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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Kommt Zeit, kommt Tatsache

 ·  Der Physiker Henning Genz bringt die Realität auf den Begriff

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Als der amerikanische Kongreß im Jahr 1993 den Bau des riesigen Teilchenbeschleunigers SSC stoppte, machte bald eine kuriose Verschwörungstheorie die Runde. Demnach seien die Volksvertreter Einflüsterungen postmoderner Philosophen erlegen, denen zufolge es sich bei den Erkenntnissen der Naturwissenschaft lediglich um soziale Konstrukte handelt. Diese Theorie zum Ende des SSC und der dafür bereits im texanischen Wüstensand verbauten Dollarmilliarden überschätzt den Einfluß der Intellektuellen in Washington bei weitem. Sie ist aber symptomatisch für die Unzufriedenheit vieler Naturwissenschaftler (meist Physiker) damit, wie seit Thomas S. Kuhn über ihre Profession nachgedacht wird.

Als Kuhn (selbst gelernter Physiker) nämlich den Begriff des Paradigmenwechsels in die Wissenschaftsgeschichte einführte, beförderte er just einen solchen. An die Stelle einer monumentalischen, allenfalls noch Popper nachbuchstabierenden Historie interessierter Emeriti trat eine kulturwissenschaftlich informierte Analyse, für die es nicht von vornherein ausgemacht war, daß es in den Naturwissenschaften ihrer Erfolge wegen grundsätzlich anders zugehen müsse als in anderen sozialen Veranstaltungen. Nun können Kuhn und die moderne Wissenschaftsgeschichte für die steile These von der Naturwissenschaft als sozialer Begriffsdichtung genausowenig wie Hegel für die Berliner Mauer. Doch schon Alan Sokal (auch ein Physiker), der diese und andere burleske Denkfiguren 1996 in seinem berühmten Scherzartikel vorführte, zürnte jedem, der es wagt, in der Frage der Realität unserer Naturtheorien über Popper hinauszudenken. Noch fürchterlicher aber zürnte der Nobelpreisträger Steven Weinberg (natürlich ein Physiker) - ihm wird nachgesagt, die Berufung des angesehenen Wissenschaftshistorikers Norton Wise nach Princeton verhindert zu haben.

Auch Henning Genz ist Physiker - Professor für Theoretische Physik an der Universität Karlsruhe -, und auch er ist nicht gerade glücklich mit dem Weg, den die Wissenschaftsbetrachtung genommen hat. Am Wort Poppers möchte Genz kein Jota missen, und Steven Weinberg ist für ihn in der Auseinandersetzung mit den finsteren Mächten der Postmoderne der "defensor fidei". Dennoch ist sein aktuelles Buch für wissenschaftstheoretisch Interessierte der Gegenwart lesenswert - auch und vor allem für solche ohne Physikstudium. Das nicht nur deshalb, weil alles Physikalische akribisch und, wie man es von früheren Büchern des Autors kennt, mit pädagogischem Eros erklärt wird, sondern weil der Realismus, für den Genz hier eine Lanze brechen will, typisch für die meisten praktizierenden Physiker sein dürfte. Dadurch gibt das Buch Einblick in die Denk- und Erfahrungswelt einer naturwissenschaftlichen Disziplin, die sich mehr als alle anderen zum Gespräch und zum Streit mit den Kulturwissenschaften herausgefordert sieht.

Allerdings ist der Band nicht leicht zu lesen. Statt essayistischen Virtuosentums erwartet den Leser Genauigkeit und die Mühe des Begriffs. So hat der Autor den Verlag offenbar überzeugt, auf einen knackigen Titel zu verzichten - wohl wissend, wie leicht dergleichen im Deutschen verunglückt. Statt dessen titelt Genz gleich mit der zentralen These des Buches: Das, was die Realität der naturwissenschaftlich zugänglichen Welt ausmacht, so Genz, sind vor allem die Naturgesetze. Es sind nicht allein die Beobachtungstatsachen, die "Basissätze", wie Genz sie in Anlehnung an Popper nennt - und ganz und gar nicht sind es die Dinge, seien es Steine oder Stühle, Atome oder Planeten. Für Genz ist dieser Befund ein Fluchtpunkt der Physikgeschichte seit Isaac Newton. Der berühmte Brite hatte im siebzehnten Jahrhundert damit begonnen, das mechanistische Naturverständnis, welches die Forscher von Aristoteles bis Descartes zugleich inspirierte und in die Irre führte, durch ein mathematisches zu ersetzen. Die letzten Reste des Mechanismus wurden der Physik dann durch die Quantentheorie ausgetrieben. Die noch zu Beginn des Jahrhunderts betonte Unterscheidung zwischen dem "formalen mathematischen" und dem "realen physikalischen" Denken ist spätestens mit Born und Heisenberg perdu und wurde danach allenfalls noch von den Ideologen der einen oder anderen "wissenschaftlichen Weltanschauung" gepflegt.

