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Krankheit der Jugend

Camille de Toledo sucht Therapien für seinen Globalisierungsweltschmerz / Von Claudius Seidl

Als alles anfing, war Camille de Toledo sehr krank, er fühlte sich zumindest so, er spürte etwas, das er das "Asthma der Seele" nannte, ein Gefühl der Angst, der Atemnot und der Beklemmung in dieser globalisierten Welt, welche, so kam es dem Patienten jedenfalls vor, kein Außen mehr kennt, kein Jenseits, kein Gegenüber. Er wußte aber, daß er, wenn er das Seelenasthma kurieren wollte, trotzdem hinausmußte, an die frische Luft, und weil er den Weg nicht alleine fand, hat er die besten Therapeuten aufgesucht, die Professoren Deleuze und Guattari, den Doktor Foucault, auch Scharlatane wie den Anarchisten Hakim Bey und Naturheilkundler wie die deutschen Romantiker des frühen neunzehnten Jahrhunderts.

Ob Toledo am Schluß geheilt war, oder ob er nur ein wenig Linderung erfuhr, das wird nicht ganz klar aus seinem Krankheitsprotokoll, welches er in Frankreich vor zwei Jahren unter dem seltsamen Titel "Archimondain Jollipunk" veröffentlichte und das jetzt den schönen deutschen Titel "Goodbye Tristesse" trägt - und womöglich ist das ja auch weniger wichtig als die Wirkung, welche das Buch auf seine Leser haben möchte. Es ist wohl, um bei den medizinischen Begriffen zu bleiben, auch als eine Art von Impfung gedacht; man fängt sich bei der Lektüre das Seelenasthma selber ein, man spürt die Beklemmung, wird von den Panikattacken erfaßt, damit man gestärkt und vielleicht sogar immun daraus hervorgehe, und insofern sind jene Passagen, in welchen das Lesen zur Qual wird und der Autor zu einer Nervensäge, der man nur noch zurufen möchte: "Komm endlich zur Sache, Mann!", kein Beleg für das Scheitern. So eine Therapie muß ja auch mal wehtun.

Daß Frankreich sich so sehr für diesen Autor interessierte, lag aber nicht bloß daran, wie heftig Toledo an der Welt litt und noch immer leidet. Es lag auch am Nachwort, in welchem sich der junge Mann (als das Buch herauskam, war er sechsundzwanzig) als den mißratenen Sohn einer prominenten Industriellenfamilie vorstellte, und weil der Text andauernd schillert zwischen Pamphlet, Theorie und Autobiographie, mobilisiert er naturgemäß auch voyeuristische Instinkte, womit Toledo sich nicht unbedingt immer einen Gefallen tut. Von seinem tief empfundenen Leiden am herrschenden System, so möchte man ihm immer wieder raten, soll er, der verwöhnte Sohn reicher Eltern, doch mal jenen Leuten berichten, deren Problem mit dem Kapitalismus eher darin besteht, daß sie keine bezahlte Arbeit haben oder der Lohn nicht für die Miete reicht.

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