öffentliche Bibliotheken sollen den intellektuellen Reichtum eines Landes oder einer Gemeinschaft repräsentieren und zugleich Räume der gelehrten Intimität bereitstellen. In ihrer Erscheinung und Struktur spiegeln sie die gegebene Ordnung des Wissens. Aby Warburgs kulturwissenschaftliche Bibliothek sieht Manguel dagegen als Versuch, "die Nerven seiner Gedanken bloßzulegen und seinen Ideen Raum zu lassen, damit sie frei umherschweifen, sich verändern und gegenseitig befruchten konnten". Ähnlich vermittelt jede Bibliothek den Umriss der geistigen Gestalt des Besitzers. Nur bei der Hitlers fällt es dem Lektürehistoriker schwer, sich ein Bild zu machen, das der "gebotenen Grässlichkeit" entspricht.

          Amüsanter sind die Hinweise auf Begebenheiten in fiktiven Bibliotheken. Im "Don Quijote" beschließen Barbier und Pfarrer, jene Bücher aus der Bibliothek des Ritters zu entfernen, die ihn um den Verstand gebracht haben. Die Haushälterin aber besteht darauf, den Raum mit Weihwasser einzusprengen, um die in den Büchern enthaltenen Zauberer zu bannen - für Manguel ein doppelter Beweis der magischen Schicksalsmacht der Bücher.

          Der belesene Autor schwärmt mit sympathischer Begeisterung durch das Bücheruniversum, und er hält auch allerlei Nützliches und Anregendes für die Anlage einer Bibliothek bereit bis hin zur Wahl der Regalbretter.

          Sein assoziatives und anekdotisches Erzählverfahren lässt freilich nicht selten kulturhistorische Staubwölkchen aufsteigen: "Die Bibliothek von Alexandria war ein Zentrum der Gelehrsamkeit, begründet von ptolemäischen Herrschern mit dem Ziel, die Lehren des Aristoteles zu beherzigen." Der Stil der Übersetzung wirkt auch nicht gerade befeuchtend. Dass es sich um "Staub aus Liebe" handelt, glaubt der Leser gern.

          Trotzdem befällt ihn bei der Lektüre dieser hübsch ausgestatteten kleinen Universalgeschichte öfter jene Müdigkeit, die sich in der Bibliotheksluft einzustellen pflegt.

          FRIEDMAR APEL

          Alberto Manguel: "Die Bibliothek bei Nacht". Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 400 S., geb., 19,90 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.02.2008, Nr. 37 / Seite 32

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