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Kuhlmann: Die Grenzen unserer Lebensform : Unter welchen Zugzwang setzt uns die PID?

Bild: Verlag

Zwei Drittel aller Präimplantationsdiagnostiken im Ausland werden schon heute als Screening bei künstlicher Befruchtung angewandt. Zwei Bücher entwerfen das Panorama einer selektierenden embryonalen Qualitätskontrolle.

          Der 2009 verstorbene, selbst spastisch gelähmte Philosoph und Publizist Andreas Kuhlmann stellt fest: „Der demokratische Konsens, dass Minderheiten nicht diskriminiert und dann, wenn sie benachteiligt sind, gar besonders gefördert werden sollen, wird in Frage gestellt, wenn breitgestreute Testverfahren dafür sorgen, dass behinderte Menschen gar nicht erst geboren werden. Ihnen wird gewissermaßen der Zugang zur Solidargemeinschaft versperrt. Und dies ist auch dann ein Problem, wenn man nicht davon ausgeht, dass dadurch das Lebensrecht menschlicher Föten verletzt wird oder dass als reale Folge dieser Selektionspraxis auch lebenden Behinderten Unterstützung entzogen wird. Der ,Skandal' besteht vielmehr darin, dass die Gesellschaft zu erkennen gibt, dass ihre Bereitschaft zu praktizierter Solidarität nicht der Ausdruck einer gleichsam unbedingten Akzeptanz behinderter Personen ist. Zunächst wird versucht, die Geburt dieser Menschen zu verhindern, und erst, wenn dies misslingt, wird ihnen - wenn es gut geht - Unterstützung zuteil.“ Dieser ursprünglich in der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“ veröffentlichte Text unter der Überschrift „Reproduktive Autonomie?“ ist einer von mehreren Aufsätzen Kuhlmanns, die nun in dem Band „An den Grenzen unserer Lebensform“ gesammelt vorliegen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          In der vom Frankfurter Institut für Sozialforschung herausgegebenen Buchreihe nehmen Kuhlmanns pointierte „Texte zur Bioethik und Anthropologie“, so der Untertitel, einen entschieden soziologischen Blickwinkel auf die virulenten bioethischen Debatten ein. Axel Honneth unternimmt im Vorwort den Versuch, Kuhlmanns Argumente als soziologische Ernüchterung weitverbreiteter medizinischer Präventions- und Heilsversprechen zu beschreiben. Die Grundthese Kuhlmanns stellt Honneth als eine Art Dialektik der Autonomie dar: „Die Verheißungen der modernen, technologisch hochgerüsteten Medizin können eine Sogwirkung entfalten, in deren Folge wir unter dem ,Zugzwang' einer immer weiteren Perfektion unserer Gesundheit geraten, an deren Ende die totale Fremdkontrolle und Verkümmerung unserer lebensweltlichen Bindungen steht.“

          Die technische Optimierung der künstlichen Befruchtung

          Beispiel Präimplantationsdiagnostik (PID), die durch die erwähnte Erklärung Kuhlmanns zur antiegalitären Selektionsgesellschaft mitberührt wird. Die Ausweitung dieses Verfahrens, deren Pro- wie Kontragründe er auf höchst faire, ja skrupulöse Weise erörtert, liegt für Kuhlmann gleichsam in der Natur der künstlichen Befruchtung, wie er in dem Aufsatz „Wunschkinder aus dem Labor?“ festhält: „Dafür, dass es bei der Zulassung der PID zu einer Ausweitung ihrer Anwendung über die zunächst anvisierten Fallkonstellationen hinaus kommt, spricht in der Tat vieles.“ Kuhlmann schrieb dies im Jahre 2004. Damals war die PID noch nicht in dem Maße ein Standardangebot zum Embryonenscreening bei künstlicher Befruchtung (IVF), wie sie es im Ausland heute ist. Laut Bericht der European Society for Human Reproduction and Embryology (ESHR), die in der PID-Stellungnahme des Deutschen Ethikrats zitiert wird, werden heute gut sechzig Prozent aller Präimplantationsdiagnostiken international zu diesem Zweck durchgeführt.

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