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Leitfaden für faule Eltern : Langsam lerne ich, Katastrophen zu genießen

Bild: Rogner & Bernhard

So einfach ist Elternschaft? Ja, so einfach ist Elternschaft. Tom Hodgkinson lüftet mit seinem neuen Buch unseren von Erziehungsratgebern vernebelten Kopf gut durch. Gute Eltern sind faule Eltern.

          Dieses Buch schlägt eine Schneise in die Regalmeter von Erziehungsberatern. Ich gestehe: Ich habe es vorgestern auf den Tisch bekommen und in einem Zug ausgelesen. Die Skepsis, die geprüfte Eltern jedem Erziehungsberater entgegenbringen („was soll ich denn nun schon wieder falsch gemacht haben?“) weicht hier einem tiefen Aufatmen. Man fasst es kaum: Zum ersten Mal ein Erziehungsberater, der den Eltern sagt, dass sie schon alles richtig machen - wenn sie nicht zu viel machen. Und eherne Erziehungsaxiome umstürzt, die aus dem Kind ein Thema wie Steuererklärung oder Diätplan machen wollen: „Angeblich mögen Kinder feste Abläufe, aber stimmt das? Die Zeiten, die in der Erinnerung an meine Kindheit herausragen, sind die, in denen die Routine durchbrochen wurde: Feueralarm in der Schule, kaputte Gläser, das Streichholz, das versehentlich in den Kartons mit den Silvesterknallern landete, Autopannen. Brüche in der Routine geben dem Leben Intensität. Langsam lerne ich von meinen Kindern, Katastrophen zu genießen, wenn sie geschehen.“

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Richtig, Tom Hodgkinson ist kein unbeschriebenes Blatt. Der Autor verdient sein Geld damit, über Muße zu schreiben. Seine Bücher „Anleitung zum Müßiggang“ und „Die Kunst, frei zu sein“ wurden Bestseller. In Hodgkinsons Büchern ist immer auch viel Falsches enthalten, wenn man Unvorstellbares als falsch bezeichnen will. Aber das ist nur der utopische Überschuss, ohne den sich Hodgkinsons Realismus nicht erschließen würde. Jedenfalls hat man noch nach jedem seiner Bücher den Eindruck, wachgerüttelt worden zu sein, für Wesentliches die Augen geöffnet bekommen zu haben, und kommt nicht auf die Idee, Übertreibungen aufzurechnen, Erbsen zu zählen.

          „Tun Sie weniger!“

          Grundlegend zum Verständnis seines neuen Buches: Gute Eltern nennt Hodgkinson faule Eltern. Schon im Titel heißt es: „Leitfaden für faule Eltern“. Faul ist aber falsch. Hinter dem tiefstapelnden Etikett „Faulheit“ verbergen sich Eigenschaften wie geduldig, lebensklug, unangestrengt. Er selbst lebt als fauler Vater zusammen mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf einer Farm in Devon. Wie definiert der Autor faule Elternschaft? „Faule Eltern werden sich niemals für ihre Kinder aufopfern. Sie werden ihr Leben leben, und ihre Kinder werden in ihrem Windschatten aufwachsen und lernen. Aber sie werden ihre kleinen Sprösslinge respektieren und deren Gebaren mit Interesse beobachten. Kinder sagen lustige Sachen. Und man kann immer von ihnen lernen. Das Entscheidende am Elternsein ist nicht, was Sie tun, sondern welche Beziehung Sie zu Ihrem Kind haben. Wie Sie sind, darauf kommt es an. Statt eine Liste von Regeln zu befolgen, die jemand anders aufgestellt hat, müssen wir uns zuerst und vor allem auf unsere geistige Einstellung zu unseren Kindern konzentrieren. Eine gewisse Dankbarkeit dafür, dass sie in unser Leben getreten sind, könnte ein guter Anfang sein.“ Mit Passagen wie diesen wird unser von Erziehungsratgebern vernebelter Kopf ordentlich durchgelüftet.

          Operativ wichtig die Hinweise zum Thema „Abwimmeln“. Hodgkinson sagt: Kinder nicht abwimmeln. Das kostet nur Energie. Und provoziert die Kinder zum Dranbleiben, Klammern und Kleben. Sagen Sie nicht „Nein“, wenn das Kind etwas von Ihrer Zeit will, sagen Sie „Ja“ - stoisch, wenn es sein muss. „Fünf Minuten herumalbern, und das Kind ist glücklich. Und überhaupt, genau genommen ist es doch eine Freude für Vater und Mutter. Wir werden alle noch reichlich Zeit haben, zu arbeiten und auf den Bildschirm zu starren, wenn die Kinder älter werden und das Interesse an uns verlieren. Erfreuen Sie sich an Ihren Kindern, solange es geht! Lassen Sie sie von selbst zu Ihnen kommen, aber wenn sie zu Ihnen kommen, dann seien Sie ganz für sie da und versuchen Sie nicht, sie abzuwimmeln.“ In diesem Sinne lautet der Appell: „Tun Sie weniger! Passive Elternschaft ist verantwortungsbewusste Elternschaft.“

          Eine Wiese für alle

          Und auf keinen Fall „prammern“ (protzen und jammern). Sonst hat man den Salat, und die Kinder prammern auch, weil sie denken, ohne Prammern läuft nichts. Das ist der erste, immer wieder durchgespielte Glaubenssatz des Autors: „Wenn wir mit einer Situation unzufrieden sind, entweder die Situation selbst oder unsere Einstellung zu dieser Situation ändern.“ Jedenfalls nicht und niemals und unter keinen Umständen prammern.

          So einfach ist Elternschaft? Ja, so einfach ist Elternschaft. Alles, was man für sie braucht, ist eine Wiese. Nur die Wiese. Keine Schaukeln. Keine Klettergerüste. Keine Neonbälle. Im erzieherischen Idealfall sieht die Anordnung so aus: „Auf der einen Seite der Wiese ein Festzelt mit Bar, an der das heimische Ale ausgeschenkt wird. Dort versammeln sich die Eltern. Auf der anderen Seite der Wiese, ein gutes Stück entfernt, spielen die Kinder. Ich gehe ihnen nicht auf die Nerven, und sie gehen mir nicht auf die Nerven. Geben Sie ihnen so viel Freiheit wie möglich.“ Soweit man hört, sollen Hodgkinsons Kinder nicht zu den missratenen zählen.

          Tom Hodgkinson: „Leitfaden für faule Eltern“. Aus dem Englischen von Heike Steffen. Verlag Rogner & Bernhard, Berlin 2009. 316 S., geb., 19,90 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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