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Kwame Anthony Appiah: Eine Frage der Ehre Vom sittlichen Leben

 ·  Um den Bürger von übergroßen Tugendforderungen zu entlasten, plädiert der amerikanische Starphilosoph Kwame Anthony Appiah in seiner neuen Studie für Sitten und Gebräuche.

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Zum Berufsschicksal der meisten praktischen Philosophen gehört die Wirkungslosigkeit ihrer sorgfältig ausgearbeiteten Theorien. Einen Ausweg aus dem Dilemma, zu viel zu wollen und am Ende nichts zu erreichen, weist der in Princeton lehrende ghanaisch-englische Philosoph Kwame Anthony Appiah in seinem von Michael Bischoff flüssig übersetzten Buch „Eine Frage der Ehre“. Über die Unentbehrlichkeit außermoralischer Motivationsverstärker für den Erfolg „moralischer Revolutionen“ - rascher und tiefgreifender Veränderungen des moralischen Verhaltens - ist er sich vollkommen im Klaren. So habe zur Diskreditierung des Duells im England des 19. Jahrhunderts wesentlich der Umstand beigetragen, dass der ursprünglich dem Adel vorbehaltene Zweikampf von Angehörigen niederer Stände übernommen worden sei und dadurch seine Eignung als Mittel zur Verteidigung der Ehre eines Gentleman zunehmend eingebüßt habe. „Solange die Institution nur als verrückt oder schlecht verdammt wurde, konnte sie weiterhin blühen. Erst als man sie verachtete, ging sie zugrunde.“

Auch dem Zusammenbruch der nahezu ein Jahrtausend alten chinesischen Tradition des Füßebindens von Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts habe keineswegs nur die Einsicht in die moralische Verwerflichkeit dieser zu Verstümmelungen und starken Schmerzen führenden Praxis zugrunde gelegen. Die chinesische Führungsschicht habe vielmehr erkannt, dass sie dem Ansehen Chinas im Ausland außerordentlich abträglich war. In erster Linie sei es den Reformatoren also um die Ehre ihres Landes gegangen, „und wenn die Abschaffung des Füßebindens gut für die Frauen war, umso besser“.

Das Selbstverständnis der Moralphilosophie

Fälle wie diese belegen für Appiah zum einen, dass großflächige Verhaltensänderungen innerhalb einer Gesellschaft zumeist erst dann eintreten, wenn jemand, der an der bisherigen Praxis festhält, mit einer Minderung seines Anspruchs auf sozialen Respekt, seine „Ehre“, rechnen muss. Zum anderen seien die Kriterien, die über die Zuteilung und Entziehung dieses Respekts entschieden, nicht selten ethisch dubios. Moralsoziologisch betrachtet, ist dies ein wenig spektakulärer Befund. Was aber bedeutet er für das Selbstverständnis der Moralphilosophie?

Appiah gälte in den Vereinigten Staaten nicht als Starphilosoph, wenn er sich damit begnügen würde, seine Kollegen an die begrenzte Reichweite ihrer Argumente zu erinnern und sie gleichsam als Trostpflaster auf die Möglichkeit eines anderweitig motivierten Wandels des gesellschaftlichen Überzeugungshaushalts zu verweisen. Mit Nachdruck plädiert Appiah stattdessen dafür, die kluge Indienstnahme außermoralischer Motivationsfaktoren als eine genuin moralphilosophische Aufgabe zu begreifen. „Denn wenn es den Menschen schwerfällt, aus Pflicht heraus zu handeln (wie das offenkundig der Fall ist), haben wir allen Grund, dafür zu sorgen, dass sie andere Gründe haben, das Richtige zu tun.“

Die Aufgaben der politischen Institutionen

Eine kantisch geprägte Moralphilosophie, die ein Verhalten, welches nicht aus dem richtigen Beweggrund heraus erfolgt, pauschal für heteronom motiviert und deshalb für unbeachtlich hält, wäre zu einer solchen Aussage schwerlich bereit. Für den Aristoteliker Appiah, der in seinem Buch „Moralische Experimente“ (F.A.Z. vom 20. Januar 2010) der praktischen Philosophie die Aufgabe zuschreibt, „dem, was gut in unserem Leben ist, eine Stütze zu sein“, ist es dagegen ein Ding der Selbstverständlichkeit, dass ein äußerlich moralkonformes Verhalten allemal besser, nämlich gemeinschaftsverträglicher, ist als ein moralwidriges Handeln. Dank seines von Aristoteles geprägten Selbstverständnisses hat Appiah zudem einen wachen Blick für die ethosprägende Rolle politischer Institutionen und sozialer Praktiken.

