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: Kommen Sie gut über die Runden!

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Ein Mantra der Ratgeberliteratur lautet: "Lebe jetzt!" Ganz dem Moment hingegeben sein, achtsam in der Gegenwart aufgehen - als Glücksrezept macht dieser Aufruf zum präsentischen Leben die Runde. Doch was sagen professionelle Seelendeuter dazu? Zunächst mag es erstaunlich sein, dass sie überhaupt etwas dazu sagen.

          Ein Mantra der Ratgeberliteratur lautet: "Lebe jetzt!" Ganz dem Moment hingegeben sein, achtsam in der Gegenwart aufgehen - als Glücksrezept macht dieser Aufruf zum präsentischen Leben die Runde. Doch was sagen professionelle Seelendeuter dazu? Zunächst mag es erstaunlich sein, dass sie überhaupt etwas dazu sagen. Scheint die Frage nach dem Zeitverhältnis doch mehr eine philosophische als eine psychologische zu sein. Es ist denn auch eine dezidiert philosophische Richtung innerhalb der Psychoanalyse, die hier etwas beizutragen hat: die ausdrücklich an Ludwig Binswanger und Martin Heidegger anknüpfende Richtung der Daseinsanalyse. In daseinsanalytischer Sicht, so schreibt Alice Holzhey-Kunz in ihrem sehr lesenswerten, zusammen mit Alfried Läpple verfassten Buch, steht die Parole "Lebe jetzt!" typischerweise für den Weltentwurf der Borderline-Persönlichkeit.

          "Lebe jetzt!" ist, so gesehen, ein Ausdruck der Abwehrform der Spaltung, nicht zu verwechseln mit dem, was man unter Verdrängung versteht. "Wer verdrängt, lebt mit Erinnerungen und Erwartungen, welche die beiden Zeitdimensionen der Vergangenheit und Zukunft offenhalten. Die Spaltung hingegen lässt eine reine, von Vergangenheit und Zukunft abgeschnittene Gegenwart entstehen." Sie "bewirkt also ein Leben im ,Hier und Jetzt' und entpuppt sich unversehens als Ermöglichung eines heute viel gepriesenen Lebensideals, das Befreiung von den Belastungen und Entbehrungen verspricht, die Vergangenheit wie Zukunft der jeweiligen Gegenwart auferlegen".

          Die Ratgeberliteratur fürs Leben im Momentanen schickt den Ratsuchenden also geradewegs in den Wahnsinn hinein. Sie verstärkt Facetten des Borderline-Syndroms, das im abrupten Ausleben von Impulsen erscheint, im unberechenbaren Wechsel von Idealisieren und Abmeiern anderer, in einem simulativen Selbstverhältnis, vollkommen blind fürs eigene übergriffige und rein instrumentelle Sozialverhalten: "Der plötzliche Umschlag von Idealisierung in radikale Entwertung einer anderen Person spiegelt die Fragilität des Gefühls der eigenen Stärke und Freiheit wider. Die Borderline-Persönlichkeit ist darauf angewiesen, dass die Umwelt ,mitspielt'. Wer sich von ihrem Machtanspruch nicht beeindrucken lässt, demonstriert damit eine Eigenmacht, die Angst auslöst und deshalb durch Entwertung verkleinert werden muss."

          Ein Befund, der seine genaue Entsprechung in den jüngsten Phänomenologien des Borderliner findet, wie sie etwa von Erik Mertz in seinem erschütternden Bericht "Borderline. Weder tot noch lebendig . . . Einzelheiten aus der subtilen Hölle des neuen Menschen" vorgelegt wurden. Dort wird der Fall einer sozialpsychiatrischen Einrichtung geschildert, die sich durch das Borderline-Gebaren ihres psychiatrischen Leiters in eine Zone der totalen Simulation verwandelt. "Diesem Psychiater konnte keineswegs ein autoritativer Führungsstil im üblichen Sinne oder ähnliches nachgesagt werden, auch bestand kein gravierender fachlicher Dissens zwischen ihm und den Mitarbeitern. Die destruktiven Wirkungen erzielte er auf ganz eigene Weise, vor allem durch ein endloses Feuerwerk von abrupten und vollkommen unvermittelten Brüchen. Man bewegte sich grundsätzlich auf dünnem Eis, das jederzeit einbrechen konnte und dann plötzlich wieder tragfähig schien." Die Situation, so fährt der Bericht fort, wurde von den Mitarbeitern in eine Art Wettbewerb umgemünzt, "bei dem es darum ging, möglichst unbeschädigt und gut gelaunt über die Runden zu kommen". Die Fähigkeit, mit dem gestörten Chef "geschickt umzugehen" und dabei persönliche Vorteile herauszuholen, wurde intern zum "Nachweis" besonderer "psychologischer Kompetenz": ein ganzer Betrieb im Bann des Borderline-Syndroms.

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