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: Körperliches, kurzgeschlossen

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Glaubt man dem düsteren Büchlein mit dem in manichäischer Manier diagonal zweigeteilten Umschlag, so steht der Zerfall unserer Kultur unmittelbar bevor. Man weiß nicht genau, warum, denn zu viele Ursachen auf einmal werden genannt: der Verlust der Wahrheit, der "relativistische Kern" moderner Demokratien, ...

          Glaubt man dem düsteren Büchlein mit dem in manichäischer Manier diagonal zweigeteilten Umschlag, so steht der Zerfall unserer Kultur unmittelbar bevor. Man weiß nicht genau, warum, denn zu viele Ursachen auf einmal werden genannt: der Verlust der Wahrheit, der "relativistische Kern" moderner Demokratien, eine "Diskriminierung von Christen weltweit", außerdem neue harte Zeiten, denn der Spaßgesellschaft geht das Geld aus, vor allem aber eines: die Krise der Moral.

          Gabriele Kubys Buch kennt die Schuldigen: Es sind die "Gender-Aktivisten" (Gabriele Kuby: "Die Gender Revolution". Relativismus in Aktion. fe-medienverlag, Kisslegg 2006, 157 S., br., 9,95 [Euro]). Langsam, aber unaufhörlich haben sie seit '68 strategisch geplant das öffentliche Sprechen und die Gesetzgebung verändert. Haben falsche Toleranz erzwungen. Nein, schlimmer: eine regelrechte "Gender-Revolution". Deren Folgen? Aufklärungsunterricht in den Schulen, zerrüttete Ehen, Abtreibung, Homosexualität, Klonierung, Geschlechtsumwandlung. Der Kampf um Pädophilie und Polygamie sei voll im Gang. Die Hoffnung und Absicht der Gender-Aktivisten sei es, in allen diesen Hinsichten "das Empfinden der Kinder umzuprogrammieren, wenn man sie nur vom Kindergarten an entsprechend indoktriniert". Kurzum: Wir stehen vor dem Abgrund, wie dies unnachahmlich in der Aneinanderreihung von Klischees bislang nur Peter Hahne in seiner Schrift "Schluss mit lustig" vorzuführen verstand. Nun wird das Untergangspanorama mit anderen Akzenten auch von Gabriele Kuby gezeichnet. Die Gender-Revolution, so erklärt Kuby, "spaltet und schwächt die westliche Zivilisation".

          Nichts im Text ist originell. Das bräuchte es auch nicht unbedingt zu sein, wäre es wenigstens durchdacht. Stattdessen stößt man auf ein Konglomerat von falschen Voraussetzungen, Fehlschlüssen und Ressentiments. Vor der homophoben Polemik prallt man zurück. Die von Zitaten durchsetzte Sprache wirkt angestrengt, die politisch aggressiven Umkehrfiguren lassen schaudern: Wer anders liebt, macht angeblich die Mehrheit zum Opfer, Antidiskriminierung verbiete die "Identifikation mit dem eigenen Standpunkt", und: warne man die Betroffenen nicht vor den Folgen ihrer Homosexualität, dann seien deren Freiheitsrechte "verletzt".

          Ein argumentatives Detail fällt freilich auf, welches - sagen wir es vorsichtig - die Bedeutung der Biologie betrifft. In Anlehnung an die päpstliche Enzyklika "Humanae Vitae" von 1968 beschwört Kubys Büchlein die normative Kraft des Biologischen und die Aufgabe von Eheleuten, "das Leben weiterzugeben". Ist Leben hier aber ein schöpfungstheologischer Begriff? Augenscheinlich nicht. Im Gegenteil: Die abendländische Bedrohungslage wird im Text unter Berufung auf die modernen Lebenswissenschaften modelliert. Die "Gender-Ideologen", so Kuby, "ignorieren und unterdrücken die Forschungsergebnisse der Hirnforschung, Medizin und Psychologie, welche die unterschiedliche Identität von Mann und Frau in der Gehirnstruktur, im Hormonhaushalt und in der psychischen Struktur nachweisen". Mit verblüffender, an dieser Stelle gar nicht erwarteten Wissenschaftsgläubigkeit heißt es über die Ideen der "Gender-Ideologen", sie seien "eine zynische Verleugnung aller Erkenntnisse der Psychologie". Gehört der Mythos vom weiblichen Gehirn etwa auch zu den angeblich unbezweifelbaren Forschungsergebnissen?

          Das Sexuelle erscheint bei Kuby als die Bedrohung schlechthin, zugleich aber wird die Sexualität selbst naturalistisch fixiert. Tue unsere Gesellschaft alles, um "den Menschen in die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung zu treiben", so treffe dies den Menschen "am innersten Kern seiner Existenz, nämlich der Sexualität". Und: Wie sei es möglich, dass in unserer Zivilisation "der Fortpflanzungsmechanismus der Spezies Mensch" beschädigt worden sei?

          Werfen wir einen Blick in die einschlägige Enzyklika, so lag der Biologismus allerdings schon damals in der Luft. Der päpstliche Text ist hier zumindest missverständlich. Was er objektivistisch als Naturrecht ausgibt, ließe sich auch als naturalistischer Fehlschluß kritisieren. Ausdrücklich ist dort im Abschnitt über die verantwortliche Elternschaft - mit der erklärten Absicht, die "leges naturales" des Thomas von Aquin zu aktualisieren - in einem normativen Sinne von "biologischen" Prozessen ("biologici processus") die Rede sowie von den "biologischen" Gesetzen ("biologicae leges") in den "Fortpflanzungskräften" ("facultas vitae procreandae"), die zur menschlichen Person gehören. Die Tendenz, das Sexuelle "naturgemäß" normieren zu wollen und die empirischen Abweichungen als "widernatürlich" hinzustellen, amalgamiert sich mit dessen Biologisierung offenbar recht gut. Kuby gibt noch eine Prise Kulturverfallstheorie hinzu: "Wenn eine Gesellschaft drei Generationen lang völlige sexuelle Freiheit vor der Ehe gewährt, dann sinkt sie auf das unterste Niveau."

          Sollten Moral und Biologie tatsächlich derart kurzzuschließen sein, wie Kuby das behauptet? Aus ihrem Buch spricht nicht nur Panik, sondern auch eine befremdliche Mischung aus Schöpfungstheologie und dem szientifischen Naturalismus der Lebenswissenschaft.

          PETRA GEHRING

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