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: Länger als fünfzehn Minuten kann ich nicht sitzen

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Seit der Einführung der verkürzten gymnasialen Oberstufe scheuert sich die deutsche Elternseele selbst wund. Sie nimmt billigend in Kauf, dass sich ihre Kinder nach engen Terminplänen organisieren, die Wochenenden zum Lernen drangeben müssen und dass der Nachwuchs die Kunst des Zeittotschlagens nur noch aus besonders langweiligen Schulfächern kennt, die im Insider-Jargon "Klofächer" heißen.

          Seit der Einführung der verkürzten gymnasialen Oberstufe scheuert sich die deutsche Elternseele selbst wund. Sie nimmt billigend in Kauf, dass sich ihre Kinder nach engen Terminplänen organisieren, die Wochenenden zum Lernen drangeben müssen und dass der Nachwuchs die Kunst des Zeittotschlagens nur noch aus besonders langweiligen Schulfächern kennt, die im Insider-Jargon "Klofächer" heißen. Und was tun die Eltern? Sie befördern dieses Schicksal, indem sie das Spiel mit einem sich steigernden Leistungsdruck mitspielen.

          Es beginnt bereits mit der pränatalen Kindergartenauswahl und -anmeldung; es setzt sich über Englischkurse im Sandkasten fort bis zur vorzeitigen Einschulung mit fünf Jahren. In der Grundschule werden dann schon Vergleichsarbeiten geschrieben, um den Klassenstand im Schulvergleich zu dokumentieren. Aber die deutsche Elternseele rebelliert nicht, sie fragt nicht nach den Ursachen, sondern sie blökt willig - und greift zum Geldbeutel: um kommerzielle Nachhilfe zu finanzieren. Sämtliche Volten einer an der Ökonomisierung und im Kielwasser der Pisa-Studien kirre gewordenen Kultusbürokratie werden so mit einem Begleitmurren quittiert.

          Die Einführung der Ganztagsschule im Tarnkleid des Gymnasiums ist mittlerweile in den meisten Bundesländern Realität. Sie war überfällig, schließlich haben wir doch immer noch viel zu wenige Abiturienten im internationalen Vergleich. Also müssen noch mehr durch diesen Trichter, und er ist eben am unteren Ende ziemlich eng. Proteste? Demonstrationen gar? Fehlanzeige. Offene Briefe von Elternbeiräten vielleicht. Kann man ohnehin nichts machen? Kultusministerin Karin Wolff, die in Hessen zwar spät, aber dafür einen happigen G-8-Burger gegrillt hat, ließ sich unlängst in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu der Bemerkung hinreißen, "die Massivität der Kritik" sei "schon ein bisschen überraschend" gewesen.

          Für die Kinder und Jugendlichen, die von 2004 an mit G 8 begonnen haben, wird es in den kommenden Jahren noch schlimmer kommen. Das erzählen einem jene, die das ausbaden müssen: die Lehrer. Sie verweisen auf eine ungeahnte Welle von Stoff- und Leistungsdruck, die auf die lieben Kleinen zurauscht, wenn sie erst mal die Mittelstufe erreicht haben werden. Bis zu elf Stunden Unterricht am Tag für Fünfzehnjährige - plus anschließende Hausaufgaben und Schulaufgabenvorbereitung. Viele Schüler werden dann mehr als die meisten Erwachsenen arbeiten; eine schöne Einstimmung auf die neue Arbeitswelt.

          So kann es nicht weitergehen, das meint jedenfalls in bester Gesellschaft mit vielen Eltern und Erziehungswissenschaftlern der Bamberger Soziologe Fritz Reheis. Sein Plädoyer "Bildung contra Turboschule!" fällt in diesen Tagen gewiss auf fruchtbaren Boden. Denn Reheis, der zwei Jahrzehnte Erfahrung als Gymnasiallehrer mitbringt, berührt manchmal recht unssensibel sensible Punkte - wenn er etwa von "Muttis" berichtet, die bei der Abholung im Kindergarten beunruhigt sind, weil ihr Nachwuchs heute wieder "nur gespielt" hat. Nur spielen, das darf heute offenbar nicht mehr sein. Das Effizienzprinzip hat den Kindergarten längst durchdrungen, in der Schule zeigt es sich bei Elternabenden am Nachdruck, mit dem existentielle Fragen erörtert werden: Was bringt die Skifreizeit für die Entwicklung meines Kindes? Sie brächte zum Beispiel etwas, das im normalen Unterrichtsgeschehen schon lange nicht mehr existiert. Das Zeitdiktat ergreift zu gleichen Teilen Schüler und Lehrer, Geschwister und Eltern. Das permanente Gefühl, sich mit unnützem Stoff auf kurzfristig abrufbare Abfragen präparieren zu müssen, überwiegt.

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