Home
http://www.faz.net/-gr6-15yno
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kurt Flasch: Meister Eckart Der mit Vorliebe Muskatnüsse austeilte

11.03.2010 ·  Das neue Buch von Kurt Flasch widmet sich Meister Eckart als einem Theoretiker mit Gespür für die Welterschließungskraft begrifflicher Dispositionen.

Von Jürgen Kaube
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Am Anfang war - nicht das Sein oder irgendetwas, sondern das Wort. Das ist, folgt man Kurt Flasch, eine entscheidende Akzentsetzung der Lehre desjenigen christlichen Philosophen, den der Gemeinplatz verlässlich als Mystiker bezeichnet: Meister Eckart. Unter Mystik wird dann meist eine praktizierte Faszination durch Unterschiedslosigkeit, Tiefenberührung und Intellektauflösung ins Visionäre hinein verstanden. Hier, bei Flasch, begegnen wir keiner Meditieranweisung, sondern einem Denker. Dass am Anfang das Wort war und Christus von sich behauptet, die Wahrheit zu sein, nimmt Eckart in seiner „Ersten Pariser Quaestio“ von 1302 als Hinweise auf Intelligenz im Grund aller Dinge.

Gott ist, so betrachtet, vollkommen, weil er denkt, nicht umgekehrt. Denken ist nicht Sein, so wie ein Bild missverstanden würde, nähme man das Dinghafte an ihm, Farbe und Leinwand, als seine wichtigste Bestimmung. Tatsächlich aber ist das, was es ausmacht, eine Relation, diejenige zu dem, wovon es Bild ist und wovon abzusehen zugleich seine Wahrnehmung als Bild bedingt.

Die Seele hat Vorrang

Im Vergleich zu Dingen jedoch sind Relationen „nicht-seiend“. Eckart formuliert, Relationen verdankten sich, wie die Zeit, ein anderes Nichtseiendes, ganz der Seele. Indem allerdings auch das Sein einer Unterscheidung sich verdankt, der vom Nichtsein nämlich, hat das Unterscheiden und Erkennen, in Eckarts Sprache: die Seele, den Vorrang. Theologisch: Gott bewirkt das Sein, also ist das Sein nicht in Gott.

Es ist dies nur eine Stelle in der dichten Abfolge von Deutungen, die Kurt Flasch von Texten Meister Eckarts gibt. Kurz darauf sagt er, Eckart, auch schon wieder anderes, das in Spannung zur „Ersten Quaestio“ steht. Wer seine Argumentationen liest, wird Zeuge einer aufgrund des Willens zur Selbständigkeit ungeheuren Anstrengung, sich in Denkwelten zurechtzufinden.

Anregendes Schachspiel der Begriffe

Doch wer nicht völlig unempfänglich für das Schachspiel der Begriffe ist, die sich frei, aber nicht beliebig bewegen lassen, sich wechselseitig limitieren und mit jedem Zug zu anderen, ebenso schwierigen wie produktiven Lösungen führen, der kann keine Seite dieses Buches aufblättern, ohne auf Denkprobleme zu stoßen, die unendlich anregend sind. Eckart ein Mystiker? Nein, ein Theoretiker mit hohem Gespür für die Welterschließungskraft begrifflicher Dispositionen, so wie es zuvor die Konstrukteure des römischen Rechts und danach Spinoza und Hegel, die großen Linguisten oder die Kybernetiker waren.

Was Flasch an Eckart seit je gefällt, ist die Freiheit, die er sich gegenüber den Denkgewohnheiten seiner Zeit nimmt. Er mag den Gegenspieler des Thomas von Aquino, der wie dieser Dominikaner war, also dem Orden angehörte, bei dem einst auch Flasch sein Philosophiestudium aufnahm. Er favorisiert den, dessen Lehre 1329 päpstlich als „Teufelssaat“ (achtundzwanzig Irrtümer, darunter fünfzehn Häresien, elf übelklingende und verdächtige Sätze sowie zwei ihrer Herkunft nach ungewiss) verurteilt wurde, mag den Provokateur, der „Muskatnüsse“, andere würden sagen: pfeffrige Argumente austeilt. Er mag auch das rhapsodische, sich selbst nicht unter Dogmatisierungszwang setzende Versuchswesen Eckart. Insofern ist Flasch kein reiner Historist, der das vergangene Denken teilnahmslos herreferiert. Zugleich aber widersteht er jeder Versuchung, aus Eckart etwas für die Gegenwart zu machen, wie es schon oft mit katholischen, protestantischen, deutschnationalen, nordischen, existentialistischen oder buddhistischen Motiven versucht wurde. Kurt Flasch ist im Unterschied zu solcher „Aneignungshermeneutik“ (Wolfgang Hübener), von der er uns in seinem Buch berichtet, der große Ethnologe unter den Ideengeschichtlern der Zeit von 400 bis 1600.

Analysieren, nicht glauben

Die Geschichte des Wissens jener Epoche hat er einmal als eine der unausgetretenen Pfade bezeichnet, und ausgetreten sind sie, weil die meisten Geisteswissenschaftler gern analysieren, woran sie glauben. Flasch hingegen sagt: „Ich glaube nicht daran, also fasziniert es mich, das zu analysieren.“ Das - das sind Fragen wie die nach der Erkenntnis der Engel, dem Geburtsort Gottes, des Wirklichkeitsrangs von Hostien, der Logik von Analogien, nach dem Sinn eines Satzes wie „Ich bin, der ich bin“ und so weiter. Es gibt in Deutschland niemanden, der diesem Ideenbestand in den vergangenen dreißig Jahren mehr Interesse verschafft hat als Flasch.

Der Leser merkt schon, dass wir jetzt nicht mehr bei der Rezension eines selber rhapsodischen, ständig neue Informationen und Deutungen liefernden, ständig das eigene Interesse an seinem Thema artikulierenden, die eigene Unsicherheit mitteilenden und fast selbstgesprächshaft formulierten Buches sind. Wir sind - das Buch wird am 23. März in den Buchhandlungen sein - nämlich längst beim heutigen Anlass, bei einem Geburtstagsgruß an den Autor nämlich, der heute unfassbarerweise achtzig wird, was Hoffnung auf Möglichkeiten des intellektuellen Lebendigbleibens gibt. Im vorliegenden Band beweist sich diese Lebendigkeit im Vermögen des Autors, ständig noch ein neues Register zu ziehen: Textphilologie, philosophische Analyse, ideenhistorische Konfliktdarstellung, Ideologiekritik der Rezeption Eckarts, Sozialgeschichte des Intellektuellen, Übersetzungsgeschichte.

Landnehmer der Ideengeschichte

Seit der großartigen Darstellung „Das philosophische Denken im Mittelalter“ von 1986 hat Kurt Flasch diese Perspektivenvielfalt als disziplinären Standard verkörpert. Die Bände „Philosophie hat Geschichte“, die er zu Grundsatzfragen der Befassung mit entlegenen Texten vorgelegt hat, sollten Pflichtlektüre jedes geisteswissenschaftlichen Studiums sein. Von den großen Studien über den Zeitbegriff Augustins und über das Werk des Nikolaus von Kues müssen wir schweigen, sonst wird ihm das Geburtstagslob vollends unerträglich. Aber er muss es und er wird es aushalten: als der bedeutendste lebende Landnehmer der Ideengeschichte vor 1600 bezeichnet zu werden.

Kurt Flasch: „Meister Eckart“. Philosophie des Christentums. Verlag C.H. Beck, 272 S., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

Jüngste Beiträge