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Grandhotels : Luxus im Labor der Moderne

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Hotels öffnen sich nicht nur für Reisende, sondern auch für die Bürger der Stadt: Das Café im Grandhotel Europa in Prag. Bild: Picture-Alliance

Hier treffen Adelige auf Bürger, wenn die sich zu benehmen wissen und die Rechnung zahlen können: Eine Geschichte der Grandhotels um 1900.

          Das Grandhotel ist eine bürgerliche Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts. Sie ahmt das Schloss nach und ersetzt es zugleich. Habbo Knoch nimmt diese Fährte auf und entdeckt im Grandhotel das Emblem eines neuen Zeitalters. Zugang erhalten alle, die die Rechnung bezahlen können und sich einigermaßen zu benehmen wissen. Nicht mehr nur Stand und Herkunft, sondern jede Art von persönlicher Distinktion, ob Adelsprädikat, Unternehmertum, Künstlerschaft, gelten nun etwas. Das Grandhotel wird, so Habbo Knoch, zum sozialen Versuchsfeld und „Laboratorium“ der Moderne.

          Der wohlhabende Bürger sieht im Grandhotel die Chance, wie Gott in Frankreich zu leben, und auch die aristokratische Gesellschaft, sofern sie noch zahlungskräftig ist, kann sich dieser neuen Institution nicht entziehen. Alle nutzen die neuen Reisemöglichkeiten mit der Eisenbahn. Bahnhöfe und die Grandhotels an Seepromenaden, Meeresstränden oder im Gebirge bringen unterschiedliche Kreise zusammen.

          Ein Schloss für die Bürgergesellschaft

          Seit dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert werden gehobene Gasthäuser in Europa wie in Nordamerika als „Hotel“ bezeichnet, abgeleitet vom französischen Begriff des „hôtel“ für das adlige Stadtpalais. Entscheidend für die Entwicklung des Grandhotels wurde ein verändertes Raumprogramm gegenüber dem herkömmlichen gehobenen Gasthaus. Knoch, der Geschichte in Köln lehrt, führt das „City Hotel“ in New York an, das 1796 eröffnet wurde und mit Ballsaal und Theater die Räumlichkeiten eines Schlosses imitierte und zugleich eine Institution der republikanischen Bürgergesellschaft sein wollte.

          In Deutschland übernahm diese Pionierrolle ein Verleger, zu dessen Autoren auch Schiller und Goethe gehörten: Johann Friedrich Cotta. Er erwarb mit einem Partner in Baden-Baden ein säkularisiertes Kapuzinerkloster und ließ es von dem renommierten Architekten Friedrich Weinbrenner zum großen Hotel umbauen: zum „Badischen Hof“, ausgestattet mit Ball- und Speisesaal im ehemaligen Kirchenraum, ferner mit Casino, Theater und sechzig Zimmern. Nach Cottas Vorstellung sollten hier die Standesgrenzen zwischen Adel und Bürgertum überwunden werden.

          Außen nobel, innen Industrie

          Je schneller Industrie und Kapitalvermögen wuchsen, desto mehr Grandhotels entstanden. Schrittmacher waren, was die Größe anbelangte, die Vereinigten Staaten. Das „Tremont House“ in Boston empfing den Gast seit 1829 mit einem dorischen Portikus und verfügte über hundertsiebzig Zimmer. Ein paar Jahre später entstand, nach Plänen desselben Architekten, das „Park Hotel“ am Broadway in New York und erhielt bald den berühmteren Namen „Astor House“, nun schon mit mehr als dreihundert Zimmern, aufwendigem Service und erstklassiger französischer Küche als Aushängeschild.

          Im maurischen Stil: Das Grandhotel Excelsior am Lido von Venedig. Bilderstrecke
          Im maurischen Stil: Das Grandhotel Excelsior am Lido von Venedig. :

          Der Broadway wurde zum Vergnügungsviertel von „Midtown“ im Gegensatz zum Geschäftsviertel von „Downtown“, bis ihm später die Fifth Avenue den Rang ablief. Das „Waldorf-Astoria“ an der Fifth Avenue konnte 1897 mit rund tausend Zimmern werben. Was sich architektonisch nobel gab, war im Kern Industrie: ein Stahlskelettbau, verkleidet nach den Idealen der Beaux-Arts-Schule: Talmiglanz und Standardisierung.

          Neue Formen der Individualität

          In Europa verlief die Entwicklung etwas gemäßigter. In Berlin etwa war ein Vergnügungsviertel in der Hauptstadt mit halböffentlichen Grandhotels, Restaurants, Cafés und Operettenbühnen gar nicht vorgesehen. Adel wie Bürgertum sollten eine asketische Haltung und die Bürger zumal die Häuslichkeit pflegen. Doch nach der Reichsgründung von 1871 hegte man auch an Spree und Panke den Ehrgeiz, eine „Weltstadt“ zu werden, mondän, von internationaler Bedeutung. Grandhotels wie der „Kaiserhof“ und später das „Adlon“ wirkten bahnbrechend.

          Knoch tischt eine Menge Fakten auf, und es kann sein, dass der Leser zwischendurch den Überblick verliert oder sich Argumente wiederholen. Ralf Nestmeyer hat in seinen Buch „Hotelwelten“ dasselbe Thema bündiger behandelt. Dennoch ist man Knoch dankbar für das reiche Quellenmaterial und den sorgfältig zusammengestellten Anhang, der die Möglichkeit bietet, sein Wissen zu vertiefen. Der eigentliche Clou des Buches besteht darin, dass der Autor einer Phänomenologie des Grandhotels eine Phänomenologie der Moderne unterschiebt: soziale Verwandlungsdynamik, Verfall und Fortschritt, dialektische Struktur von herkömmlicher Ordnung und neuen Formen der Individualität – die Geburt der Moderne aus der Perspektive des Grandhotels.

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