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: L. macht die Rhododendren

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Am 23. Juni 1939 kam die Fotografin Gisèle Freund in die Wohnung des Ehepaars Woolf in London, Tavistock Square 52, zusammen mit Victoria Ocampo, Schriftstellerin und Mäzenatin aus Argentinien. Freund hatte "alle ihre Apparate" mitgebracht und im Salon aufgestellt, um eine "lebensgroße kolorierte lebendige Photographie" anzufertigen.

          Am 23. Juni 1939 kam die Fotografin Gisèle Freund in die Wohnung des Ehepaars Woolf in London, Tavistock Square 52, zusammen mit Victoria Ocampo, Schriftstellerin und Mäzenatin aus Argentinien. Freund hatte "alle ihre Apparate" mitgebracht und im Salon aufgestellt, um eine "lebensgroße kolorierte lebendige Photographie" anzufertigen. Virginia Woolf war alles andere als begeistert: "Oh verflucht sei dieses triviale vulgäre Photoreklametamtam", schreibt sie im Tagebuch. Aber Ocampo und Freund hatten sie in die Zange genommen, die eine saß auf dem Sofa neben ihr, die andere ihr leibhaftig gegenüber, und so war der "Nachmittag also hin, auf die für mich abscheulichste & ärgerlichste Weise überhaupt".

          Heute kann man nur froh sein, dass Victoria Ocampo die von ihr protegierte Gisèle Freund ungebeten ins Haus brachte, schuf sie an diesem Nachmittag doch eine der Fotografie-Ikonen der Moderne und eines der schönsten Woolf-Porträts überhaupt, dazu das einzige in Farbe. Seit 1938 hatte Freund mit den ganz neuen Farbfilmen von Kodak und Agfa experimentiert und war begeistert von dem Wunder, "alle subtilen und sich verändernden Rot-, Grün- und Gelbschattierungen festzuhalten, die Transparenz einer weißen Haut um das Blau eines Auges herum". Und so sehen wir nun das Gesicht der 57-jährigen Schriftstellerin mit den großen, schwermütig gesenkten, klaren Augen, den leicht geöffneten Lippen (die häufig vom Reden wund waren, wie das Tagebuch verrät), die in nachdenklich-besorgte Falten gelegte Stirn. Ein Gesicht auf der Schwelle zum Alter. Ein Gesicht, in dem sich Traurigkeit und Schmerz spiegeln, Einsamkeit, aber auch Kraft und Mut. Ein Gesicht von anrührend zerbrechlicher Schönheit.

          In diesem Porträt scheint Virginia Woolf so sehr bei sich zu sein, dass erstaunen muss, was man im Tagebuch um dieses Sitzungsdatum herum liest: Baulärm, Umzugspläne und -packerei, Krankheit der Nichte, Selbstmord eines Freundes, Tod der Schwiegermutter, Besuche zum Tee und zum Dinner, und zwischen Frühstück und Lunch Arbeit an der Biographie des Freunds und Mentors Roger Fry - so diszipliniert und emsig, dass oft "keine Minute" fürs Tagebuch bleibt. Blieb dann doch Zeit, schrieb sie Sätze wie diese: "Welch Traum das Leben doch ist, so rasch vorbei, so schnell gelebt; & nichts vorzuweisen, außer diesen Büchlein. Doch bringt mich das dazu, mich ins Zeug zu legen & den Augenblick auszupressen." Gelingt dies, lassen die "lilagrauen Wolken über dem Regents Park" sie "vor Freude hüpfen".

          Zweieinhalb Monate nach der Sitzung - Gisèle Freund, die die Bilder in Frankreich entwickelte, kam schon nicht mehr dazu, sie Virginia Woolf zu zeigen - beginnt der Krieg, der sich schon seit Jahren angekündigt hatte und gegen den Virginia Woolf angeschrieben hatte mit ihrem Essay "Drei Guineen". "Wir müssen Hitler in England angreifen", schreibt sie am 24. Mai 1938 ins Tagebuch und meint damit die restriktiven Strukturen, die die Gesellschaft durchziehen bis ins Allerprivateste: das Verhältnis von Mann und Frau. Im patriarchalischen System sieht sie das Grundmuster der Unterdrückung und den Nährboden für Militarismus und Faschismus. Sie sieht darin die Unterdrückung, die sich ebenso gegen Menschen anderer politischer Überzeugung, Rasse, Religion oder sozialer Zugehörigkeit wenden kann und der sich nur begegnen lässt durch "den Schutz der Rechte des Einzelnen" und "durch die Wahrung der demokratischen Ideale gleicher Chancen für alle".

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