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: Lächeln trotz kleiner Kratzer

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Der "Knacks" tritt in das Leben von Roger Willemsen, als er fünfzehn Jahre alt ist. Sein Vater stirbt. Der heute Dreiundfünfzigjährige erinnert sich noch genau an diesen Tag: Es war heiß, die Vögel blieben unter den Schatten spendenden Blättern sitzen und alles Leben verlangsamte sich. Auf den Krankenhausfluren sprach man darüber, dass es abends regnen werde.

          Der "Knacks" tritt in das Leben von Roger Willemsen, als er fünfzehn Jahre alt ist. Sein Vater stirbt. Der heute Dreiundfünfzigjährige erinnert sich noch genau an diesen Tag: Es war heiß, die Vögel blieben unter den Schatten spendenden Blättern sitzen und alles Leben verlangsamte sich. Auf den Krankenhausfluren sprach man darüber, dass es abends regnen werde. Als der Regen endlich kommt, lebt der Vater nicht mehr.

          Etwas veränderte sich, schreibt Roger Willemsen im Rückblick auf das Kind, das er einmal war. Doch geschieht die Veränderung nicht sofort, sondern erst allmählich, im Laufe der folgenden Monate. Was genau passiert, bleibt zunächst diffus, "Erwachsenwerden" will es der Autor nicht nennen. Es ist vielmehr ein langsames Hinübergleiten von einem Zustand in den anderen, für das es keinen Namen gibt. Heute, vierzig Jahre später, hat Roger Willemsen für seine wundersame Wandlung - dieses "Abfallen der Lebenstemperatur, ein erstes Verschießen der Farben" - doch noch ein Wort gefunden: er nennt es den "Knacks". Auch sein Buch, eine dreihundert Seiten lange Reflexion über das allmähliche Scheitern des Menschen beim Leben, hat er so betitelt. Darin vergleicht er die schleichende Veränderung mit dem Craquelé in der Malerei, das in alten Gemälden eben keinen Sprung hinterlässt, sondern feine Risse in der Oberfläche: Dass an jenem heißen Sommertag, als der Vater starb, seine Kindheit zu Ende ging, will Roger Willemsen deshalb so nicht sehen. Diese Kindheit habe vielmehr einen langen Bremsweg gehabt, sagt er. Aus dieser Erkenntnis heraus entwickelt er seine Theorie über den Knacks.

          Anders als die harten Brüche in der Biographie, also die bewusste Erfahrung von Verlust, Krankheit oder Niederlagen, tritt der Knacks fast unbemerkt ins Leben. Mit ihm lässt sich deshalb das eigene Scheitern auch nicht monokausal deuten: "Er ist eher Wandlung, Verschiebung, Temperatursturz, ein Umschlagen des Tongeschlechts, ein Wechsel des Kolorits, eine atmosphärische Verlagerung." Doch so unscheinbar der Knacks auch ist, Roger Willemsen spürt ihn, seit er ihm rückblickend auf die eigene Spur gekommen ist, Kapitel um Kapitel mit geradezu detektivischer Akribie überall in der Welt auf: Die moderne Arbeitswelt ist ebenso angeknackst wie unsere Landschaften, Kinofilme, der Glaube, die Porträts von James Ensor oder die mystische Malerei. Die Fußgängerzonen und das Reihenhaus sind von dem unscheinbaren Mangel ebenso befallen wie unsere modernen Kommunikationsmittel oder die Boulevardpresse. Vor allem aber diagnostiziert Willemsen den Knacks in uns: Wenn wir lieben, wenn wir verlassen werden, wenn wir alt werden, ja sogar wenn wir Glück erfahren, hinterlässt das Leben seine Kratzer, Risse und Narben in uns. Der Knacks markiert daher Sieger und Verlierer, Einzelkämpfer und Eheleute, das Knacksen wird zum ununterbrochenen Hintergrundrauschen unseres Daseins. Es lässt jede Illusion in sich zusammenfallen, selbst die, dass ein Sinn darin liegt, so zu sein wie wir sind, und das zu tun, was wir tun.

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