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Kopistentraum: Sigmar Polkes Künstlerbuch "Daphne"

24.03.2004 ·  Es sind nicht selten Fehler, Abweichungen oder Knoten, aus denen Neues entsteht, seien diese nun unvermeidbar oder bewußt herbeigeführt. Wer den Bogen raus hat, den Spielraum eines bestehenden Systems auszunutzen, der vermag scheinbar unumstößliche Prinzipien zu überlisten. Was dann beginnen kann, ...

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Es sind nicht selten Fehler, Abweichungen oder Knoten, aus denen Neues entsteht, seien diese nun unvermeidbar oder bewußt herbeigeführt. Wer den Bogen raus hat, den Spielraum eines bestehenden Systems auszunutzen, der vermag scheinbar unumstößliche Prinzipien zu überlisten. Was dann beginnen kann, ist eine ganz besondere Art der Jagd nach dem Schönen.

Mit Hintergedanken hat Sigmar Polke sein schwergewichtiges, großformatiges Künstlerbuch "Daphne" genannt - ein prächtiges, mittels präzisem Digitaldruck in hartem Schwarzweiß verfertigtes Kompendium von vierundzwanzig Sequenzen seiner Fotokopierkunst im Originalformat. Was man staunend vor Augen hat, ist nichts weniger als der abermalige Beweis für Polkes Lust an der Bild-Metamorphose in Permanenz. Denn von "Betriebsfest" bis "Oswald", von "Wurstfinger" bis "Germania" und "Paulskirche" jagt Polke allerlei gezeichnete, kopierte, gerasterte und manipulierte Vorlagen derart virtuos über das Belichtungsfenster eines profanen Fotokopierers, bis Demokraten durch den Raum wirbeln und nur noch die Säulen Ruhe bewahren oder Putti ihresgleichen nicht nur mittels einer Maske erschrecken, sondern diese in furios gedehntem Lauf wie den verwandelten eigenen Kopf vor sich hertragen.

In den "Metamorphosen" des Publius Ovidius Naso ist es der Streit zwischen Apoll und Amor, wer von beiden besser mit dem Bogen umzugehen vermag, der den Anstoß zu der bekanntlich unglücklich endenden Liebe des göttlichen Jünglings Apoll zu der peneïschen Nymphe Daphne gibt. Entzündet doch der eine Pfeil die Begierde, die der andere indes hemmt. So wird Daphne, die um so schöner erscheint, je drängender der Gott sie verfolgt, am Ende in ebenjenem Moment, als die Kraft ihr versagt und seine Hände nach ihr greifen, von ihrem Vater in einen Lorbeerbaum verwandelt. "Was bleibt", heißt es bei Ovid, "ist die glänzende Schönheit." Von Sigmar Polkes Liebe zur Metamorphose indes kann man nicht behaupten, sie sei unglücklich. Doch bleibt auch für ihn, der im Bild stets der Idee nachjagt, die sich in dem je einen niemals wahrhaft fassen läßt, immer nur hölzernes Papier und schnödes Ergebnis - so trefflich es scheinen mag.

Seit 1982 verwendet Polke bei seiner Jagd auch profane Fotokopierapparate, um sein unstillbares Verlangen nach unvorhersehbaren Bildern stillen und die Ergebnisse eines halb der Hand des Künstlers, halb dem Zufall geschuldeten Gestaltwandels auskosten und eventuell später in Gemälden verwenden zu können. Auf diese Weise übt er sich gut manieristisch in der Kunst der Überbietung, läßt das reproduktive Medium derart heißlaufen, bis es gleichsam seinen Auftrag vergißt und Verrat an der Sache der Reproduktion übt. So entsteht auf wundersame Weise aus der Kopie einer Kopie wieder ein Unikat. Wie Daphne vor dem Gott, so flieht Polkes xerographische Verwandlungskunst vor der endgültigen Erfüllung. Denn nichts darf Bestand haben; alles bleibt Passage und Umsteigestation zum nächsten, unvordenklichen Zustand.

Längst hat der Möglichkeitssinn des Ironikers Polke also Medien ergriffen, die für gewöhnlich kaum zum Generieren neuer Bilder taugen. Dabei muß Polke die Maschine nicht einmal gegen ihre ursprüngliche Funktion wenden, um zu erforschen, was die Erscheinungen im Innersten zusammenhält. Was erscheinen will, das soll frei sein, zu erscheinen. Womit das Werk nicht mehr zur Totenmaske der Konzeption wird, sondern sich unablässig im Begehren des Unvorhersehbaren fortzeugt. So düpiert Polkes Verfahren einerseits die fotomechanische Reproduktion; andererseits reproduziert es aber die Logik des Begehrens selbst, indem es die Erfüllung aufschiebt und den Mangel, der das Begehren antreibt, aufrechterhält. Erst wenn es von der Hand des Künstlers wieder durch den Kopierer gejagt wird, vermag das "gestohlene" Bild seine Fesseln abzuwerfen.

THOMAS WAGNER.

Sigmar Polke: "Daphne". Hrsg. und mit einem Text von Reiner Speck. Snoeck Verlagsgesellschaft, Köln 2004. 440 S., geb., bis 1. Juni 298,-; danach 398,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2004, Nr. 71 / Seite L10
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