Der Ursprung der modernen Wissenschaft wird gewöhnlich in der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts gesehen. Wenn man allerdings die Beiträge in den „Transactions“ der englischen Wissenschaftsakademie durchstöbert - diese Zeitschrift der Royal Society erscheint seit 1665 ohne Unterbrechungen -, dann wird man in der Frühzeit vieles entdecken, das gegenwärtig mehr in esoterischen als in wissenschaftlichen Zirkeln Anklang finden dürfte. Erst im frühen 19. Jahrhundert begann die Erforschung der Natur methodisch und institutionell ihre heutige Form anzunehmen.
Genialische Rechenmaschinen
Die amerikanische Wissenschaftshistorikerin Laura Snyder stellt in ihrem Buch vier Männer vor, die diese Metamorphose der wissenschaftlichen Praxis im englischsprachigen Raum entscheidend voranbrachten. William Whewell, John Herschel, Charles Babbage und Richard Jones trafen sich 1812 als Studenten an der Universität Cambridge und erkannten schnell, dass sie ein ehrgeiziges gemeinsames Interesse teilten: die Einlösung von Francis Bacons Vision einer empirischen Wissenschaft, die im Dienste des fortschrittlichen Wandels der Lebensbedingungen stehen sollte. Jeden Sonntagmorgen nach dem Gottesdienst trafen sich die vier Freunde in Herschels Zimmer im St. John's College, ließen sich ein kräftiges englisches Frühstück schmecken und erörterten die Reform der Wissenschaft.
Der Mathematiker Charles Babbage ist wohl der Bekannteste der vier Freunde geblieben. Computer beeinflussen schließlich heute nahezu alle Aspekte unseres Lebens, und Babbages einschlägige Pionierleistungen haben ihm einen dauerhaften Platz in der Wissenschaftsgeschichte gesichert. Snyder schildert eindrucksvoll, wie Babbages obsessive Beschäftigung mit seinen genialischen, aber nur unter größten Schwierigkeiten zu verwirklichenden Rechenmaschinen die Beziehung zu seinen Geldgebern, zur Royal Society und schließlich auch zu seinen Freunden belastete. Richard Jones ist dagegen heute nahezu vergessen; seine historisch-empirische Methodik der Nationalökonomie vermochte sich nicht gegen die theorielastigen, von Thomas Malthus und David Ricardo geprägten Diskurse durchzusetzen.
Gott ist ein Programmierer
Auch William Whewell und John Herschel sind heute wohl eher nur Kennern der viktorianischen Wissenschaftsgeschichte vertraut. Dabei ist Whewell vor allem durch seine originellen Wortschöpfungen in zahlreichen Wissenschaften präsent geblieben: Eo-, Mio- und Pliozän, Dia- und Paramagnetismus, Ion, Anode und Kathode sind neben „scientist“ einige der von ihm geprägten und heute noch gebräuchlichen Begriffe. Er war darüber hinaus ein Pionier der Mathematisierung der Nationalökonomie, revolutionierte die Erforschung der Gezeiten, war Professor für Mineralogie, lehrte indes auch Moralphilosophie und schrieb Werke über die Geschichte und Philosophie der induktiven Wissenschaften. John Herschel erwarb sich seinen Ruhm dagegen als Astronom, spielte eine wichtige Rolle bei der Erfindung der Fotografie und schrieb ein einflussreiches Werk über Erkenntnistheorie und Methodik der Naturwissenschaften.
Whewell und Herschel - und auch Jones mit seinen historischen Wirtschafts- und Bevölkerungsdaten - mussten bei ihren Forschungen mit riesigen Datenmengen hantieren, wozu sie neuartige Methoden der statistischen und grafischen Analyse entwickelten. Ihr Einfluss zeigt sich früh und beispielhaft am jungen Charles Darwin, der 1837 von seiner Weltumseglung zurückgekehrt war und nun versuchte, seine Beobachtungen in einen umfassenden theoretischen Rahmen einzufügen. Darwin besuchte in London Babbages berühmten Soiree und wurde dort mit der Idee von Gott als Programmierer konfrontiert, Jones empfahl ihm 1838 die Lektüre von Thomas Malthus, Herschels Wissenschaftsphilosophie ließ ihn nach den „wahren“, das heißt nach in der Gegenwart empirisch nachweisbaren Ursachen des Artenwandels fahnden, und Whewells induktive Methode der „consilience“ diente als Vorbild bei seinen Versuchen, viele Beweisstränge zu einem überzeugenden Gesamtbild zusammenzufügen.
Tiefer Bruch in der Wissenschaftsgeschichte
Whewell konnte allerdings die Evolutionstheorie nie akzeptieren, was seinem Ruf nachhaltig schadete. Herschel ließ sich nicht zu einer endgültigen Aussage zur Evolutionslehre hinreißen, blieb skeptisch gegenüber der Zufallsnatur des Evolutionsgeschehens, war aber beeindruckt von der Fülle der empirischen Befunde Darwins. Whewell und Herschel sahen keinen Widerspruch zwischen Religion und wissenschaftlichem Denken, eine Haltung, zu deren Erosion die von ihnen vorangetriebene Modernisierung der Wissenschaft - wie Darwins Beispiel zeigt - jedoch erheblich beitrug.
In ihrem Buch verbindet Laura Snyder geschickt biographische Hintergrundinformation mit wissenschaftshistorischer Betrachtung. Ihr ist ein lehrreiches, unterhaltsames und kurzweiliges Buch gelungen, das Einblick in eine der bemerkenswertesten Episoden der Wissenschaftsgeschichte bietet. Besonders hervorzuheben ist die Fähigkeit dieser Autorin, ein anschauliches und lebendiges Bild der Vielfältigkeit und des Reichtums der Naturwissenschaften vor Darwin zu zeichnen, dessen Evolutionslehre immer noch als tiefer Bruch in der Wissenschaftsgeschichte des 19. Jahrhunderts wahrgenommen wird. Die Revolution, für die Whewell und seine Mitstreiter verantwortlich waren, wurde hingegen schnell zum wissenschaftlichen Alltag - und ihre Protagonisten fielen ganz zu Unrecht weitgehend dem Vergessen anheim.