Der Realitätsbegriff der modernen Physik hat nach Genz also nichts mehr mit dem naiven Realismus zu tun, den die Philosophen seit Platon problematisierten. Doch nicht irgendwelche erkenntniskritischen Bekenntnisse, sondern schlicht seine Forschungspraxis legt dem Physiker nahe, in den Bezeichnungen für die eigenen Gegenstände - etwa "Teilchen" oder "Felder" - tunlichst nur Metaphern zu sehen, deren Realitätsgehalt von den Gesetzen bestimmt wird, die sie regieren. "Die Naturgesetze als Aussagen über die Beziehungen von Basissätzen zueinander", so Genz, "sind ,realer' als viele der Objekte, deren Existenz ihre Formulierung unterstellt." Woher aber weiß der Physiker, wann er wirklich ein reales Naturgesetz vor sich hat und nicht nur ein Theoriegebäude, über das die Zeit hinweggehen wird wie über Phlogiston und Weltäther? Als guter Popperianer ist Genz um eine Antwort nicht verlegen: Die Realität einer Theorie zeigt sich eben in dem Umstand, daß die Zeit nicht über sie hinweggegangen ist.

Sind die Naturgesetze damit nicht Realitäten auf Abruf? Daß sie es oft nicht sind, liegt an der besonderen Struktur der Logik naturwissenschaftlicher Forschung: "Von jeder Theorie", schreibt Genz, "ist von vornherein klar, daß ihr Gültigkeitsbereich beschränkt ist, und der schließt alles ein, worin sie erfolgreich überprüft wurde." Naturwissenschaftlicher Fortschritt besteht im wesentlichen aus der Erweiterung der Gültigkeitsbereiche von Theorien, etwa indem neue Technologien zusätzliche Basissätze ermöglichen oder neue mathematische Verfahren bekannte Basissätze neu in Beziehung setzen. Es ist diese Beschränkung naturwissenschaftlicher Theorien auf das in ihnen jeweils Nachprüfbare, der sie ihren Erfolg verdanken.

Genz behauptet allerdings auch, die erfolgreichen Theorien seien völlig unabhängig davon, wie die Forscher auf sie gekommen sind. Diese These, gerichtet offenbar an die Adresse sozialkonstruktivistischer Wissenschaftstheoretiker, ist ebenso problematisch, wie sie zur Verteidigung eines wohlverstandenen naturwissenschaftlichen Realismus unnötig ist. Problematisch ist sie, weil gerade die moderne wissenschaftshistorische Forschung zeigt, wie abhängig Theorien von den Kontexten ihrer Entstehung und auch von den weltanschaulichen Prämissen ihrer Urheber sind. Die Kreisbahnen des Kopernikus hatten durchaus Einfluß auf die aus seiner Theorie folgenden Basissätze - allerdings einen, der deren Durchsetzung eher im Wege stand.

Der Realitätsgehalt erfolgreicher Theorien erschließt sich oft erst in der Rückschau, wenn ihr Gültigkeitsbereich längst erweitert ist. Doch das gefährdet die Realität der dabei entdeckten Naturgesetze nicht im mindesten. Es zeigt lediglich, daß die Wirklichkeit und jedes noch so wissenschaftliche Bild, das wir uns von ihr machen, eben doch nicht dasselbe sind. Diese Bilder - im Falle der Physik die Theorien - sind durchaus Menschenwerk. Wer ihnen allein deswegen jedoch den Wirklichkeitsbezug abspricht, der denkt zu gering vom Menschen.

ULF VON RAUCHHAUPT

Henning Genz: "Wie die Naturgesetze Wirklichkeit schaffen". Über Physik und Realität. Hanser Verlag, München 2002. 364 S., Abb., geb., 24,90 [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2003, Nr. 239 / Seite 38
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