Wie Appiah in „Moralische Experimente“ zeigte, besteht die Aufgabe der politischen Institutionen, namentlich des Staates, nicht etwa darin, die Bürger zur Tugend zu führen; Appiah weiß selbstverständlich, dass dieser Aspekt des politischen Aristotelismus unter den Bedingungen des modernen Pluralismus obsolet geworden ist. Sie liegt vielmehr gerade umgekehrt darin, die Bürger von übergroßen Tugendanforderungen zu entlasten. Diese Aufgabe erfüllen die Institutionen, indem sie zum einen, beispielsweise durch die Kodifizierung von Grundrechten, die Anzahl der Anlässe für moralische Konflikte verringern und indem sie zum anderen die Anreizstrukturen für das Handeln der Bürger so modellieren, dass unabhängig von der Dignität der zugrundeliegenden Motive in der Regel moralkonforme Ergebnisse erzielt werden.

Es gibt nur eine praktische Philosophie

Die politischen Institutionen, die vor allem auf das kluge Eigeninteresse der Bürger spekulieren, werden ergänzt durch soziale Praktiken wie die „Ökonomie der Wertschätzung“, zu deren attraktivsten Merkmalen es in Appiahs Worten gehört, „dass wir alle deren Wächter sind“. Ihr Zentrum bildet die Kategorie der Ehre. Die Ehre ist für Appiah nicht etwa ein im Verfall begriffener Überrest einer vormodernen Welt, sondern eine unvermindert vitale Triebkraft, „die ihre Energie aus dem Dialog zwischen unserem Selbstbild und unserem Ansehen bei anderen schöpft“. Um diese Energie zugunsten von moralisch erwünschten Verhaltensänderungen fruchtbar zu machen, „brauchen wir keine Formen von Ehre, die vollständig moralisiert wären und den Anspruch auf Respekt ausschließlich an die Erfüllung moralischer Pflichten bänden. Wir brauchen lediglich einen mit der Moral vereinbaren Ehrenkodex, und das ist eine deutlich schwächere Anforderung.“

Die Vorstellung, moralische Revolutionen ließen sich mittels moralisierender Dauerbeschallung ins Werk setzen, erweist sich in dieser Perspektive als nicht nur politisch, sondern auch philosophisch naiv. Der kluge Aristoteliker reibt sich nicht in dem Bemühen auf, die Bastionen regionaler „Ehrenwelten“ zugunsten eines blutleeren Universalismus zu schleifen. Er lässt sie vielmehr unangetastet, soweit sie moralisch akzeptable Ergebnisse hervorbringen, und sucht sie diskursiv zu verändern, soweit sie dies nicht tun. „Scham und eine sorgfältig dosierte Lächerlichkeit dürften die Instrumente sein, die wir hier benötigen.“

Der Graben zwischen der Konzeption Appiahs und den kantisch inspirierten Standardtheorien der Moralphilosophie ist tief. Statt eine auf das einzelne moralische Subjekt bezogene Pflichten- und Freiheitslehre zu entwerfen, fragt Appiah nach den Gelingensbedingungen eines gemeinsamen guten Lebens. Die gewohnte Trennung zwischen Moralphilosophie und politischer Philosophie wird damit obsolet. Es gibt nur eine praktische Philosophie, und ihren Gegenstand bildet, gut hegelianisch gesprochen, die Sittlichkeit.

Kwame Anthony Appiah: „Eine Frage der Ehre oder Wie es zu moralischen Revolutionen kommt“. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. C. H. Beck Verlag, München 2011. 270 S., geb., 24,95 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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