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Veröffentlicht: 22.04.2011, 14:35 Uhr

Kurt Flasch (Hrsg.): Was ist Gott? Von Gott in allen Dingen

Knapp formuliert, bildmächtig und mit einer faszinierenden Wirkungsgeschichte: Das mittelalterliche „Buch der 24 Philosophen“ liegt zum ersten Mal auf Deutsch vor, herausgegeben und geistvoll kommentiert von Kurt Flasch.

von Manfred Gerwing
© Verlag

Hegel wollte noch in seiner Vorlesung zur Geschichte der Philosophie „Siebenmeilenstiefel anlegen“, um möglichst rasch über die rund tausend Jahre zwischen dem sechsten und dem sechzehnten Jahrhundert „hinwegzukommen“. Es sei schließlich niemandem zuzumuten, die mittelalterlichen Schriften zu lesen. Sie seien „ebenso umfassend als dürftig, schrecklich geschrieben und voluminös“.

Die mediävistischen Studien, nicht zuletzt die von Kurt Flasch, zeichnen inzwischen ein anderes, weitaus positiveres Bild vom Mittelalter. Der emeritierte Philosophiehistoriker, der von 1970 bis 1995 Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum lehrte, kennt wie kaum ein Zweiter die mittelalterlichen Quellen, interpretiert sie seit über fünfzig Jahren mit Esprit, Witz sowie provozierendem Eigenwillen und belegt in seinen zahlreichen Arbeiten, von denen etliche inzwischen zu Standardwerken der mittelalterlichen Philosophie avancierten, wie sehr uns die zahlreichen Schriften, die eigenwilligen Personen und herausfordernden Probleme der mittelalterlichen Philosophie und Theologie zu denken geben.

Lediglich 24 Thesen

Der lateinische Text, den Flasch hier erstmals mit deutscher Übersetzung und exquisitem Kommentar ebenso leserfreundlich wie geistvoll präsentiert, gehört zu den bedeutenden und wirkmächtigsten philosophischen Werken des gesamten Mittelalters. Er stellt das genaue Gegenteil von jenen Schriften dar, die Hegel bei seinem genannten Verdikt vor Augen gehabt haben muss.

Das Manuskript selbst ist weder „umfassend“ noch „dürftig“. Er umfasst in der Transkription gerade einmal fünf Seiten und handelt doch, wie es in der fünften These heißt, von jener Wirklichkeit, „worüber hinaus Besseres nicht gedacht werden kann“: von Gott. Das Opusculum ist auch keineswegs „schrecklich geschrieben und voluminös“. Der „Liber viginti quattuor philosophorum“, das „Buch von den vierundzwanzig Philosophen“, so sein Titel, ist kurz und knapp. Es besteht lediglich aus 24 Thesen (definitiones), die jede für sich und allesamt eine Frage zu beantworten suchen: „Quid est Deus?“ Was ist Gott?

Antike Vorlagen

Diese vorgelegten Thesen allerdings haben es in sich, werden bereits im lateinischen Text mit wenigen Sätzen kommentiert (sogenannter „alter Kommentar“) und provozierten ihrerseits immer wieder neue Interpretationen, wütende Kritik und weiterführende Reflexionen.

Wer wo wann dieses anregende Werk geschrieben hat, wissen wir nicht. Im Mittelalter und weit darüber hinaus wurde es Hermes Trismegistos zugeschrieben, dem Dreimalgrößten. Tatsächlich schöpft es aus verschiedenen antiken Vorlagen und steht insgesamt in neuplatonischer Tradition. Doch wird es erst im zwölften Jahrhundert von Alanus ab Insulis (gestorben 1202) zitiert, macht ab dem dreizehnten Jahrhundert Karriere und wird unter anderen von Albertus Magnus und Thomas von Aquin schöpferisch rezipiert.

Flasch skizziert die Rezeptionsgeschichte, geht dabei besonders - wen wundert's - auf seinen Lieblingsautor Meister Eckhart (gestorben 1328) ein, mit wenigen Strichen auch auf Berthold von Moosburg (gestorben nach 1361), auf Thomas Bradwardine (gestorben 1349) und - leider nur andeutungsweise - auch auf Nikolaus von Kues (gestorben 1464).

Alle Thesen sind bedenkenswert

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